Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-12-15 · 24 (15.12.1930) · p. Seite 379

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
24 (15.12.1930)
Article
Traditioneller Synagogengesang
Date
1930-12-15
Page
Seite 379 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2727810-2727900-2727924-2739240--06967-2739297
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 24 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 379 aus s moll, in letzterer richtig phrygisch, ohne Vorzeichen. In den Nummern 103, 180, 181, 182, 262, 277 wird phrygisch mit dem übermäßigen Sekundsnschritt, von der 2. zur 3. Stufe kadenziert. Diese Wendung weist mehr auf polnische als auf süddeutsche Manier hin. Ebenso neigt Nr. 273: Wehakkohanim mehr zur polnischen als zur süddeutschen Tradition. Gesänge in mixolydischer Tonart, Skala: große Terz und kleine Septime, von e ausgehend oder in c ausmündend, erhalten bei Ogutsch als Vorzeichnung nicht Id, sondern deren 2, weil er die Quinte g als Grundton von g moll behandelt. Siehe die Nummern 198 und 225 u. a. Die Anfänge solcher teilweisen Stilwanderungen im abendländischen Synagogengesang dürfen wohl bis ins sechzehnte oder siebzehnte Jahrhundert zurückgeführt werden. Das war jene Zeit, in der nach langen, heftigen Kämpfen an Stelle der bisherigen in der allgemeinen abendländischen Musik gebräuchlichen acht alten Kirchentonarten, die aus diesen hervorgegangene vur- und Noll-Tonart, sowie das Tonika- und Dominantensystem zur Herrschaft gelangt waren. Auch Chasanim jener Zeit blieben nicht unberiihrt von der auflebenden „Neuen Musik". Sie fanden jedenfalls Gelegenheit, diese nicht nur kennenzulernen, sondern auch, allerdings mitunter auf Kosten der Stilreinheit, sie im Synagogengesange anzuwenden. Dagegen erhebt sich scharfe Opposition seitens zahlreicher Rabbiner. Unter anderen klagt schon 1560 R. Herz Teweles, Rabbiner und Chasan in Frankfurt a. M. in seinem Kommentar zum Gebetbuch über jene Ckasanim, die sich „weder um das korrekte grammatikalische Vorbeten, noch um den Sinn des Gebetes kümmern, sondern nur um ihren Gesang, ohne Rücksicht auf die Bedeutung des Wortes. Sie vernachlässigen die traditionellen Melodien ihrer Vorfahren." (A. Z. Jdelsohn in „Gesang und Synagogensänger des achtzehnten Jahrhunderts". Ein anderer Frankfurter Rabbiner R. Joseph Juspa Hahn (1570—1637) mahn in seinem Minhagimwerk Jossif Omez: „Man verwende nicht in der Sabbatnacht und am Sabbatausgang fremde Melodien. Noch viel weniger dürfe man sie beim Synagogengesang verwenden." Zwar gab es damals und seit der Bereicherung des Gebetsrituals durch den Pi.ut auch in „Aschkenas" unter den Vorbetern gottbegeisterte, phantasiebegabte Komponisten, deren Namen uns leider nicht überliefert wurden, die unvergängliche, von jüdischem Geist durchwehte, von jüdischem Empfinden durchflutete Synagogengesänge schufen. Unter diesen ragen besonders hervor die weit und breit bekannten sogenannten Missinai-Gesänge, wie die der jeweiligen Stimmung entsprechenden Vertonungen des Kaddisch- und Borchugebetes, wie die Gesänge der Hohen Feiertage, Hammelech, Owoß, Olenu, Kol nrdrei, Wehakkohanim und noch andere Perlen des Synagogengesanges. Daneben aber drangen in den süddeutschen Synagogengesang nicht selten Tonweisen, die, von den Chasanim den Volksgesängen der Umwelt abgelauscht, in keinerlei stilistischen oder sonstigen Beziehung zum überlieferten Chasonus standen oder stehen. Nichtsdestoweniger erfreuten sie sich wegen ihrer leicht ins Ohr fallenden volkstümlichen Melodik beim überwiegenden Teil der Gotteshausbesucher großer Beliebtheit. In dieser Tatsache mag der Grund dafür aufzufinden sein, daß eine beträchtliche Anzahl solcher Gesänge auch im „Frankfurter Kantor" sich ausgezeichnet finden. (Siehe namentlich Teil 3.) Allein, in der Totalität dieser Sammlung, die zumeist eigenartiges altes Chasonus in geschmackvoller Fassung uns vermittelt, gibt Ogutsch nicht nur Kantoren und Vaale Tephillioh ein sehr brauchbares Studienmaterial in die Hand, das in keiner Bibliothek fehlen sollte, er hat damit auch der kantoralen Wissenschaft einen wertvollen Dienst geleistet. Trägt diese doch den Charakter einer vergleichenden Wissenschaft. Je mehr Vergleichsmöglichkeiten wir durch Veröffentlichung von Sammlungen, wie der vorliegenden, zur Verfügung gestellt erhalten, desto sicherer werden wir ursprüngliches von verändertem Chasonus unterscheiden lernen, desto tiefer wird uns die Verpflichtung ins Bewußtsein dringen, das altehrwürdige Chasonus in seiner Ursprünglichkeit wiederherzustellen und in seinem Geiste, in seiner Eigenart den Synagogengesang weiter auszubauen. vie Kantorenfrage, eine §rage des deutschen Judentums? Von Samuel Herskovits (Hannover) Der unter dem 15. Mai d. I. in dieser Zeitung erschienene Aufsatz von Herrn Abraham Müller, „Die Kantorenfrage eine Frage des deutschen Judentums", ist von einer so grundsätzlichen Bedeutung, daß es Pflicht eines jeden in Deutschland lebenden Juden ist, sich mit diesen Ausführungen näher und kritisch zu befassen. Eine leidenschaftslose sachliche Aussprache, in der die Mängel aller Gattungen von Kantoren rücksichtslos aufgedeckt werden, kann nur von Nutzen für den Kantorenstand selbst und nicht zuletzt für die Großgemeinden sein, um die es sich in der Hauptsache handelt. Der Artikelschreiber geht um den Kern des Grundübels, warum die Großgemeinden ihre ersten Kantorenstellen vielfach mit Nur- Kantoren und nicht mit Lehrerkantoren besetzen, herum. Hand aufs Herz, Herr Artikelschreiber! Wie groß ist die Zahl derjenigen Lehrer-Kantoren, die sich mit Recht rühmen können, über entsprechende Stimmittel und über die für die Besetzung erster Kantorenstellen unerläßlich notwendige Stimmbildung zu verfügen? Gerade den deutschen Lehrerkantoren, die ihre Berufswahl meist ohne Rücksicht auf ihre Stimmittel getroffen haben, ist zu empfehlen, sich noch mehr wie bisher eine gediegene Stimm- und Atemtechnik anzueignen, um durch Kunst gewissermaßen das wett zu machen, was die Natur versagt hat. Die Lehrerkantoren, die ich kenne, genügen rnir, ein Urteil darüber fällen zu können, wie es in Deutschland um die traditionellen Gesänge bestellt wäre, wenn deren Interpreten ausschließlich Lehrerkantoren würden, die in stimmlicher Beziehung den „Nur-Kantoren" nicht gleichkommen, die ja gerade durch ihr Stimmmaterial veranlaßt sich diesem Berufe zugewendet haben. Ganz abwegig muß die in dem Artikel von A. Müller vertretene Ansicht bezeichnet werden, daß die Lehrerkantoren bei der Besetzung erster Kantorenstellen auch schon deswegen zu bevorzugen sind, weil nur diese, nicht aber die Nur-Kan!oren Leistungen auf kantoralwissenschaftlichem und musikalischem Gebiete aufzuweisen hätten. Ist der Artikelschreiber ernstlich der Ansicht, daß sich ein verwöhntes jüdisches Großstadtpublikum deswegen einen stimmlich minderwertigen Oberkantor anhören wird, weil Kollegen von ihm literarische Leistungen vollbracht haben? Wenn die Ansicht des Artikelschreibers zutreffen sollte, daß die Nur-Kantoren den Untergang des deutschen Chasonuß und der Tradition bedeuten, dann trifft die Schuld hierfür die Gemeinden, welche anscheinend keinen Wert auf die Erhaltung des deutschen Chasonuß und der Tradition legen, da sie es sonst den Nur-Kantoren zur Pflicht machen müßten, die traditionellen Gesänge zu erlernen und zu Gehör zu bringen. Dies würde den meist musikalischen Nur- Kantoren keine besonderen Schwierigkeiten bereiten, vorausgesetzt, daß die traditionellen Gesänge schriftlich niedergelegt sind, was aber leider selbst in Großgemeinden nur vereinzelt der Fall ist. Wenn es den Lehrerkantoren ernstlich um die Erhaltung der traditionellen deutschen Gesänge zu tun ist, würde sich ihnen in der Niederschrift der überlieferten Gesänge ein dankbares Betätigungsfeld bieten. Der von auswärts kommende Nur-Kantor, aber auch Lehrerkantor, hätte es dann nicht nötig, bei Gemeindemitgliedern zu hausieren, um etwas von den schlecht wiedergegebenen einheimischen Melodien zu naschen. Und nun zum Schluß, Herr Artikelschreiber, lassen sie sich von einem Gemeindesekretär-Kantor folgendes gesagt sein: Ihre Klagen werden solange der Grundlage entbehren, bis der gewaltige stimmliche Unterschied zwischen den Nur- und den Lehrer- Kantoren bestehen wird. Sollten Sie es fertig bringen, die nötige Anzahl von stimmbegabten und entsprechend stimmlich vorgebildeten Lehrerkantoren den Großgemeinden im Bedarfsfälle präsentieren zu können, dann möchte ich die Großgemeinde in Deutschsehon, die trotzdem den Nur-Kantor dem Lehrerkantor vorziehen würde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.