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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-01-01 · 1 (1.1.1931) · p. Seite 1

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
1 (1.1.1931)
Article
Inhalt
Date
1931-01-01
Page
Seite 1 (sequence 1)
Language
German
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Kachrichtenblatt öec Israelitischen Kultusgemeinüen in München/ Augsburg/ Hamberg uns öeS Äerbanöes Bayerischer Israelitischer Gemeinöen Dagerijche Israelitische GememÜezeitung Erscheint am 1. unö ts. jeöen Monats. — Verlag: B. heller, München, Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für öaS plinganserstrahe 64, Kernruf 7Z 664 unö 7)665, Postscheck München ZPS7, Jahr. Anzeigenpreis: Oie 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Reichspfennig Fchristleitung: Or. Luüwig Keuchtwanger, München, Grillparzerstraste ZS Kamilienonzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote if Reichspfennig VIL Jahrgang _ München, 7. Januar _ Kr. 1 Inhalt: Friedrich Nietzsche als Wegbereiter völkischer und juden- Verbands — Aus der Gemeinde München — Vereine — Bücherfeindlicher Strömungen? — Ein Grundwert über die Statistik der schau — Amtlicher Anzeiger — Bekanntmachungen des Verbandes deutschen Juden — Neueste Funde aus der altorientalischen Umwelt Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekanntmachung über Kürdes alten Israel — Chanuka als Vorstufe des Weihnachtsfestes? — zung der Beamten- und Angestelltenbezüge — Bekanntmachungen Kult und Form — George Eliot und das Judentum — Das englische der Israelitischen Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über Parlament behandelt die Schächtfrage — Lehrerzeitung — Aus dem die Schächtstunden in der Geflügelbank — Personalia. Sriedrich Nietzsche als Wegbereiter völkischer und judenfeindlicher Strömungen? Die Gedankenwelt Friedrich Nietzsches, dessen Werke soeben, nach Ablauf der 30jährigen Schutzfrist vom 1. Januar 1931 an, in die Reihe der „Klassiker" eintreten, ist mit dem modernen jüdischen Geist aufs engste und vielfältigste verknüpft. Der dänische Jude Georg Brandes, der leidenschaftliche Vorkämpfer für alle wahre Kunst und Kultur, war der erste Gelehrte von Rang, der im Winter 1887—88 Vorlesungen über Nietzsches Philosophie gehalten und von Anfang an seinen Schriften das lebhafteste Interesse entgegengebracht hat. Und unter den Philosophen der allerneuesten Zeit ist keiner so tief in das Phänomen Nietzsche eingedrungen wie der junge jüdische Frankfurter Professor Fritz Heinemann in seinem Grundwert „Neue Wege der Philosophie" in dem zentralen Abschnitt „Die Revolte gegen den Geist und die bürgerliche Welt". Zwischen Brandes und Heinemann sind Georg Simmel und Max Scheler (diese beiden verirrten Nachblüten einer eben zu Ende gehenden spezifisch jüdischen Geistigkeit), die besten Verstehet und Interpreten Nietzsches gewesen. Dieser selbst hat sich in seinen Schriften ununterbrochen in der aufwühlendsten Art mit dem Judenproblem beschäftigt. In einer sonderbaren Zwiespältigkeit gebraucht auch er das Wort „Jude" oder „jüdisch" meistens nicht für die Juden in ihrem geschichtlichen oder gegenwärtigen So-sein, auch nicht für ihre spezifische Lehre, sondern eben zwiespältig, bald nach einem vorweggenommenen mythologischen und konventionellen Bild, das er und die Umwelt sich von den Juden machen, bald in einer Art überhöhter Geschichtsspekulation. So bewundert er sie als „das Volk der bisher mächtigsten und erfolgreichsten Priesterlichkeit"; sie sind nach der berühmten Stelle in der „Fröhlichen Wissenschaft": „Das moralische Genie unter den Völkern", die Begründer „reinlicherer Kopfgewohnheiten in Europa". Bei dieser positiven Wertung bleibt er aber nur im Hinblick auf die von ihm eigenartig verstandene „Priesterlichkeit", nämlich im Hinblick „auf die Tiefe, Stärke, Nachhaltigkeit, Unbedingtheit und Unerbittlichkeit d es priesterlichen Willens zur Macht, auf dessen unvergleichliche Weisheit, Schlauheit und List in der Wahl der Mittel, auf die Genialität seiner Anpassungskünste und Umdeutungsfertigkeiten". Richtet Nietzsche dagegen seinen Blick „auf die Tatsache, daß der Priesterwille ein gegen das Leben gerichteter Machtwille des Lebensneides und des bis ins Mark erkrankten, vergifteten, mißratenen Lebens ist", so wird er zum Bekämpfer des Priesters und gleichzeitig des Juden als der vollkommensten Darstellungsform dieser Art von Krankhaftigkeit. Natürlich hat Klages recht, wenn er bei dieser Vieldeutigkeit das Bewunderte und das Befehdete für zwei unzertrennlich zusammengehörige Seiten einer und derselben Sache hält. Nietzsche trug auch hier das Bekämpfte in sich selbst, genau so wie wenn er sich leidenschaftlich als Antirationalist, Anti-Bourgeois, Anti-Demokrat gebärdete; er hatte darum, den Kampf gegen Fremdes zugleich gegen sich selbst zu führen. In der Schrift „Zur Genealogie der Moral" führt Nietzsche pakkend aus, die europäische Geschichte sei als der Kampf zwischen Rom und Juda auszufassen. Judäa habe in der Gestalt des Christentums gesiegt. Vor drei Juden und einer Jüdin, als dem Inbegriff aller höchsten Werte beuge sich die halbe Welt: Vor Jesus von Nazareth, dem Fischer Petrus, dem Teppichwirker Paulus und der Mutter des anfangs genannten Jesus, Maria. Der Kern seines fünffachen Nein zur überkommenen Kultur- und Wertwelt — auch aus der Streitschrift „Zur Genealogie der Moral" — ist in folgender Stelle enthalten: „Wenn die Unterdrückten, Niedergetretenen, Vergewaltigten aus der rachsüchtigen List der Ohnmacht heraus sich zureden: laßt uns anders fein als die Bösen, nämlich gut! Und gut ist jeder, der nicht vergewaltigt, der niemanden verletzt, der nicht angreift, der nicht vergilt, der die Rache Gott übergibt, der sich wie wir im Verborgenen hält, der allem Bösen aus dem Wege geht und wenig überhaupt vom Leben verlangt, gleich uns, den Geduldigen, Demütigen, Gerechten — so heißt das, kalt und ohne Voreingenommenheit angehört, eigentlich nichts weiter als: wir Schwachen sind nun einmal schwach; es ist gut, wenn wir nichts tun, wozu wir nicht stark genug sind; aber dieser herbe Tatbestand, diese Klugheit niedrigsten Ranges, welche selbst Insekten haben (die sich wohl tot stellen, um nicht „zuviel" zu tun, bei großer Gefahr), hat sich dank jener Falschmünzerei und Selbstverlogenheit der Ohnmacht in den Prunk der entsagenden stillen abwartenden Tugend gekleidet, gleich als ob die Schwäche des Schwachen selbst — das heißt doch fein Wesen, sein Wirken, seine ganze, einzige, unvermeidliche, unablösbare Wirklichkeit — eine freiwillige Leistung, etwas Gewolltes, Gewähltes, eine Tat, ein V e r d i e n st fei. Diese Art Mensch hat den Glauben an das indifferente wahlfreie „Subjekt" nötig aus einem Instinkt der Selbsterhaltung, Selbstbejahung heraus, in dem jede Lüge sich zu heiligen pflegt." Ein tieferes Eindringen in das mächtige Gedankengebäude Friedrich Nietzsches ergibt zweifelsfrei, daß hinter dieser Entlar-

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