Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 4 (15.2.1931)
- Article
- Dostojewski in Deutschland
- Date
- 1931-02-15
- Page
- Seite 53 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 53 Malerei und die massiven sozialen Forderungen im „Raskoljinikow", im „Idiot" oder in den „Brüdern Karamasow", den „zersetzenden Naturalismus" in den Schilderungen des Wahnsinns und die Verbrecherangst, die Sozialschilderung des russischen Elends, das „kranke Gehirn" und die raffinierte Grausamkeit des uns wesensfremden slawisch-asiatischen Geistes. Nur ganz wenigen genialen russischen Kritikern, wie Wolynski und Mereschkowfki, war schon vor 1914 das ureigentliche Element Dostojewskis, das Religiöse, Urchristliche und auch die dichterische Welt des Meisters, aufgegangen. Raskoljinikows Reue und Myfchkins Glaube an die Erlösung der Welt durch die Schönheit, warum Stawrogin „das Tier aus der Erde" und Kirilow dem „gerechten Lamm" ähnlich ist, für all das bekam man in Deutschland erst in der Nachkriegszeit Verständnis. Wir lachen heute über die Analyse des „Idioten" oder „Raskoljinikows" durch Hermann Vahr oder Kurt Eisner vor dreißig Jahren, wie wir vor einem Film oder einem Automodell dieser Zeit lachen müssen. Nur die psycho-pathologischen Probleme, das „gesteigerte Nervenleben" seiner Figuren, höchstens noch den „Dichter des Mitleids" konnte diese Generation in ihrem ahnungslosen Sicherheitsgefühl sehen. Nicht nur die naturalistische Kritik in Deutschland, auch die viel instinktsicheren Neuromantiker hatten es nur immer wieder mit dem Problematischen, Destruktiven, Hintergründigen, Zerrissenen in der Psychologie und Menschenschilderung bei Dostojewski zu tun. Auch das expressionistische Dostojewskibild der Nachkriegszeit, das mit dem neuromantischen viel Ähnlichkeit hat, sieht in dem Gesamtwerk des Dichters (fast monomanisch) nur den Ausdruck der „Offenbarwerdung der Weltkrieg auf allen Gebieten des Lebens". Unter dieser „Untergang-Stimmung der Nachkriegszeit setzt in Deutschland eine Hochkonjunktur für Dostojewski ein, die in dem schon erwähnten Buch von Kampmann sehr zuverlässig in allen Einzelheiten dargestellt ist. Das neue deutsche Dostojewskibild wird hauptsächlich durch die „Lebenserinnerungen der Gattin Dostojewskis" bestimmt. Die Verfasserin schildert darin das Leben ihres Mannes vom Tage ihrer Bekanntschaft mit ihm, dem 3. Oktober 1866, bis zum Tage seines Todes, genau vor fünfzig Jahren. „Mit unübertrefflicher Schlichtheit und mit einer bezaubernden Sachlichkeit" zeichnet sie sein Bild. „Und was uns da in unzweifelhafter Gewißheit erscheint, ist ein begnadeter Dichter, ein tiefer und weitblickender Geist, ein goldgütiges Herz, ein frommer Christ, ein schwerbeladener Kreuzträger, ein Gatte und Vater von idealer Treue — und ein Mensch, der wie der gewöhnlichste seine alltäglichen Züge und Mängel hatte." Von einer endgültigen Wertung der geistigen Gestalt des russischen Dichters und seiner Bedeutung für uns sind wir heute weiter entfernt als je, denn die anti- und probolschewistischen Affekte lassen' es zu keinem fest umrissenen objektiven Bilde kommen. Der mehrfach erwähnte beste Dostojewskikenner von heute, Kampmann, stellt mit Recht die Frage: Blickte nicht Dostojewskis Auge tiefer, der vom „angefaulten Westen" noch weniger das Heil erwartete als von den „chaotischen Kräften" seines Volkes? Ist unsere westliche Ordnung weniger chaotisch als die Unordnung drüben? Am höchsten stehen die religiösen Werte bei Dostojewski. Sein eigentliches Thema bleibt der Aufruhr des sich selbstherrlich dünkenden Verstandes gegen die irrationale Größe des Schicksals, das er gleich Gott fetzt. Die Verwirklichung des evangelischen Christentums, das sind ihm gleichzeitig die im Iteben verwirklichten, gereinigten und vergeistigten Grundsätze der altrusisschen Kulrur. Westeuropas gespanntestes Interesse wird noch lange Zeit diesem bedeutendsten Vertreter der russischen Literatur gelten. — 2. Die „jüdische Frage" durchzieht das ganze imposante Lebenswerk Dostojewskis. Seine Stellung dazu hängt mit den letzten Urgründen seines Wesens und mit den tiefsten Grundlagen seines Glaubens an die russische Weltmission zusammen. Mit flammender Begeisterung trat er dafür ein, daß Konstantinopel als Schlüssel zum Heiligen Land und Palästina selbst, als Geburtsstätte Christi zu einem unlösbaren Bestandteil Rußlands werden soll; denn das heilige Rußland sollte einmal, wie er zuversichtlich hoffte, durch den Besitz Palästinas das Land der Wiederkunft des Messias werden, der die Menschheit endgültig erlösen sollte. Das jüdische Volk sah er als Rivalen des russischen an. Das wahre Judentum ist nach ihm das Russentum, ihm gehört die Zukunft; nur dieses Volk ist zur Weltherrschaft und Welterlösung auserkoren: das heilige, gott-tragende russische Messiasvolk. Und diesen Glauben an die Auserwähltheit übersetzt Dostojewski bewußt aus der Bibel. Schatoff in den „Dämonen" verkündet den messianischen Grundgedanken: „Wenn ein großes Volk nicht daran glaubt, daß in ihm allein die Wahrheit, und zwar ganz allein und ausschließlich in ihm, beschlossen sei, wenn es nicht daran glaubt, daß es allein imstande und ausersehen sei, durch seine Wahrheit alle zu neuem Leben zu erwecken und zu erlösen, so hört es sofort auf, ein großes Volk zu sein und verwandelt sich in ethnographisches Material." Mit Recht bemerkt der beste Kenner dieses Spezialproblems (A. I. Steinberg, Dostojewski und das Judentum im Sonderheft „Judentum und Christentum" der Zeitschrift „Der Jude" 1927): Während Bileam im 4. Buch Moses das Volk Israel verfluchen wollte und es wider Willen segnen mußte, möchte es Dostojewski voll Bewunderung und Dankbarkeit segnen und muß es dennoch verfluchen. Die jüdischen Gestalten der Romane zeigen unverhüllt einen verbissenen, unbelehrbaren Judenhaß des Dichters. Aber aus dem berühmten Aufsatz „Die jüdische Frage" geht hervor, daß es sich bei Dostojewski nicht um einen vulgären Antisemitismus handelt. Er sieht in den Juden einen „Weltabgrund", der einstweilen nicht auszudenken ist; das letzte Urteil „über dieses große Volk" könne noch nicht gefällt werden. In einem Atem stößt er Verdächtigungen und Verleumdungen gegen die Juden aus und beteuert gleichzeitig, daß ihm jeder Haß fern liege (besonders in den Briefen an A. U. Kowner; vgl. Leonid Großmann „Die Beichte eines Juden in Briefen an Dostojewski" München 1927). Dieser Widerspruch kommt auch daher, daß er das moderne nichtreligiöse Judentum als Verkörperung der ihm verhaßten materialistisch-atheistischen, nur auf Eigennutz gerichteten westlichen Kultur betrachtet, also als den natürlichen Feind des russisch-christlichen Wesens. Eine einheitliche Linie ist jedenfalls nicht zu finden. Nur wer die tief religiösen Motive dieses breiten und tiefen Lebenswerkes ermißt, wer sich über die bürgerlich-westeuropäische Sehweise erheben kann, fühlt ganz deutlich, daß wir hier nicht mit unserem etwas dürren Entweder—Oder: Philo- oder Antisemitismus kommen dürfen. Lin Srundwerk zur neueren Kulturgeschichte der luden in Österreich' Die hebräische P Der Übergang von der Abgeschlossenheit der Juden im Ghetto zur modernen europäischen Kultur ist an den Namen Moses Mendelssohn geknüpft. Auch von den größten Mendelssohn-Verehrern wird heute nicht mehr bestritten, daß die Emanzipation die stärkste Gefährdung des Judentums seit seinem Bestand bis heute bedeutet. Die Mahnung in dem staatsrechtlichen Traktat „Jerusalem": „Schicket Euch in die Sitten und in die Verfassung des Landes, in welches Ihr versetzt seid; aber haltet auch standhaft bei der Religion Eurer Väter. Traget beider Lasten", diese gutgemeinte Mahnung hat nicht geholfen; ihre Befolgung muhte wohl auch zur Verwaschenheit und 1 D i e hebräische Publizistik in Wien. In drei Teilen von Dr. Bernhard Wachstein, Dr. I. Taglicht und Dr. Alexander Kristianpoller. Quellen und Forschungen zur Geschichte der Juden in Deutschösterreich; herausgegeben von'der Historischen Kommission der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, IX. Band. 6 + 296 S.; X + 41 <5.; X +105 S.; 16 S. Wien 1930. (Preis geb. RM. 30.—.) blizistik in Wien zu schweren Konflikten führen, die die Fundamente einer an sich gesunden und geschlossenen Gemeinschaft unheilbar anfraßen. Dagegen wirkte die Aufklärungsarbeit Mendelssohns im Osten ganz anders, durchaus positiv. Die von ihm ausgegangene Haskala (Aufklärung) hat namentlich in Österreich, in Galizien, in Böhmen, vor allem in Polen und Rußland gute Früchte getragen. Die Sprengung der jüdischen traditionellen Formen in den Kronländern der österreichischen Monarchie wirkte im Osten nicht auflösend, weil hier in den weitausgedehnten Räumen mit einer jüdischen Bevölkerung des verschiedensten Kulturniveaus die Aufklärung und die Abwendung von der Halacha als von dem obersten Sitten- und Lebensgesetz nicht unmittelbar in die Assimilation einmündete. Der Haskala entstammten bekanntlich später die besten Kräfte der jüdischnationalen Bewegung. Die außerordentliche Bedeutung des neuen großen Werkes, das uns Wachstein mit Hilfe der historischen Kommission der Wiener Kultusgemeinde vorlegt, besteht darin, daß hier der exakte Schlüssel