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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-01-15 · 2 (15.1.1931) · p. Seite 21

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
2 (15.1.1931)
Article
Stefan Zweig [Illustration]
Date
1931-01-15
Page
Seite 21 (sequence 1)
Language
German
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Nr<2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 21 ZU Stefan Zweig (Phot. Atelier Hintner, Salzburg) Ruhm auch die Gefahr erkennt. Uber Nacht, eine lange Nacht freilich, stand der Märchengarten in Blüte. Mit Heinrich Heine und Felix Mendelssohn, dem Enkel des Philosophen Moseö, hob es an. Aber dieser Frühling mußte Sehnsucht und Lyrik sein. Ein erstes Atmen, träumendes Wandern in der Freiheit, selig und skeptisch zugleich, gläubig und. zersetzend, der Zauber Heines — das jüdische Bedürfnis nach Gottesliebe ironisierte die irdische sinnliche Liebe. - der junge- Jude war zu ernst, um sich ganz ernst zu nehmen. Daneben das kindhafte Schweifen, Entdeckerfreude in Shakespeares Märchenland, das noch keiner singend betreten hatte: der siebzehnjährige, wundersame Mendelssohn. Ein großer Auftakt jüdischen Schaffens, aber nicht die mögliche Höhe, nicht das Drama. Als es sich regen wollte, wurde es schon von der Gegenseite des jüdischen Geistes feftgehalten: >die Kritik entstand, das journalistische.Funkenspiel, die Macht der Zeitung. Hier durfte Llänzen, was noch nicht brennen konnte. Hier war die große Zucht der Verantwortung von vornherein nicht gegeben. Jahrtausendlang in Knechtschaft — sollte, konnte man entfesselt sofort Führer sein? Hatte der „Gast" gesammelt, in Leid und Unterdrückung, was nun als des Wirtsvolkes labende Quelle fließen konnte? Zerrissen fühlte er, im Rausch der „Befreiung", daß er auch die Quelle von Kanaan nicht mehr in sich trug. Der Weg war viel zu weit gewesen, der Weg durch die Wüste der Diaspora. Man konnte klagen, singen, urteilen - keine Tragödie schaffen. Heine, der erste große Poet des Judentums, ließ es bei dramatischen Versuchen; Schöpfung erwartete die Welt von ihm und seiner geistigen Nachfolge nicht, Schöpfung im Sinne Lessings, Goethes, Schillers. Nur der Anker im Meeresboden der Seele, der das Judentum geblieben, war durch Lessings Nathan, durch Goethes Weltgefühl und Byrons Kain der Neuzeit bewußt geworden. Dramatiker beiden Deutschen wurden nur Deutsche. Kleist und Hebbel, Otto Ludwig, Grabbe, Georg Büchner. In Österreich Grillparzer. Das war die vormärzliche Zeit. Dann grollte das soziale Erwachen, dem Bürger trat das Proletariat entgegen. Lassalle und Marx standen im Kampf. Die Feder wurde jüdische Waffe, mit beispiellosem, scharfem Glanz, aber es blieb künstlerisch bei Mut und Witz, im tiefsten Sinne beim TageSspiel. Zusammenraffende Kunstwerke entstiegen-nicht dem Judentum. Wenn wir den Weg in Deutschland verfolgen, den uns sichtbaren Weg, wird in der ersten Hälfte des neuen jüdischen Jahrhunderts seine Gefahr sehr deutlich, deutlicher noch als die Leistung — besonders auf dem Gebiet des Dramas. Die Entwicklung von 1860 bis 1890, eine Kopie des französischen Theaters und das farblose Rührstück, lag bei Mischen Autoren. Paul Lindau, Oskar Blumenthal waren damals „Führer". Adolf L'Arronge würde geliebt, vor ihnen unterhielt David Kalisch die Großeltern. Ein zarter Keim zum ersten Tragiker am Anfang deS 19. Jahrhunderts erstarb neben den großen Deutschen: Michael Beer, der Bruder Giacömo Meyerbeers, der alle Gefahren deS jüdischen Erwachens verkörperte. Michael Beers „Paria" und „Struensee" starben bald nach ihrem Schöpfer. Erft als der große, stürmische Abend des 19. Jahrhunderts kam, endete die Pause, in der das deutsche Drama sich scheinbar verloren hatte. Die Fragen der Gesellschaft traten in den Streit - von Norden (Henrik Ibsen), Osten (Leo Tolstoi, Fedor Dostojewski) und Westen (Emile Zola) wurde Deutschland aufgerüttelt. Plötzlich stand ein Drama der Zeit da. Es war und konnte noch kein jüdisches Drama sein. Aus dem Erdreich seines Volkes trat Gerhart Hauptmann zu Ibsens Forderung. Aber es zeigte sich, daß der kostbare Fund am tiefsten doch von Mischem Geist ergriffen und gefördert wurde. Gerhart Hauptmann ohne OttoBrahm, den Kritiker, den Theatermann, hätte doch wohl die dunklen Umwege des Deutschen nicht vermieden. Die Klarheit seiner selbst wurde ihm von jüdischen Freunden vollendet, denn zu Otto Brahm traten Alfred Kerr und Moritz Heimann. Und nun regte es sich auch unter den Schwingen und den Stacheln der empörten Zeit in jüdischer Schaffenskraft. Bald nach Hauptmann erschienen Arthur Schnitzler und Georg Hirschfeld. Reifend folgten ihnen Hugo von Hofmannsthal, Richard Beer-HofMann. Ein tiefer Zauber und ein tiefes Leid ist um die Erscheinungen dieser ersten jüdischen Dramatiker dichterischer Prägung. Zuerst werde hier von Schnitzler, Hofmannsthal und Beer-Hofmann gesprochen — zuletzt von Hirschfeld. Nicht zufällig, sehr begründet, traten in Österreich die sichersten Könner Mischer Dramatik auf. Die Gewalt der „Weber" und des „Florian Franz Werfel

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