Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 3 (1.2.1931)
- Article
- Zielenziger, Kurt: Juden in der deutschen Wirtschaft. Mit 8 Bildn. Berlin: Welt-Verlag 1930 [Rezension]
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
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42 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 striert Liese an den Biographien einer Anzahl von Persönlichkeiten jüdischer Abstammung, die eine führende Rolle in Bankwesen, Handel, Verkehrswesen und Industrie gespielt haben. Behandelt werden: die Rothschilds, Mendelssohns, Bleichröders, Strausberg, Wilhelm Herz, Ludwig Loewe, die Familie Salomonsohn, die Rathenaus, Carl Fürstenberg, Eduard Arnhold, Benno Orenstein, Ballin, Wilhelm Kunstmann, Aron Hirsch, die Familie Tietz, Julius Berger, Carl Melchior, Rikodem Caro, Oscar Wassermann, Ottmar Strauß, Jakob Goldschmidt. Die Epochen, in denen diese Männer blühten und die Zielenziger immer anregend, flüssig und witzig schildert, sind nach äußeren und inneren Voraussetzungen endgültig vorbei. Arbeit, Energie, Intelligenz und Genügsamkeit führten unter ganz eigenartigen, nie wiederkehrenden Bedingungen für die westeuropäischen Juden eine auch in früheren, vorübergehend guten Zeiten nicht dagewesene Blüte herauf — unter gleichzeitiger schwerster Gefährdung des Judentums. Die Lebensbeschreibungen Zielenzigers enthalten eine Fülle des lebendigsten Anschauungsmaterials zu dem schmerzlichen Thema: Blüte und Verfall guter jüdischer Familien. Das eigentliche „soziologische" Gehalt des wichtigen Buches soll hier in einer späteren Nummer ausgewertet werden. F. Sabahky, Kurt: Der Jude in der dramatischen Gestaltung. Königsberg i. Pr.: Königsb. Hartungsche Zlg. (1930). (67 S.) In vergangenen Zeiten konnten sich die Dichter, mit Ausnahme von Lessing, nicht von den Zeitströmungen freimachen. „Gerade aber von den modernen Dichtern... ist zu sagen, daß sie im wesentlichen die Juden ohne Verzerrung gesehen..." Stoffwahl, literarische Wertung und Problemstellung kommen über eine ziemlich primitive Aneinanderreihung von Inhaltsangaben und über die Kategorien „antisemitisch" oder „judenfreundlich" nicht hinaus. ' F. . . . And nochmals kriegsliteratur Von Fritz R o s e n t h a l Nahezu zehn Jahre hat es gedauert, bis das furchtbare Unglück des Wellkrieges in den Seelen der Dichter aller Völker zum anklagenden Wort wurde. — Nur einige wenige Vorläufer, wie Barbusse, van de Bring, Unruh, Vinding u. a., schrien ihren Protest schon vor der großen Epoche der Kriegsliterattir in die Ohren der Nationen. Aber ihr Ruf wurde noch nicht gehört. Vor allem das große Heer der Unliterarischen, der einfachen Menschen, die gebeugt von der Last des Alltags oft nicht mehr die Kraft finden, zum Buch zu greifen, wurde erst aufmerksam, als Erich Maria Remarque mit seinem Werk „Im Westen nichts Neues", erschien. Und nun stimmten zahllose bisher meist unbekannte Dichter und Schriftsteller mit ein in den gewaltigen Chor, der in allen Formen vom einfachsten Tatsachenbericht, wie chn Ludwig Renn's „Krieg" gibt, bis zur mystischen Vision von Albert Talhoff's „Totenmal" die Katastrophe des großen Krieges besang. Auch dem jüdischen Menschen des Weltkriegs wurde nun ein Denkmal in dem Buch von Wladimir Jabotinsky „Die jüdische Legion im Weltkrieg" (Berlin 1930. Jüdischer Verlag) gesetzt. Wohl gingen diesem Buche schon einige voraus, die das zwiefach schwebende Problem des jüdischen Soldaten schilderten. Ich erinnere an Arnold Zweigs Roman „Der Streit um den Sergeanten Grifcha", dessen zwei jüdische Gestalten, der Schreiber Berlin und der Kriegsgerichtsrat Posnanski, Typen von stärkster Eindringlichkeit sind.— Auch Jlja Ehrenburgs „Lasik Roitschwanz", den man den ostjüdischen Schwejk genannt hat, sei hier erwähnt. Jabotinsky blieb es Vorbehalten, das Epos von dem noch nicht untergegangenen Heldengeist des jüdischen Volkes zu schreiben. Er schildert uns die Heerfahrt jenes kleinen' Häuflein vorwiegend russischer Juden aus dem Londoner Ghetto, das mit einer Menorah als Wahrzeichen unter den Klängen der jüdischen Nationalhymne nach Palästina zieht, um dort in englischen Diensten gegen die Türken zu kämpfen. Im ersten Teil schreibt der Autor von seiner Bekanntschaft mit dem russischen Kapitän Josef Trumpeldoor, der neben Jabotinsky selbst der geistige Vater der Legion war. Dann folgen die Kämpfe mit der englischen Regierung, die anfänglich dem etwas phantastisch anmutenden Gedanken von der selbständigen jüdischen Formation ablehnend gegenübersteht und die schließlich doch von Erfolg gekrönt sind. Nicht etwa blinde Kriegsbegeisterung ist es, die den Autor zur Bildung der Legion trieb, sondern die klare Erkenntnis von der unmittelbaren Pogromgefahr, die den Juden Whit.'- chaples droht, die sich als nicht dienstpflichtige Ausländer in den Straßen Londons tummeln, während die englischen Boys an den Fronten verbluten. Und noch ein Motiv ist es, das ihn zu diesem Schritt zwingt: Es geht ihm um den Bestand des Zionismus, dessen friedliche Tendenzen einer nach Krieg schreienden Welt belanglos erscheinen mußten. Am bezeichnendsten für die damalige zionistische Situation, ist ein von I. wiedergegebenes Gespräch eines englischen Lords mit Prof. Chaim Weizmann, in dem der Lord Zionismus und Vegetariertum verwechselt... Der zweite Teil mahnt stellenweise an das Buch Jofua und man vergißt für Augenblicke das drohende Kriegsgespenst, das hinter dieser Schaar fiöhlicher Menschen lauert. Wir lesen noch vom Leben an der Front und schließlich von der Auflösung der Legion, von der nur noch ein kleiner Rest als Polizeiunterstützung in dem eroberten Paläsfina bleibt. — Das Buch des jungen jüdischen Mädchens, das in dem stark bedrohten Elsaß-Lothringen als Rote-Kreuz-Schwester den Krieg erlebt, schrieb die jugendliche Dichterin Adrienne Thomas mit ihrem Erstlingswerk „Die Katrin wird Soldat"" (Berlin 1930, Propyläen-Verlag). Dieses wahrhaft weibliche Buch, das in Form von Tagebuchblättern geschrieben ist, durchzieht die Musik einer keuschen und innigen Primanerliebe, deren zarte Knospen von der blinden Gewalt des Krieges zerstört werden. Ein leidenschaftlicher Haß gegen diese unfaßbare Macht Krieg erfüllt das Mädchen Kallin, das zusehen muß, wie ihr der über alles Geliebte entrissen wird. Sie geht zum Roten Kreuz —> und wird „Soldat". Katrin Lenz, die Heldin des Buches, ist uns als prächtiges Mädel geschildert, das aus einer gänzlich assimilierten Umwelt noch einen Rest echt jüdischen Empfindens rettet. In der Szene auf dem Bahnhof, wo sie die durchfahrenden Soldaten verpflegt, fühlt sie plötzlich beim Anblick eines schweroerwundeten russischen Juden eine tiefe Verbundenheit mit diesem unbekannten Menschen, der doch „Feind" ist, und sie sagt ihm das einzige hebräische Wort, das sie kennt, „Schalom" — „Friede". Man spürt aus diesem Wort, das ein junges Mädchen zu einem todmatten Soldaten sagt, das unzerstörbare Zusammengehörigkeitsgefühl des jüdischen Menschen mit seiner Gemeinschaft und man versteht auch die Abscheu Kallins gegen einen anderen jüdischen Soldaten, der aus Angst „jüdisch" zu wirken, besonders „frisch-fröhlich" an die Front geht. Das Buch schließt mit der Nachbemerkung einer Freundin, die vom Tode der erst neunzehnjährigen Kallin berichtet. Das Schicksal eines lebenssprühenden Menschen, der am Krieg zerbricht, erzählt Adrienne Thomas' Buch, das wohll eines der erschütterndsten Aufzeichnungen des Weltkiegs überhaupt ist. Zum Schlüsse sei noch auf das kleine Gedichtbändchen des jungen Müncheners I. Erich Liebermann „Krieg" (München 1930) hingewiesen. Liebermann, der als Kind den Krieg erlebte, fuhr im Jahre 1929 an die ehemalige Südfront und nun gibt er allerdings noch stammelnden Rhychmen die Eindrücke wieder, die er beim Anblick des unendlichen Friedhofs sammelte. Die starke Beeinflussung durch Albert Talhoff, die schon aus dem Erstlingswerk „Neulandrhythmen" spricht, tritt hier noch klarer zutage. Otto hupp: Scheltbriefe und Schandbilder. Ein Rechtsbehelf aus dem 15. und 16. Jahrhundert. München 1930. Was tut man, um seine Außenstände hereinzubringen? Wer auf diese höchst aktuelle Frage in Otto Hupps, des bekannten Heraldi- F. M, F e 1 1 e r : Antisemitismus Eine psychoanalytische Lösung des Problems Aus dem Inhalt: Zivilisation, Kultur und Trieblebpn / Arische und jüdische Zivilisation / Der Konflikt des Ariers mit dem Juden / Die jüdischen Gebräuche / Das „Lächerliche“ am Juden / Die „jüdische Schlauheit“ / Der unheimliche Jude / Jude — Vater / Der gekreuzigte Christus, Jude und Vaterkomplex / Das erotische Verhältnis zum Juden / Die jüdische Gebärde / Der jüdische Witz / Asket, Künstler und Antisemitismus tisw. Das Buch ist erschienen im „Archiv für angewandte Psychologie“, F.M. Feiler Berlin-Wilmersdorf, Nassauische Straße 42 Pre's 4 RM. Lieferung durch Nachnahme