Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 2 (15.1.1931)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1931-01-15
- Page
- Seite 17 (sequence 1)
- Language
- German
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Kachcichtenblatt öer Israelitischen Kultusgemeinöen in München/Augsburg/Hamberg unö öes VerbanöeS Hagerischer Israelitischer Gememüen Erscheint am 7. unö 75. seöen Monats. — Verlag: B. Heller, München, plinganserstraste <54/ Kernruf 7366$ unö 73663/ Postscheck München 39$7/ Schristleitung: Sr. Luöwig Keuchtwanger, München, Grillparzerstraste ZS Bezugspreis für nicht Angewiesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für Las Fahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene Millimeter-Feile 40 Reichspfennkg Kamilienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 75 Reichspfennig VII. Jahrgang München, 15. Aanuar M.L Inhalt: Die jüdischen Dramatiker deutscher Zunge — Das jüdische Drama — Aus der Gemeinde München — Aus bayerischen Gemeinden — Aus der Pfalz — Aus der Gemeinde Bamberg — Aus dem Verbände — Vereine — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger. Bekanntmachung der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg: Betrifft: Konstituierung der Gemeindekörperschasten — Personalia. vie jüdischen vramaliker deutscher Zunge Dieser Aufsatz, für eine der größten amerikanischen Zeitungen von einem sehr bekannten deutschen Schriftsteller versaht, erscheint hier zum erstenmal in deutscher Sprache. Eine willkommene Ergänzung ist der sich anschließende Beitrag von Georg Hirschfeld, der vor kurzem im Berliner Gemeindeblatt veröffentlicht war und hier, mit Erlaubnis des Verfassers, etwas verändert vorgelogt wird. Wahrscheinlich nehmen heute unter den weißen Völkern die Deutschen und die Russen das Theater noch am meisten ernst. In den übrigen Ländern haben Theater und Leben kaum noch Beziehungen zueinander. Ein Drama im Sinne etwa des klassischen Dramas der Alten, des elisabethanischen, des klassischen französischen Dramas gibt es dort nicht mehr. Es basiert dort das Theater gemeinhin auf Konventionen, es ist eine gesellschaftliche Angelegenheit geworden, ein Amüsierinstitut. In Deutschland aber wie in Rußland gehen die Leute noch immer gläubig ins Theater, und das Wort David Friedrich Strauß, das Theater sei die Kirche der Heutigen, hat hier noch immer Geltung. Wenn die Leute Unterhaltung für den Augenblick suchen, dann gehen sie ins Kino; vom Theater wollen sie etwas mit „nachhause nehmen", hier suchen sie LebenSfteigerung, neue Erkenntnis. Noch immer subventionieren Reich, Länder und Gemeinden eine große Reihe von Bühnen mit Beträgen, die in vielen Fällen höher sind als die Einnahmen dieser Bühnen, so also, daß dem Zuschauer eine Leistung geboten wird, deren Herstellung mehr als das Doppelte kostet als das, was dieser Zuschauer dafür bezahlt. Außerdem existieren zahlreiche Organisationen des Kleinbürgertums und des Proletariats, die mit großer Mühe eigene Bühnen unterhalten oder die bestehenden Privatbühnen subventionieren. Das größte Berliner Theater ist von dem Verein Volksbühne gebaut worden, einer Organisation, die zum weitaus größten Teil aus Arbeitern besteht. Die Aufwendungen, die der deutsche Kleinbürger und der deutsche Proletarier für sein Theater macht, sind ein nicht unbeträchtlicher Teil seines Einkommens. Bei all diesen großen Anstrengungen hat der naive Betrachter den Eindruck, daß das deutsche Drama etwas Nebelhaftes, Weltfremdes sei, eine Spielerei, von der Wirklichkeit noch weiter abgetrennr als etwa die konventionellen Darbietungen der romanischen Bühnen. Sieht man näher zu, dann liegt die Sache anders. Das deutsche Drama hat sich seit seinen Anfängen im 18. Jahrhundert gegen den klaren Realismus etwa der Franzosen gewehrt, es strebte an eine höhere Wirklichkeit, eine große Synthese von Idee und Leben. In diesem Bestreben vernachlässigte es die äußere Form, es griff immerzu über die Möglichkeiten der Bühne hinaus, es beleidigte die gemeine Vernunft, es kümmerte sich nicht um die Illusionsfähigkeit des Zuschauers. Die deutschen Dramatiker der ersten Reihe hatten und haben beinahe alle für die gemeine, faßbare Wirklichkeit eine hochmütige Verachtung, die den Nichtdeutschen befremdet und abstößt. Dazu sind sie gern versponnen in sich selber. Sie kümmern sich nicht um die Rundheit der Form, ja, sie lieben das Fragmentarische. Dies ist der Grund, aus dem das deutsche Drama eigentlich nie über die deutschen Grenzen hinausdrang. Es hat, trotzdem das Ausland seine Qualität niemals leugnete, die nichtdeutschen Bühnen nie erobert. Es ist charakteristisch, daß etwa Goethes Faust nur in der läppischen Verballhornung der Gounodschen Oper auf die nichtdeutschen Bühnen kommt. In die großen Lücken des deutschen Theaters, die aus dem Mangel an Technik der Dramatiker, aus ihrem Mangel an Wirklichkeitssinn entstanden, sprangen frühzeitig die Juden ein. Der starke Theatersinn der Juden befähigte sie, rundere, bühnenstärkere Werke zu schreiben als die deutschen Dramatiker, die auch dem großen deutschen Publikum besser schmeckten als die deutschen Werke, so sehr es diese bewunderte. Aber es ist nicht zu leugnen, daß, so viele große jüdische Schriftsteller deutscher Zunge es gibt, unter den deutschen Dramatikern der ersten Reihe kaum ein Jude ist. Die maßgebenden Organisatoren des deutschen Theaters sind