Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 2 (15.1.1931)
- Article
- H. J. Rehfisch [Illustration]
- Date
- 1931-01-15
- Page
- Seite 22 (sequence 1)
- Language
- German
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22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 Geyer" konnte dort nicht losbrechen — Österreich blieb, von dem starken Tiroler Karl Schönherr abgesehen, Wien, und Wien ging immer abwartend, aber liebenswert den sekundären Weg. Nicht das soziale Pathos, sondern der gestaltete Zauber des Daseins mußte hier die Kraft sein. Arthur Schnitzler ist so als Österreicher und als Jude der eigentliche Dramatiker Wiens geworden, nach Anzengrubers großer Primitivität. Seine dichterische Kultur ist lebend und sterbend zugleich. Immer wird die junge Wienerin gläubig an seinem Denkmal stehen. In Wien nicht gefangen, sondern aus ihm entftrahlend, erfüllte sich die Sendung Hugo von Hofmannsthals, des allzufrüh Heimgegangenen. In dieser Persönlichkeit verwahrt sich, weil von jüdischem Geist erkannt, was von Österreich unsterblich bleibt. Ein Garten birgt es für die Nachwelt, kein Museum. Schubert vollendete sich naiv — künstlerische Genießerfreude mußte, vom Bewußtsein gepflegt, jüdische werden in dem Halbjuden Hofmannsthal, der sich einem Antipoden Schuberts, Richard Strauß, gesellte. Richard Beer-Hofmann aber, der Dichter Iaakobs und des Grafen von Charolais, könnte schon an einem erträumten Ziel vom jüdischen Drama stehen, wenn er es nicht als Österreicher in deutscher Sprache schriebe. So rasch, wie das Jahrhundert jüdischer Befreiung fortschritt, zeigte sich dieser echte, aber „zu glückliche" Künstler. Kann ein Schaffender zu glücklich sein? Die Frage bleibe offen, denn Mozart sank ins Armengrab. Dies aber ist gewiß in unserm ererbten Gefühl: der schaffende Jude kann nicht sehr glücklich sein. Jetzt noch nicht. Wenn er es ist, kommt kulturbewußte Absicht hinzu - das eben ist Österreich. Diese Erwägung mindert nicht Beer-Hofmanns Verdienst, den gesunden und rasieftolzen Juden herausgestellt zu haben, den positiven Erben positiver Herrlichkeit. An weicher Klage hätten wir wahrlich genug. Aufrecht geht endlich ein Erbe zwischen den Schleppenden. Nur — an der Zeit ist es noch nicht, wenn und weil es aus dem leichteren Österreich kommt. Wir müssen auf den Beer-Hofmann Deutschlands warten. Das zwanzigste Jahrhundert sandte eine Fülle jüdischer Talente auf den dramatischen Plan. Hohe, ernste, edle Begabungen, und alles wäre gut, zum mindesten voll Verheißung, wenn nicht die zuvor schon erwachte Beweglichkeit jüdischen Geistes den Boden der Kritik für die Dichter bereitet, das Langsamer und Schwere, das nun einmal im deutschen Poeten leben muß, zeitlich, ja modern beschleunigt hätte. In diesem Gefühl liegt, sub specie aeterm,noeh ein Verdacht gegen unsere neuen deutschen Dramatiker jüdischer Seele. Der merkwürdigste und echteste unter ihnen mag Ernst Toller sein. Er hat den Beweis, nicht nur den Traum der Tat geliefert. Diese eine große Notwendigkeit erfüllte seinen Instinkt. Der entfesselte Jude kehrte allzu oft sogleich in Literatur ein, und Literatur ist Glanz, Reichtum, Schönheit, aber am wenig, ften Verantwortung. Nur wer Gefahr besteht, kann geliebt werden. Durch die Schule seines Volkes war Ernst Toller gegangen - im Weltkriege vollzog sich vieles, was sich am Judentum vollzog. Der politische Mann wurde gebraucht, nicht der schweifende Literat. Man mag von den Wirren der Nachkriegszeit denken wie man will — wer damals ins Feuer kam und handelte, nicht nur schrieb, hatte Mut. So erschein, viel umstritten, Ernst Toller. Im Gefängnis erlöste er. sich, dann als Dichter. „Wandlung", „Masse Mensch", „Maschinenstürmer", „Hinkemann" haben wir von ihm, Anklagen , des Schmerzes, der Empörung, der Begeisterung mehr als plastische Künftlertaten, aber von besonderem Wert doch durch den Boden des Erlebnisses. Die Verantwortung im Wort — sie tat dem Juden bitter not — Ernst Toller kennt sie. Neben den Ekstatiker den Zyniker zu stellen, neben den Ankläger der Zeit ihren Verhöhner — das erweist die ungeheure Spanne jüdischer Möglichkeiten. Der Fremdeste vor Ernst Toller mag Carl Sternheim sein. — Auch er ein Könner, wie er notwendig wurde. Das deutsche Bürgertum entblößt zu haben an einer wilden Zeitwende, unbarmherzig, kalt und unbeirrt, ist so sehr Verdienst, wie es das eines kommenden Dichters sein, wird, die ewigen Kräfte dieses Bürgertums wieder ins Licht zu setzen. Carl Sternheim als Jude der Dekaden; konnte und mußte preisgeben, was er als wurmstichig erkannt hatte. Ist er ein Dichter, dieser Gellende, dieser Peitschenschläger, fern vom Lyrismus des Schmerzes, fern von den Träumen der Vorfahren? Die Frage erstirbt in seiner eisigen Region. Aber man weiß, daß „Bürger Schippel" und „1915" Zeichen der Unsterblichkeit tragen. < Chaotische Entladung war des jüdischen Dramatikers Tat vor allem. Ihr gegenüber steht ein edles Maß, die Selbstzucht der Unzerrissenen. Sie haben sich zum Geist gerettet, der über alle Leiden reicht, von Urzeiten bis zum letzten schweren Traum nach 1918. Hier steht Stefan Zweig, der Landsmann Schnitzlers und Hofmannsthals, an erster.Stelle. Seine originelle Kraft erreicht die beiden Älteren nicht, aber seine Künftlerschaft hat er sich noch makelloser erzogen. „Tersites", „Jeremias", „Volpone", „Legende eines Lebens" sind reife Früchte einer jüdischen Dramatik. Strenge Formwahl, tiefe Seelenkenntnis, schriftstellerische Kultur, die am Ende ihres langen Weges nicht erschöpft und trauervoll, auch nicht böse geworden, sondern gewillt, die Bildkraft eines deutschen Juden zu erweisen. Ausschließlicher jüdisch noch bestrebt im Ringen um das Drama sind Max Brod und Arnold Zweig. Sie fühlen sich als nationale Kämpfer und Zukunftsträger, sie sehen ein beladenes, aber aufwärtsschreitendes Volk. Stärker bekunden sich ihre Begabungen freilich im Epos als im Drama. Es hätte nicht ihrer Beispiele bedurft, wohin die jüdische Begabung eigentlich zielt — das Lebenswerk Jakob Wassermanns, der dem Drama H. -Z. Rehfisch