Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 1 (1.1.1931)
- Article
- Chanuka als Vorstufe des Weihnachtsfestes?
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 2)
- Language
- German
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4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 handele es sich um eine sekundäre, spontane Entwicklung, beim Tempelweihfest dagegen um einen geschichtlichen Akt. Die führenden europäischen Gelehrten (Norden, Kittel, Arnold Meyer) folgen wie ich sehe dieser Meinung. Von den modernen Forschern hat nun zuletzt einer der besten Kenner der schwierigen Kalenderwissenschaft, Professor Martin P. Nilsson in Lund, durchschlagend — aber leider ziemlich unbeachtet - folgendes ausgeführt: „Vor der Reform Cäsars im Jahre 46 v. Ehr. bestand kein Kalender, dessen Daten der Sonne folgten, sondern nur das ägyptische Wandeljahr oder das entweder zyklisch oder empirisch geschaltete lunisolare Jahr der semitischen und antiken Völker. Das jüdische Jahr gehörte zu der letzterwähnten, empirisch geschalteten Gruppe. Ein jedes Datum eines solchen Kalenders rückte im Verhältnis zur Sonne jedes Jahr um 11 Tage zurück, um in jedem dritten, zuweilen zweiten Jahr durch die Einschaltung eines Monats 30 (bzw. 29) Tage vorwärts geschoben zu werden. Eine feste Vergleichung eines Tages eines solchen lunisolaren Monats mit einem Tage des Sonnenjahres aber ist durch seine unaufhörliche und starke Wechselung im Verhältnis zur Sonne ausgeschlossen. Man kann sich das veranschaulichen, wenn man ftagt: welcher Tag eines unserer Monate, die keine Mondmonate, sondern Unterabteilungen des Sonnenjahres sind, z. B. des Dezembers, ist der reguläre Neumondstag? Die Frage ist offenbar gegenstandslos. Fragen wir dann weiter, wie vor der Reform Cäsars die Vergleichung zwischen Daten des lunisolaren Jahres und solchen des Sonnenjahres angestellt wurden, so geben uns die Parapegmen, die Verwandlungstabellen, die Antwort. Das geschah durch Bezugnahme aus die Auf- und Untergänge der Gestirne und die Tierkreiszeichen; aber diese waren nicht im populären Gebrauch als Zeitmaß, wohl dagegen die Gestirne, besonders in Griechenland. Es wäre deshalb eine unglaubliche Behauptung, zu sagen, daß ein Tag eines lunisolaren Monats, z. V. der 2 5. Kislew, dem Tage im Zeichen des Steinbocks regelmäßig gleichgesetzt wurde, auf den die Wintersonnenwende fiel, d. h. dem ersten. Nun begegnet in modernen Schriften oft eine Gleichstellung eines lunisolaren Monats mit demjenigen Monat des julianischen Sonnenjahres, mit dem er sich gewöhnlich zum größeren Teile deckt. Man sollte aber eine solche Vergleichung nur in dem Bewußtsein anstellen, daß sie ein sehr ungenaues Hilfsmittel ist, um für uns die mittlere Lage dieses lunisolaren Monats im Verhältnis zum Sonnenjahr zu veranschaulichen und auch so verstanden werden muß, und daß sie vor dem Jahre 46 v. Ehr. nicht existieren konnte. Wenn das unklar ist, sollte sie besser unterbleiben. Daß ferner aus dieser groben Vergleichung der Monate eine Vergleichung ihrer Tagesreihen hergeleitst wird, d. h. der Vergleich zweier bestimmter Tage, z. B. 25. Kislew — 25. Dezember, ist noch viel bedenklicher; selbstverständlich dürfte es aber nach dem Gesagten sein, daß sie vollends in der Zeit vor der Einführung des julianischen Kalenders irreführend und unstatthaft ist." Nach diesen schlüssigen Ausführungen von Professor Nilsson kann man die bisher überwiegend angenommene Ableitung des Weihnachtsfestes von unserem Chanuka nicht mehr ausrecht erhalten. Nilsson sagt weiter: „Wenn ein Zusammenhang zwischen den beiden Lichtfesten — und ich vemerke ausdrücklich, daß ich diesen nicht als ausgeschlossen hinstellen möchte — besteht, ist es nur statthaft anzunehmen, daß vielleicht ein volkstümliches, an die Wintersonnenwende gebundenes Lichtfest bestanden hat und daß dieses als Tempelweihfest in offizielle Aufnahme kam und dann, da es in den offiziellen lunisolaren Kalender nunmehr eingereiht werden mußte, aus irgendeinem uns unbekannten Grunde aus den 25. Kislew verlegt wurde. Dabei erhebt sich aber die Frage, ob die semitischen Völker überhaupt Feste kannten, die nicht an den lunisolaren Kalender, sondern nur an die Sonne bzw. das Naturjahr gebunden waren; ich wüßte kein Beispiel dafür anzuführen. Es ist aber ersichtlich, daß eine solche auf bescheidenere Masse reduzierte Hypothese viel von ihrer Zugkraft verliert und sehr unsicher ist." Die Verlegung des Weihnachtsfestes als des Festes der Geburt Christi auf den 25. Dezember ist dagegen unbestritten auf eine zimlich späte Entwicklung zurückzuführen, bei der die Sonnenwende, die volkstümliche Wertschätzung der Sonne, die religiöse Hochstimmung zur Zeit des zunehmen^n Lichtes die Hauptrolle spielte. Die biblische Sanktion fanden die Leiter der Kirche in der Prophetenstelle (Maleachi 4, 2): „Ausgehen wird Euch die Sonne der Gerechtigkeit, und Heilung unter ihren Flügeln." Das Judentum hat jederzeit irgendeinen Zusammenhang des Sonnenkults mit dem Lichtfest des 25. Kislew strikte abgelehnt, und zu keiner Zeit hat die Festpredigt des Kirchenvaters Ambrosius in das jüdische Ohr Eingang gefunden: „Nicht übel nennt das Volk diesen heiligen Tag der Geburt des Herrn die neue Sonne und behauptet das so benimmt, daß Juden und Heiden sich in diesem Ausdruck zusammenfinden." Die etwas abgelegene, hauptsächlichste Literatur zu diesen Fragen sei hier zusammengestellt: Eduard Meyer, Ursprung und Anfänge des Christentums 2. Bd. (1921) S. 209 f. Arnold Meyer, Das Wechnachtsfest. seine Entstehung und Entwicklung. 1913. I. Wellhausen, Israelitische und jüdische Geschichte. 8. Auflage. S. 245 f. Rudolf Kittel, Die hellenistische Mysterienreligion und das Alte Testament. 1924. Martin P. Nilsson, Besprechung des Buches von Kittel in der Deutschen Literaturzeitung. 1926. Eduard Norden, Die Geburt des Kindes. Geschichte einer religiösen Idee. 1924. L. Feuchtwanger. Kult und §orm Ausstellung von modernem jüdischen Kullgerät im Kunstgewerbemuseum, Berlin Dieser Tage wurde in Berlin im ehemaligen Kunstgewerbemuseum die Ausstellung „Kult und Form" eröffnet, die, vom „Kunstdienst Dresden" veranstaltet, neue Gebrauchskunst aller Konfessionen zeigt. So ist auch einmal eine Gelegenheit geboten, modernes jüdisches Kultgerät in größerem Ausmaße zu sehen, das von der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin zur Verfügung gestellt wurde. Die vom Kunstdienst Dresden erstrebte Neubelebung künstlerischer Gestaltung im Kultbau — eine Ausstellung „Kultbauten der Gegenwart" hatte er 1929 zusammengestellt — wie auf dem Gebiete des Kultgerätes geht, wie die anderen Konfessionen, auch in gleicher Weise uns Juden an. Es handelt sich um eine lebendige Sakralkunst, in der sich auch in gewisser Beziehung die religiöse Gesinnung unserer Zeit dokumentiert. Welche Möglichkeiten gibt es nun, Kultgerät in heutiger Zeit künstlerisch zu gestalten? Wir können die Traditton weiterbilden, resp. ihre überkommenen Kunstformen umbilden im Sinne unserer Zeit, also gewissermaßen modernisieren, oder neu anfangen, ausgehen von den Forderungen des Heute und — vielleicht — „neue Traditton machen, nicht von alter leben", wie es einmal der im Kriege gefallene Künstler Franz Marc formulierte. Beide Wege werden von unseren jüdischen Künstlern beschritten, für beide Richtungen zeigt die Ausstellung typische Beispiele. In guter Anordnung sieht man synagogales Kultgerät wie Thoraschrein-Vorhänge, Zeiger, ein Neir-Tomid, Proben von Glasfenstern, große Chanukkahleuchter, wie auch viele Rituatlien für den häuslichen Gebrauch, vor allem Schabbes- und Chanukkahleuchter, Becher, Esrögschalen, B'somimbüchsen usw. Die verschiedenen künstlerischen Tendenzen demonstrieren wir am besten am Chanukkahleuchter. Anknüpfend an die geläufige Form des kleinen Wandleuchters, ursprünglich für Öl gedacht, mit ornamentierter Rückwand ist eine Arbeit von Joachim Kahane, ebenso wie ein Stand-Chanukkahleuchter von Zadikow die übliche Form weiterbildet. An dieser Messingarbeit ist besonders zu betonen, wie der Künstler in sehr geschickter Verteilung als Verbindung zwischen den einzelnen Armen und dem Mittelfuß die Embleme der zwölf Stämme in ornamentaler Stilisierung eingefügt hat. Die beiden großen Standleuchter der Ausstellung, beide ohne weiteren Schmuck, bringen nichts wesentlich Neues. — Den ersterwähnten Beispielen gegenüber steht das gleiche Gerät in moderner Auffassung, ausgehend von den Hauptforderungen heutiger Gestaltung: Klarheit und Einfachheit der Form, die Ausdruck der Funktion fein soll. Diese