Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 2 (15.1.1931)
- Article
- Das jüdische Drama
- Date
- 1931-01-15
- Page
- Seite 23 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 23 fern geblieben, zeigt ein Dichterglück, dem auch Max Brod und Arnold Zweig immer wieder zuneigen: der orientalische Erzähler baut sich die Wett, reicher und größer jetzt als ehedem. Ihm lauschen alle, und die Bühne ist ihm gering gegen den Teppich, auf dem er sitzt und den großen Kindern Märchen gibt. Franz Werfel, der bedeutende Lyriker, mag nach starken dramatischen Leistungen („Spiegelmensch", „Bocksgesang", „Iuarez und Maximilian", „Paulus unter den Juden") doch am reifsten in die Stille seines schönen Musikantenromans einkehren. Die jüngsten stehen noch ganz im Bühnenkampf. Paul Kornfeld, Alfred Wolfenstein, Hans Jose Rehfisch haben drei Elemente einzusetzen: einen tiefen Drang, ein hohes Wollen und einen zähen Ehrgeiz — jüdische Wege zum Erfolg. Die Älteren, noch nicht Alten, kennen diese Wege und lächeln ein wenig, von Erinnerung beschwert, Hoffnung bis ans Ende nährend. Den Ringenden draußen verwandter als Ludwig Fulda mag Georg Hirschfeld sein. Fulda, der feine, vielseitige Schriftsteller, der meisterliche Übersetzer, der orientalisch fabulierende Dramatiker vergangener Bürgerzeit, steht in einer sicheren Alterssphäre. Georg Hirschfeld wandert noch durch die neue Wett der Erscheinungen. Wenn man ihn vergißt, wiegt ihm das nicht viel, denn seine Art ist das Vergessen nicht. Er leidet nicht mehr um sein „Volk", aber er kommt aus dem Leiden und hat ohne Anklage, ohne Prophetenwahn und ganz ohne Hohn die Situation vielleicht sehr deutlich begriffen. Kein bewußter Wille zum jüdischen Drama gab ihm einst die Schauspiele „Die Mütter", „Agnes Jordan", „Nebeneinander" ein. Er sagte und schilderte, was er gesehen und erlitten. Er kultivierte nicht in sich, was Schmerz und Problem war. Er ging dann auch immer mehr zum Glück des Erzählers über, als sein wahrhaft jüdisches Drama „Hosea" unbeachtet blieb. Starke und edle Kräfte sieht er am Werk, doch keine von ihnen scheint ihm den Beweis zu liefern, daß das deutsche Drama der Zukunft notwendig der jüdischen Seele entsteigen müsse. Noch einmal steht der unsterbliche Zwiespalt unseres Volkes da: Das Leben ist unser, in Gewalten, die alles umschließen, ertragen, errungen, erkannt, aber der Über- Shakespeare, der es auf die Bühne stellte, ist aus unseren Säften nicht denkbar, denn was ihn zeugen könnte, zerteilt sich in Traum und Kritik. flus der Gemeinde München Lehrkurfe der Israelitischen Kultusgemeinde. München Programm Januar bis März 1931 A. Vorträge. 1. Karl Wolfskehl liest sein Drama „Saul" am Donnerstag, 22. Januar, 20.15 Uhr, im Saale der „Concordia", Prannerstraße 4/0. Die Geltung des Dichters aus dem Stefan-George-Kreis, der auch als Kritiker Schöpferisches geleistet hat, ist unbestritten; seine Vorlesung aus dem Drama „Saul" wird allgemeinem Interesse begegnen. —i Eintritt 50 Pf. 2. Oberregierungsrat Dr. Lichtenstädter (München): „Naturschutz und Judentum". Mittwoch, den 4. März, 20.15 Uhr, Bibliocheksaal, Herzog-Max-Straße 7. Der Redner hat sich jahrelang den besonderen Fragen des Naturschutzes geroidmet. Sein Vortrag in der Anthropologischen Gesellschaft ist noch in bester Erinnerung. Das Judentum ist im Naturschutz den Kulturstaaten vorangegangen, so daß der Vortrag zum Verständnis dieser bisher wenig hervorgehobenen Seite der jüdischen Kultur beitragen wird. — Eintritt 50 Pf. B. Kurse. 3. Dr. A. Percikowitsch (München): „Die jüdischen Sprichwörter in Bibel, Talmud und im späteren Schrifttum". Mitwoch, 21. Januar, 28. Januar, 4. Februar. 20.15 Uhr. Bibliotheksaal Herzog-Max-Straße 7/1. Der auf dem Gebiet der hebräischen Sprache besonders fachkundige Redner wird einen umfassenden Überblick über die im jüdischen Geistesleben so wichtige Erscheinung des Ma schal (Sprichwort, Gleichniserzählung ufw.) geben. Außer den Büchern der Bibel (Mifchle, Kohelet, Hiob) wird die apokryphe und talmudische Literatur, besonders das mittelalterliche jüdische Schrifttum (Makamenlit., Alcharizi, Immanuel Haromi aus dem Dantekreis) behandelt. — Eintritt 1 RM. 4. Rabbiner Dr. H. Levy (Regensburg): „Judentum und philosophische Weltanschauung. Drei moderne Versuche ihrer Auseinandersetzung: S. R. Hirsch, Hermann Cohen, Franz Rosenzweig". Mittwoch, 11. Februar, 18. Februar, 25. Februar. 20.15 Uhr. Bibliotheksaal Herzog-Max-Straße 7/1. Eintritt 1 RM. Der Redner wird an der Gedankenwelt der drei bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten drei typische Verhaltungsweisen des jüdischen Denkers zur Philofopie erläutern: Ablehnung der Philosophie (Hirsch), Gleichsetzung von Philosophie und Judentum (Cohen), Überwindung der Philosophie (Rosenzweig). 5. Studienrat A. Schaatmann, „Kalender und Kalenderreform". 11. März, 18. März, 26. März. 20.15 Uhr im Bibliotheksaal, Herzog-Max-Straße 7/1. Eintritt 1 RM. Die Frage der Reform des bürgerlichen Kalenders ist in ein akutes Stadium getreten. Der Redner wird die Reformvorschläge ausführlich darstellen, außerdem zeigen, wie im Lauf der Zeit der heutige bürgerliche Kalender mit seinen Vor- und Nachteilen zustandegekommen ist. Entstehung und System des jüdischen Kalenders werden eingehend behandelt. Für Jugendliche freier Einlrilt in alle Vorträge und Kurse. 6. Arbeitsgemeinschaften. Dr. A. Percikowitsch will bei genügender Beteiligung im Anschluß an Kurs 4 in einer Arbeitsgemeinschaft die Themen: Familie, Staat, Lehre und Lehrer im jüdischen Spricht wort behandeln. Die Teilnehmer werden gebeten, eine Bibel, möglichst mit Apokryphen und einem Text der „Pirke Aboch" mitzubringen. Mittwoch, 21. Januar, 28. Januar, 4. Februar. Bibliotheksaal. Rabbiner Dr. L. Vaerwald setzt die Arbeitsgemeinschaft über die Psalmen fort; auch Neueintretende können daran teilnehmen. Vorausgesetzt werden einige Kenntnisse im Hebräischen. Mittwoch, 11. Februar, 18. Februar, 25. Februar, 4. März, 11. März, 25. März. 21.15—22.00 Uhr. Bibliocheksaal. Chanuka-Iugend-Gotlesdienst in München Am Abend des 20. Dezember wurde in der hiesigen Hauptsynagoge ein Festgottesdienst abgehalten, der sein Gepräge dadurch erhielt, daß mit Ausnahme der Ansprache des Rabbiners der ganze Gottesdienst von der Jugend selbst durchgeführt wurde. Angesangen von L'dovid boruch des Knabenchores bis zum Chanukalichtzünden (Hans Henne) und zur Hawdoloh (Alfred Adler) waren Schüler die Träger der Feier. Hervorgehoben sei hier besonders der Vortrag des Abendgebets mit Orgelbegleitung durch den jungen Hermann Schaalmann (Sohn des Herrn Studienrat Schaalmann), der damit von seinen musikalischen Gaben und hebräischen Kenntnissen ein schönes Zeugnis ablegte. Das Verdienst der musikalischen Ausgestaltung gebührt Herrn Kantor L a ch m a n n, der insbesondere di« Gesänge vorzüglich einstudiert hatte. Neueröffnetes jüdisches Erholungsheim in Wolfratshaufen An die Stelle des bisherigen Landheimes für Kinder tritt von jetzt ab ein jüdisches Erholungsheim, das allen jüdischen Kreisen gegen mäßigen Preis volle Pension und ausgezeichnete Verpflegung bietet. Zentralheizung, fließendes Wasser, Balkon, Liegehalle, die besonders bekannt schöne Lage im Isartal werden das neue Heim in Wolfratshausen zu einem begehrten Aufenthalt bei allen Erholungsbedürftigen machen. Anfragen an Frau Carola Neu, München, Hohenzollernplatz 1. Tel. 33 9 34. Vottrag von Herrn Rabbiner Dr. Ernst Iacob (Augsburg) über den Apostel Paulus, am 20. Ianuar Im Kreise der Jesaia-Loge (offene Loge) wird Herr Rabbiner Dr. Jacob am Dienstag, dem 20. Januar, in München in den Räumen der Concordia (Prannerstraße 4/0), um 20.30 Uhr über den Apostel Paulus sprechen. Herr Dr. Jacob ist der Verfasser des großen Aufsatzes „Christentum" in der Enzyklopaedia Judaica. Der Vortrag ist für alle jüdischen Kreise Münchens, die den Logenmitgliedern nahestehen, zugänglich.