Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 3 (1.2.1931)
- Article
- Der ewige Jude und "Judith" in der Stoff- und Motivgeschichte der deutschen Literatur
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 35 das Ergebnis der damaligen stoffgeschichtlichen Arbeiten nicht mehr als eine'philologisch gründliche Zusammenstellung des vorhandenen Materials und in der Darstellung eine Aneinanderreihung von Inhaltsangaben der Werke mit gleichem Stoffgehalt. Die heutige Stoffgeschichte ist Geistes- und Problemgeschichte. Sie verfolgt vor allem den Wandel der geistigen Grundstimmungen der einzelnen Epochen. In dem hier behandelten Sammelwerk wird naturgemäß — man denke nur an den reichen und in der Dichtung sehr beliebten Stofsinhalt der Bibel — eine große Anzahl Darstellungen jüdischer Stoffe erscheinen. Unter den bisher veröffentlichten Arbeiten befinden sich zwei jüdischen Inhalts. Otto Baltzer, Judith in der deutschen Literatur (Berlin 1930, 62 S.) verfolgt den Judithstoff der Apokryphen von seinen epischen Anfängen um 1060 bis in unsere Tage. Doch wurden die oben angedeuteten geistesgeschichtlichen Methoden hier nur unzulänglich angewandt. Die Veränderungen des Stoffes werden nur angedeutet oder ohne zeitgeschichtliche Begründung registriert. Probleme werden selten herausgearbeitet. Ein innerer Zusammenhang zwischen den einzelnen Dichtungen wird nur in Stilmerkmalen gesucht und nicht im Stoff und feiner Problematik, so daß der Hauptgesichtspunkt: — der Stoff und feine Wandlungen — unter einer zu ausführlichen Behandlung der stilgeschichtlichen Elemente verloren geht. — Bei der Erörterung von Hebbels Judith verliert sich Valtzer in einer an sich richtigen Darstellung der philosophischen Grundlagen des Werkes, ohne dabei die Beziehung zum Drama wirklich zu finden, während Stoff und Problematik fast nicht berücksichtigt sind. Werner Zirus, Ahasver us, der ewige Jude (Be r l i n 19 3 0, 64 S.) verfolgt den im Titel angegebenen Stoff (der zwar nicht jüdischen Ursprungs ist, aber mit Judentum und Manfred Von Hans Zu der Vorlesung des Dicht Der Weg des Dichters Manfred Sturmann ist ein Weg der Klarheit. — Als vor Jahren mit Gedichten von eigenartiger und etwas spröder Schönheit der Aufftieg seines Werks begann, da glaubte mancher unter den Beobachtern, daß mehr die Kraft der jungen Jahre als die der wirklichen Gestaltung Ausdruck in den Dichtungen Manfreds Sturmanns finde. Zu schmal schien noch die Basis des Erlebens, zu sehr herrschte noch das Formale in seiner Dichtung vor, als daß man glauben und zugestehen wollte: daß in diesen ersten Gedichten einer fein Werk begann, dem der Wille zum Bauen und der Ernst zur Arbeit eingeboren waren wie nur wenigen. „Ich bin an tausend Stunden fern gestanden und mußte sehen, stumm und heimatlos, wie jene ihre Boote von den Stegen banden, und in den Morgen trieben unbegreiflich groß." Diesen Vers an „die Glücklichen", dies Bekenntnis des Fernseins vom Leben führte man an — wie oft habe ich's gehört, und wie oft es bestritten —, um zu erweisen, daß zu wenig vom Blut und zu viel von Literatur in dieser Dichtung sei. Zu wenig vom Blut — so meinten die allzu Klugen — zu wenig verwurzelt im Boden des Schicksals, und begriffen doch nicht, daß diese Gedichte wie unter gläserner Glocke klangen, weil die Scheu noch zu groß war vor dem letzten Bekenntnis, weil eine wirkliche Keuschheit die Zunge noch band, das Letzte zu sagen. — Der, der von sich und an dieser Stelle bekennen darf, feit jenem ersten Anfang mit dem Fanatismus der Freundschaft an dies Werk geglaubt, fein Recht und feine Reinheit verfochten zu haben, der darf heute mit großer und tiefer Freude auf die Bücher Manfred Sturmanns zeigen und sagen, daß sein Glaube nicht enttäuscht worden ist, daß feine Hoffnung sich erfüllt hat. Denn die Bücher Manfred Sturmanns find wirkliche Erfüllungen. Die Reinheit jener ersten Gedichte ist geblieben, aber die gläserne Glocke, unter der sie noch standen, ist durchstoßen. Ins Erdreich des Lebens haben die Wurzeln des Werks sich gesenkt, in die Klarheit der Gestaltung haben seine Äste sich erhoben. Der schmale Gedichtband „Die Erben", der unter Förderung der Stadt München herausgegeben wurde, enthält eine Auswahl der lyrischen Arbeiten Manfred Sturmanns aus der Dauer fast eines Jahrzehnts. Aus einer großen lyrischen Produktion sind 70 Seiten jüdischer Problematik eng zusammenhängt) durch die Weltliteratur. Die Sage wurde durch das deutsche Volksbuch von 1602 bekannt, das wiederum auf Klosterchroniken des 13. Jahrhunderts fußt; feine literarische Verwertung setzt aber erst Ende des 18. Jahrhunderts ein. Von da bis heute find etwa 250 deutsche und ausländische Ahasverdichtungen entstanden. Wohl um Neues gegenüber einer eigenen und anderen Vorarbeiten zu bringen, schlägt Zirus eine neue Methode ein: er löst die einzelnen Werke in ihre motivischen Bestandteile aus und ordnet diese in ein bestimmtes Schema ein, so daß Werke ganz verschiedener Epochen und Richtungen zusammengestellt werden, wenn sie nur irgendein Problem gemeinsam haben. Auf diese Weise werden zwar die Schwierigkeiten des Stoffes und der Reichtum der dichterischen Möglichkeiten, die er bietet, deutlich sichtbar — und darin liegt der Wert dieser Darstellung — aber die geistesgeschichtliche Betrachtung mußte dabei zu kurz kommen, da auf eine Zeichnung der Entwicklung des Stoffes fast ganz verzichtet ist; nur bisweilen, so z. B. bei der Behandlung der Probleme des Judentums wurden die geschichtlichen Kräfte gekennzeichnet (Antisemitismus, Emanzipation der Juden usw.), die dabei wirksam waren. Welch großes Interesse gerade dieser Stoff fand, ist auch aus der Ahasverliteratur-Sammlung des verstorbenen Münchener Hauptlehrers Moritz Maier ersichtlich, die über 600 Nummern Schriften zu diesem Thema enthält. Eine vorzügliche Ergänzung des Buches von Zirus bietet die ausführliche Kritik, die es von Adolf Leschnitzer in der D.L.Z. (1930, H. 30) erfahren hat. Leschnitzer weist u. a. auch auf das Nachleben der Ahasver-Figur in der ostjüdifchen Literatur hin (Jüdisches Lexikon I, 161) und kommt zu dem Schluß, daß eine auf geistesgeschichtlicher Analyse beruhende Durchdringung des Materials nach wie vor zu lefften bleibt. Beate Rosenfeld. Sturmann Rosenkranz ers am 3. Februar in München aüsgewählt, und die Strenge dieser Auswahl beweist, wie hoch die Forderung gestellt ist, die Manfred Sturmann selbst an seine Arbeit richtet. Die Schlichtheit dieser Verse ist das Ergebnis eines großen Willens, mit einfachen Mitteln das Wunder zu sagen. Nicht eine Stelle gibt es in diesem ganzen Buch, von der man das Gefühl hätte, daß sie nicht bis ins letzte durcharbeitet, daß sie irgendwie anders gesagt sein könnte. Endgültiger Ausdruck, letzte Klarheit der Form und der Schmelz eines stark persönlichen Gepräges zeichnet sie alle aus. Der Novellenband „Der Gaukler und das Liebespaar", der zugleich mit den Gedichten erschien, enthält Erzählungen, von denen namentlich die eine, „Selbstmord in Dur", von großartiger Einfachheit ist. Es geht nichts besonderes vor in dieser Geschichte. Kleines Schicksal gerader Menschen wird plötzlich ins Licht gerückt: Das Leben eines alten Mannes vor uns aufgeschlossen, das Sterben eines Hundes wird uns nah gebracht. Zwei junge Menschen finden sich und gehen ihren Weg. Ein alter Mann wird überfallen von stiller Resignation, die Wellen nehmen ihn auf: Selbstmord in Dur. Nichts Dramatisches führt den Gang der Handlung, keine erregenden Momente sind in sie verwoben, und doch geht von diesen Sätzen ein Bann aus, der seine Hauptursache in der tiefen Musikalität der Sprache hat. Ganz groß ist in dieser Novelle die Landschaftsschilderung, und darüber ist noch ein Wort zu sagen: Wir alle, die aus der nördlichen Ecke Deutschlands, aus diesem merkwürdigen und oft verkannten Kolonialland kommen, haben wie Manfred Sturmann eine besonders tiefe Liebe zu diesem spröden aber herrlichen Land. Ich habe die Erde an manchen Punkten gesehen, wo sich zu leben lohnt. Ich habe das Blau des Mittelmeers und das Grün der Antlantik-Farbe gesehen, Leben in Algier und Leben in Frankreich und das Land van Goghs, das brennendste in Europa. Und ich habe Deutschland überall da gesehen, wo es groß und schön ist, in Hamburg und am Rhein, in München und in der Mark. Aber ich muß bekennen, daß ich das Bild jener heiligen Heimat des Herzens, das Bild der stillen Küste am samländischen Strand nirgends vergessen habe, wo immer ich war, was immer ich sah. In allen Perioden seines Werkes, in dem das enge Verhältnis, das er zu allem Natürlichen hat, seine Feier hält, wächst die Vision dieses Landes bei Rauschen und Kuhren und Brüsterort, und in