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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-01-01 · 1 (1.1.1931) · p. Seite 5

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
1 (1.1.1931)
Article
Kult und Form
Date
1931-01-01
Page
Seite 5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 5 Prinzipien sind versucht an Silberarbeiten Ludwig Wolperts, werden besonders klar an Arbeiten der Silberschmiedin Emmy Roth, die das Material an sich wirken läßt und auf jede Dekoration verzichtet. Das Silber in seinem Glanz und Edelwert schafft die Wir- Joachim Kahane, Lodz Chanukkaleuchter kung ihres Chanukkahleuchters. Es ist eine einfache horizontale Silberplatte, die, seitlich in schönem Schwung sich neigend, sich zu Standwänden umbildet, darauf die Fassungen für die Kerzen, eine weitere in der vorderen Mitte für den Schammes. Der Glanz, die Spiegelung, die Schwingung und Ebene zueinander bedingen, bestreiten hier ebenso die Wirkung, wie an der Esrogdose — ein einfaches Silüergehäuse in der Form der Frucht —, am Kidduschbecher, an der Kanne zumLändewaschen, alles, Arbeiten der gleichen Künstlerin, einzig die genannten Faktoren die Schönheit ausmachen. — Zwischen traditionsgebundenen und sachlich-materialgerechten Formen stehen die Edelmetallarbeiten D. Friedlaenders aus Antwerpen, an seinen Bechern, Esrogdose oder B'somimbüchse belebt er die Grundform durch Bucklung — Anknüpfung an Renaissancemotive — oder ornamentale Schriftverteilung am Rand oder Gefäßfuß. Neben Edelmetall vermag man auch mit Keramik in ihrem porösplastischen Charakter und dem Tonwert der Glasur schöne, vielleicht bürgerlichere Wirkung für Kultgeräte zu erzielen. Lotte Buds türkisfarbener Chanukkahleuchter, ein horizontaler Sockel mit Lichthülsen aus mehrfach geschichteten Keramikringen oder A.Zerkowskis blauer Keramikleuchter mit Rückwand zeigen die Möglichkeiten dieses Materials ebenso wie Halperns Misrach-Schild, Schabbosleuchter oder Teller. Gegensätzlich zu der bürgerlich-schlichten Wirkung der Keramikarbeiten sind Versuche, Ritualien für den Hausgebrauch aus Glas zu machen. So fein die Wirkung für Becher, Abdohloh-Teller oder Zeiger ist, bei denen allen meist hebräische Buchstaben, die Brochaus oder dergleichen in schönen klar-stilisierten Formen eingraviert sind, so gewagt scheint der Versuch der Künstlerin Mirjam Rosenthal, aus diesem zarten Material auch einen Chanukkahleuchter in der Form der alten Ölleuchter zu arbeiten. So ansprechend die Arbeit erscheint, so erfüllt sie doch nicht die moderne Forderung der Materialgerechtheit. Es wurde zu weit führen, hier alles zu erwähnen. Die schönen. Vorhänge Alexander Beers, des Erbauers der neuen Berliner Gemeindesynagoge, sind hier schon in deren Zusammenhänge erwähnt worden, oder die ähnlichen Stickereien Harry Rosenthals, der mit feinem geometrischen Goldornament die Fläche klar überzieht, zeigen ähnliche Tendenzen. Das Wesentliche, was die Berliner Ausstellung zeigt, ist die auch im jüdischen Kultgerät deutlich hervortretende Umstellung. Man kennt nicht mehr die überladene Symbolik, sondern zeigt klar den Emmy Roth, Berlin Chanukkaleuchter, Silber Zweck des jeweiligen Geräts. Der Zusammenhang mit der Tradition wird nicht im Äußerlich-Formalen gesucht, sondern im Erfassen des geistigen Gehalts des Ritus, für den das Kultgerät die Funktion trägt. Dr. Lotte Pulvermacher. Seorge Cliot und das Judentum Zur Erinnerung an die Schöpferin des Daniel Deronda, gestorben am 22. Dezember 1880. Von Dr. Bertha Vadt-Strauß. Man schreibt das Jahr 1876. Das 19. Jahrhundert hat den Gedanken der Nationalitäten in antiker Schärfe wieder aufleben lassen. Neue Erkenntnis und alter Haß hat auch die nationale Besonderheit des Judentums zu ergründen begonnen. Noch hat sich das deuffche Judentum nicht vom ersten Rausch des Emanzipationsgedankens erholt, dem in der Generation Heines und Börnes „Menschenopfer unerhört" dargebracht worden sind; kaum beginnt man geleitet von der neuen Forschung eines Zunz und Graetz, die sich wie die neue Arche Noah aus dieser Sintflut des Tauswassers erhob, die alten und neuen Probleme des gegenwärtigen Judentums zu verstehen. Da geschieht es, daß eine englische Christin ein Buch drucken läßt, das wie kaum ein anderes Dokument aus dem Jahrhundert die ewigen Probleme des Judentums, feine Vergangenheit und seine Zukunft im tiefften Grunde erfaßt. Keine Unbekannte ist die Schöpferin dieses seltsamen Buches: George Eliot, die eigentlich Mary Ann Evans hieß, ist der Stolz ihres Landes, die berühmteste englische Frau im viktorianischen Zeitalter. Das Buch aber das im Jahre 1876 zugleich in englischer und in deutscher Sprache erschien und dessen Fragestellungen uns heute und immer berühren, heißt Daniel Deronda. * * 's* Als Daniel Deronda erschien, hat man in den Kreisen der jüdischen Leser seine Tragweite nicht unterschätzt. Kein Geringerer als David Kaufmann, eine der glänzendsten, allzufrüh verblaßten Erscheinungen unserer jüdischen Wissenschaft, schrieb eine ausführliche — nachmals berühmt gewordene — Besprechung dieses inhaltsreichen „Unterhaltungsromans"^, die zur. Folge hatte, daß er mit George Eliot bis an ihr Lebensende in geistiger Verbundenheit blieb. Welcher Art aber war das Buch, das damals Freund und Feind größtes Aufsehen erweckte? -i- -i- * Wenn wir heute nach mehr als fünfzig Jahren, George Eliots Daniel Deronda zur Hand nehmen, so geschieht das — so viel muß man offen gestehen — nicht mehr mit der atemlosen Erregung, mit der ihn unsere Eltern lasen. Auch erscheint uns der Roman bei weitem nicht als George Eliots stärkstes Buch. Kaum können sich seine Gestalten an Leben und Eindringlichkeit etwa mit dem armen Leineweber Silas Marrner, dem das Schicksal seinen Spargroschen raubt und dafür ein Findelkind beschert, oder mit der kleinen Methodistin Dinah Morris messen. Auch die Anlage des Buches spannt nicht so hoch die Bogen wie etwa die Geschichte der Romola, der schönen Schülerin des Savonarola; und zumal die rätselhafte und leichtsinnige Gwendolen und ihre unglückliche Ehe mit dem tadellosen Gentleman Mr. Grandcourt läßt uns Heutige ziemlich kalt. Aber zu dieser ersten Handlung gesellt sich eine zweite, die eigentliche Kernhandlung des Buches; und sie ergreift uns — zumal uns Juden — noch heute mit stärffter Eindringlichkeit. Denn ... das sind wir, mit allem Glanz und allem Leid unserer Seele. Es ist die Geschichte von dem verirrten Juden, dem jungen Daniel Deronda, 1 Vgl. George Eliot und das Judentum (David Kaufmann, Gesammelte Schriften, Bd. 1, S. 39 ff.).

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