Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 1 (1.1.1931)
- Article
- Friedrich Nietzsche als Wegbereiter völkischer und judenfeindlicher Strömungen?
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung :Hi. 1 vung, dieser feindseligen, schonungslosen Haltung gegen den bildungssatten, nicht mehr über sich hinaus wollenden, die eigene Schwäche und Unredlichkeit vor sich selbst verbergenden, ängstlichen Durchschnittsbürger von heute, daß hinter dieser Haltung ein starker positiver Glaube an den adelig-zuchtoollen souveränen Menschen der Zukunst steckt. Man hat in der bürgerlichen, gebildeten Welt bis 1914 die von Nietzsche ausgesprochenen unbequemen Ideengänge meistens dadurch „entgiftet", daß man sie als unschädliche Gedankenblasen eines ekstatischen Nihilisten und Aphoristikers abtat. Das geht heute nicht mehr. Max Scheler hat schon im Jahr 1912 das von Nietzsche zum erstenmal gesehene „Ressentiment" der bürgerlichen Moral in der glänzenden Schrift „Über Ressentiment und moralisches Werturteil" wieder entdeckt. Er hat diesen dauernden psychischen Zustand des Sich-was-vor-machens in unserer breiten kleinbürgerlichen Welt in einer Reihe moderner Moralen wiedererkannt, so in der Kant'schen Pflichten-Moral, in der Mitleid-Ethik Schopenhauers und in unserer ganzen idealistischen Humanitätsethik. Max Weber hat später in seiner grandiosen Deutung des antiken Judentums als „Verklärung der Pariavolkslage und des geduldigen Ausharrens in ihr," Nietzsches und Schelers Gedanken auf die altjüdische Geschichte angewandt*. Nietzsche will jedenfalls mit jener „Entlarvung" nicht nur die Juden treffen, wenn auch natürlich deren historisches Schicksal gerade sie zu einer „Vergoldung des Lebensdruckes", zu einer Idealisierung des gehorsamen Erduldens der Gewalt als höchster Staffel der religiösen Würde disponieren mag. Denn Nietzsche hat an anderen Stellen die Juden gefeiert als das Volk der Pietät gegen die Vorfahren, als Europas älteste und am stärksten gezüchtete Rasse, als das Volk, „welches die Phantasie der sittlichen Erhabenheit höher als.irgend ein anderes Volk getrieben hat", als das Volk, „dem Europa den großen Stil in der Moral, die Fruchtbarkeit und Majestät unendlicher Forderungen verdanke". Nietzsche besaß wie kein anderer das absolut sichere Organ für die echte ewige Rangordnung, der Werte, für die „ardre du coeur“ und die „logique du coeur“. Das hinderte ihn fteilich nicht, bei Beurteilung des „Jüdischen", das ihn in der Wirklichkeit umgab, in die vulgärsten Vorurteile der Zeit ziemlich ahnungslos zurückzufallen. Ich meine vor allem in der berühmten Analyse „Von der Herkunft der Gelehrten" (in der „Fröhlichen Wissenschaft"). Ein Jude sei (im Gegensatz zu der naiven Sicherheit der Gelehrten christlicher Herkunft) umgekehrt, „gemäß dem Geschäftskreis und der Vergangenheit seines Volkes", gerade daran, daß man ihm glaubt, am wenigsten gewöhnt; die jüdischen Gelehrten hiellen deshalb „alle" große Stücke auf die Logik, „das heißt auf das Erzwingen der Zustimmung durch Gründe". Es scheint besonders Folgendes, was die Auseinandersetzung mit Nietzsche heute wichtiger macht als in den letzten 30 Jahren: Seine Ideen, seine geistige Gesamthaltung sind — meist unterirdisch und 1 Darüber ausführlich „Morgen", Jahrg. 5 (1929), S. 600 ff: „Frömmigkeitsgeschichtliche, psychoanalytische und soziologische Fragestellungen" (in der alttestamentlichen Forschung). anonym — aufs tiefste in die moderne abendländische Denkart eingedrungen. Man gibt sich kaum mehr Rechenschaft darüber, daß eine Reihe von geistigen Moden und von antiliberalen mißverstandenen — gegen die Juden gerichteten — Argumentationen über Diktatur und „die Herrschaft der Minderwertigen", ihre geistige Nahrung von Nietzsche bezieht. Hier bei Nietzsche ist die Begründung aller antidemokratischen Affekte zu finden. Man hat die Ethik der internationalen Faschismen, an der Spitze Gestalt und System Mussolinis, von Nietzsche abgeleitet und hier eine Antwort zu finden geglaubt auf die Frage: Wer soll der Herr der Erde sein?, die unser Philosoph ungefähr so löst: „Ein höherer Typus Mensch soll herrschen, der starke, große, vornehme Mensch." Dieser Typus aber soll planmäßig gezüchtet werden und die einstige hochwertige Herrschaft stellen. Mussolini hat sich selbst öffentlich dazu bekannt, daß er von dem Deutschen Denker entscheidend beeinflußt sei. Nietzsche hat selbst vor seinem geistigen Zusammenbruch das große Wort gesagt: „Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen — an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tieffte Gewissenskollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit." Es ist heute ausgemacht, daß sich der Tiefenpsychologie Nietzsches, die Freud dann systematisch ausgebaut hat, ein viel tieferer Einblick in das wirkliche Seelenleben eröffnet als es einer mechanistischen und intellektualistischen Elementen- und Prozeßpsychologie je möglich gewesen wäre. Hinter den „Tugenden" haben wir die Laster des individuellen und kollektiven Egoismus, hinter dem „Idealen" das Allzumenschliche mit schmerzender Deutlichkeit sehen gelernt. Im Grund steht hinter dieser naturalistischen Demaskierung aller psychologischen und scheinheiligen Verdeckungen ein ganz großes Ethos, das sich an das höchste Wollen der Menschen richtet. Es ist zu bequem in den Gedanken Nietzsches nur Zersetzung, Auflösung, Nihilismus zu sehen. Es gibt zu denken, daß der jüdische Geist für Nietzsche Gedankengut, wie wir gesehen haben, immer besonders aufgeschlossen und empfänglich war — die Namen Brandes, Simmel, Scheler, Freud, Heinemann beweisen es —, daß aber gleichzeitig deutsche und italienische Faschisten sich auf ihn berufen. Man kann wohl dem Urteil feines letzten Erklärers in der Grundauffassung zustimmen: „Auch wer mit nüchterner Kritik — und solche tut allerdings bei der Lektüre feiner Schriften not! — Nietzsche gegenübertritt, wird doch anerkennen müssen, daß er große Menschheitsfragen gesehen, leidenschaftlich mit ihnen gerungen und neuartige Antworten auf sie gegeben hat, daß vor allem sein Herz glühte für Erhöhung des Menschentypus, für neuen sittlichen Adel. So ist er und wird er noch auf lange hinaus bleiben, der große Anreger und Erwecker, ein Vorbild mutigster Wahrhaftigkeit und intellektueller Redlichkeit, ein Vorbild, das in uns noch die Redlichkeit und den Mut stärken kann — gegen ihn zu entscheiden, wo Erkenntnis und Gewissen es gebieten. L. F. Lin 6rundwerk über die Statistik der deutscben luden Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums fährt trotz der Schwierigkeiten der Wirtschaftskrise fort, der Öffentlichkeit die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten darzubieten. Nach den bekannten Publikationen aus der Geschichte, der Philosophie und der Literatur der Juden erschien soeben im Akademie-Verlag das erste Werk ihrer Sektion für Statistik, das von allen bevölkerungs- oder kulturpolitisch Interessierten seit langem sehnlichst erwartet wird. „Die Bevölkerungs- und Berufsverhältniffe der Juden im Deutschen Reiche, I. Freistaat Preußen", lautet der Titel des Bandes, der Professor Dr. Heinrich Silbergleit, Direktor a. D. des statistischen Amtes der Stadt Berlin und Mitglied des Internationalen Statistischen Instituts, zum Verfasser hat. Die amtlichen Materialien des Preußischen Statistischen Landesamtes liegen dem Werke zugrunde. Der Preußische Landesverband Jüdischer Gemeinden, die Gemeinde Berlin und andere Großgemeinden haben erhebliche Opfer für die Zusammenstellung dieser Materialien gebracht, die größten allerdings die Akademie selbst 'mit der redaktionellen und publizistischen Leistung. Silbergleits Werk zerfällt in Text- und Tabellenteil. Der erste bringt Grundlegendes über die geschichtliche Entwicklung und die räumliche Verteilung der jüdischen Bevölkerung in Preußen seit 1812, über die Entwicklung seit der letzten Friedensvolkszählung und über die jüdischen Reichsausländer. Es behandelt Geschlecht und Altersgruppen, Alter und Familienstand auf Grund der letzten Volkszählung von 1925 und endlich die berufliche Gliederung unter Berücksichtigung der großen Berufsgruppen und der Einzelberufsschichten, der Selbständigen, der Angestellten, Arbeiter, mithelfenden Familienangehörigen und Hausangestellten. In den Textteil sind drei farbige Tafeln und 45 Übersichtstabellen eingefügt. Das eigentliche Tabellenwerk bringt in Zahlen: Die jüdische Wohnbevölkerung vom 16. Juni 1925 nach Altersjahren und Familienstand im Freistaat Preußen, in den einzelnen Provinzen, den einzelnen Großstädten zusammen; ferner die jüdischen Erwerbstätigen nach Wirtschaftsgruppen und Berufen im Freistaat Preußen und in der Stadt Berlin. Die Bevölkerungsstatistik ist der Schlüssel zum Verständnis der Vorgänge auf allen Gebieten des sozialen Lebens wie der Entwicklungstendenzen der Bevölkerung. Eine solche Grundlage mußte ge-