Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 1 (1.1.1931)
- Article
- George Eliot und das Judentum
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
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6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 der seines Ursprungs unbewußt iin englischen Adelshause erzogen wird und nun im Lause seltsamer Erfahrungen und Begegnungen seine eigene jüdische Abstammung entdeckt und daraus die Folge für seine Lebensaufgabe zieht. Unter den Juüentypen, die ihm begegnen und die mit überraschender Vlickschärfe gesehen sind, sind nicht lauter Engel und nicht lauter Märtyrernaturen. Da sind die Abtrünnigen: die gefeierte Sängerin, die Daniels Mutter ist und dem Sohn die Demütigung seiner jüdischen Geburt ersparen will; oder der verkommene alte Lapidoth, der zum Unglück seiner Frau und seiner Kinder wird. Daneben vergißt die Künstlerin nicht die jüdischen Spießbürger, redliche Leute mit gutgehendem Geschäft und sozialem Ehrgeiz, die aber bei all ihrer Eitelkeit und Beschränktheit doch etwas für Gastfreundschaft, für Zedokoh übrig haben. Sie sieht die Familie des Pfandleihers Esra Cohen in all ihren Besonderheiten — aber sie sieht diese Menschen auch in der geheimnisvollen Umwandlung des Freitagabends, der auch Heinrich Heines verzauberten Prinzen, aus dem Hund mit hündischem Gebühren den Königssohn wieder erstehen läßt. Und da sind vor allem die Lieblingsgestalten der Dichterin, das Geschwisterpaar Mirah und Mardochai; das zarte blumenhafte Mädchen, das Deronda vor dem Tods des Ertrinkens rettet, und der Bruder, der schwindsüchtige Uhrmacher und Philosoph, — ein Prophet aus biblischer Zeit, der sich in die schmutzige Gasse von Whitechapel verirrt hat. Aber nicht diese jüdischen Menschen allein würden uns heut das Buch noch merkwürdig erscheinen lassen. Das Wichtige und Überraschende darin ist, daß diese englische Christin, deren stütze Werke dem Leben der englischen Landgeistlichkeit geweiht sind, die meisten ihrer jüdischen und christlichen Zeitgenossen überragt an Erfassung und Gestaltung jüdischer Zukunftsprobleme. Noch geht Theodor Herzl zur Schule in der Türkenstrahe zu Budapest: da nimmt diese Engländerin Gedanken voraus, wie sie später etwa Achad Haam verfochten hat. Nicht die Bedeutung der Diaspora leugnet sie, die allein es den Juden ermöglicht hat, in allen Landen Samen der Ewigkeit auszustreuen. Aber die Sehnsucht im Leben ihres Helden gilt der Verwirklichung jüdischer Zukunftsträume im Lande der Väter. Selbst das später viel gebrauchte Wort vom „geistigen Zentrum" der Juden findet sich schon in diesem Buche-. Wie kommt George Eliot zu diesen Erkenntnissen? — Das Phä- - über „Daniel Derondas" Bedeutung für das Werden der zionistischen Idee am besten Sokolow in seiner Geschichte des Zionismus I, 228 ff. nomen dieses merkwürdigen Scharfblickes einer Dichterin läßt sich, wie Kaufmann damals sagte, vielleicht erklären, keinesfalls aber abschwächen. Am wenigsten durch die Vermutung ihrer neuesten Biografen ©.. und G. Romieu, die in ihrem sonst sehr anziehenden, freilich die Gestalt der männlich herben und doch weiblich gebundenen George Eliot nach Art des Andre Maurois mehr als Herz und weniger als Hirn darstellenden Buche, ohne irgendeine Begründung die Behauptung aufftellen, die Dichterin habe aus purem Stoffmangel sich dem Problem des Judentums und seiner Zukunft zugewandt. Jeder der G. Eliots in seltener Vollständigkeit vorliegende Briefe und Tagebücher kennt, weiß, daß die Hinneigung zu Juden und Judentum — zum Judentum übrigens vielmehr als zu den Juden ihrer Zeit— sich schon seit langen Jahren bei ihr zeigt; obwohl es eine Zeit gab, da sie der gefeierte Vertreter englischer Judenheit, der Judenstämmling Disraeli, abstieß und seine Stammesgenossen ihr gleichgültig waren. Aber ihr eigener Kampf um die Reinheit des Gottesglaubens, der aus dem kirchenfrommen kleinen Sonntags- Schul-Mädchen eine Rationalistin und Übersetzerin von Strauß' Leben Jesu macht, der führt sie wohl zu dieser Schweizergarde des Deismus, wie Heine die Juden nannte. Und ihr tiefes Rechtsgefühl stellt sie an die Seite der immer Verfolgten, niemals Besiegten. G. Eliot kennt seit langem die Werke von Graetz und Zunz; in ihren Briefen erwähnt sie ihr Studium von Werken über den Talmud und über die Juden in Spanien. Vielleicht daß ihr auch wie ihr erster Biograf Lord Acton' annimmt, W. v. Humboldts Wort vorschwebt, das Judentum ließe sich leichter mit der Philosophie vereinigen als jeder andere Glaube... So hat sie ja auch noch in ihren letzten Lebensjahren es unternommen, die Juden und ihr stolzes Nationalgefühl, das man bei jeder anderen Nation bewundern würde, gegen ihre Gegner zu verteidigen. „The modern Hep! Hep!" ist der Titel dieses auch ins Deutsche übersetzten Aufsatzes. Als Keimzelle zum Daniel Deronda gibt sie selbst einmal die Worte Lessings an in seiner Einleitung zu seinem Jugendlustspiel „Die Juden" Und an Lessings Seite dürfen wir Juden sie stellen. Wenn ihr Daniel Deronda auch nicht die hohe Dichterkraft seines Nathan erreicht: an Erkenntnis der tiefen Quellen unserer Ewigkeit darf er sich gleichwertig dem Drama Lessings gesellen. Und an Erkenntnis der Zukunftsaufgaben des Judentums mag Daniel — so wird vielleicht eine spätere Zeit urteilen — dem Nathan kühnlich oorangehen. Vas englische Parlament behandelt die Schächtlrage London, 14. Dezember. Im Unterhause fand die zweite Lesung des von dem Konservativen Oberstleutnant Moore eingebrachten Gesetzes über das Schlachten von Tieren statt. Über den Paragraph 6 des Entwurfes, durch den Juden und Mohammedanern die Erlaubnis erteilt wird, das Schlachten von Tieren nach den Vorschriften ihrer Religion vorzunehmen, entspann sich eine lebhafte Debatte. Der Abgeordnete für Sheffield Marshall (Labour-Party) Bayerische Handelsbank gegründet 1869 gegründet 1869 Dodenkreditanfialt München. Gold-Hypoihekenbestand Mitte 4930: rund GM. 255'300,000.— Gold-Pfandbriefumlauf Mitte 1930: rund GM. 254'800,000.— jT °/o ige unkündbar Gold-Hypoihekenpfandbriefe, mündelsicher * stiftungsmäßig * lombardfähig. Pfandbrief-Zinsscheine, die nach dem 2.Fan. 4931 fällig werden,sind kapitalertragsteuerfrei. Gewährung von Hypothekendarlehen auf ländlichen und städtischen Besitz. An- und Verkauf der Gold-Hypothekenpfandbriefe an unseren Schaltern Nr. 56—58 von morgens 8^/2 Uhr bis abends 4 Uhr durchgehend, sowie bei allen Bankstellen. nahm scharf gegen die Zulassung dieses Paragraphs Stellung. Er erklärte, der Gedanke der Humanität dürfe durch politische Rücksichten nicht beeinträchtigt werden. Die jüdische Schächtrnethode sei eine grausame Tierquälerei. Auch Rev. G. Lang, ebenfalls Mitglied der Arbeiterpartei, wandte sich gegen die zugunsten der Juden und Mohammedaner vorgesehenen Ausnahmen und beantragte die Ablehnung des Gesetzes. Bei aller Anerkennung der ausgezeichneten staatsbürgerlichen Eigenschaften der Juden dürfe keine Ausnahme zugunsten einer bestimmten Bevölkerungskategorie gemacht werden. Gegenüber diesen Angriffen verteidigte Walter Guinneß (kons.) den Gesetzesantrag und erklärte, der Antragsteller Col. Moore habe durch die Aufnahme der Ausnahmsbestimmung zugunsten der Juden politische Einsicht bewiesen. Auch vom Standpunkt der Humanität sei gegen den Paragraph 6 nichts einzuwenden, da die jüdische Methode der Durchtrennung der Halsschlagader eine ganz andere Wirkung habe als die gewöhnlichen Schlachtmethoden. In seinem Schlußwort erklärte Col. Moore, es sei in diesem Augenblick nicht klug, sich in einen Kampf gegen religiöse Grundsätze irgend einer Gemeinschaft einzulassen. Seiner Meinung nach sei es Aufgabe der Christen, in ihrem eigenen Haufe Ordnung zu halten und sich nicht in Fragen einzumengen, die die religiösen Grundsätze der jüdischen und mohammedanischen Gemeinden Englands betreffen. Es wäre von großer Bedeutung, wenn es den Christen gelänge, ihre jüdischen und mohammedanischen Freunde zur Annahme ihrer Vorschläge zu bewegen, vorläufig aber müsse in dem Gesetz auf den Standpunkt der anderen Konfessionen Rücksicht genommen werden. Das Gesetz passierte sodann unverändert, also unter Beibehaltung der Ausnahmsbestimmungen der Schechita, die zweite Lesung.