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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-12-01 · 23 (1.12.1930) · p. Seite 326

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
23 (1.12.1930)
Article
Ein modernes Grundwerk der deutschen Orthodoxie [Rezension]
Date
1930-12-01
Page
Seite 326 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 23 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 359 sagt: „Stillstand, Erstarrung, Betonung des Dialektischen und Juristischen, Mangel an lebendiger Religiosität - all das hat auch das Paulinische Christentum schon dem „pharisäischen" Judentum vorgeworfen." Die Erziehungsaufgabe von S. R. Hirsch habe bei dem allgemeinen Abfall und der absoluten Unwissenheit der Generation zunächst einmal darin bestanden, die nüchterne unmißverständliche Pflichtenlehre des Schulchan-Aruch wieder einzuführen, oder in der Frankfurter Ausdrucksweise „die auf dem Markt des Lebens dem religiösen Leichtsinn Verfallenen zuy ängstlichen Pflichttreue des praktischen Gesetzesgehorsames zurückzurufen". Aus diese Weise mußte man zunächst einmal das Odium des Stillstands und der starren Werkheiligkeit auf sich nehmen und „vorläufig einmal" (wie R. ausdrücklich hinzufügt) „das absolute Primat des gewissenhaften Formalgehorsams vor allem „schöpferisch" Religiösen wie einen rocher de bronce in die verlotterte Zeit der Holdheim und Geiger" stabilieren. „Es verrät ein gänzlich unhistorisches und daher jeder Gerechtigkeit entbehrendes Denken, wenn man an den Durchschnittstyp eines zwischen 1860 und 1900 aus der Realschule S. R. Hirfchs hervorgegangenen Hausvaters den jüdisch-intellektuellen Maßstab eines Volljuden aus dem Chabad-Chassidismus oder dem litauischen Ieschiwa-Milieu anlegt." R. bespricht dann sehr klar und fein die verschiedenen Motive der Hinneigung zum östlichen Judentum von der zionistischen und von der jung-orthodoxen Seite her. Die Zionisten haben zuerst einen förmlichen Ostjudenkultus in Schwung gebracht, das Jiddische als Sprache, ostjüdisches Theater und Volkslied, eine Art Folklore des Ostjudentums, kurzum das Ganze der oftjüdischen Volkskultur im Westen salonfähig gemacht. Damit sei die Verherrlichung des oftjüdischen Kultursyftems durch die Iung-Orthodoxie nicht zu vergleichen. Von den Zionisten werden die aus dem Osten überkommenen religiösen Werte im günstigsten Fall als eine Art psychologischen Düngers zur Steigerung der eigenen Lebensgefühle mißbraucht. „Selbst wenn ein B u b e r und seine Schule in das Allerheiligste der esoterischen jüdischen Metaphysik eindringt und dort keineswegs formale Kulturbeftandteile, sondern die duftenden Blüten und Früchte jüdischer Weltweisheit bricht, wird man, es soll damit natürlich nur ein objektiver Tatbestand gekennzeichnet, keinerlei Vorwurf erhoben werden - das Gefühl der Tempelschändung nicht los." Die gesetzestreue Jugend sieht dagegen in den rabbinischen oder chassidischen Lehrern des Ostens praktische Lebensführer, sie drängt nach den Leben gestaltenden Werten des eigentlichen „Lernens", wie es in den Ieschiwoth des Ostens seine höchste Vollendung gefunden hat. Mehr als ein kleines Beispiel der eigenwilligen und mutigen Geistesart Rosenheims aus der Fülle seiner oft sehr angreifbaren Gedanken sollte hier nicht gegeben werden. Erstaunlich in allen Aufsätzen der weite Gesichtskreis dieses Mannes bei gleichzeitiger Unabdingbarkeit seiner Prinzipien, von denen er keinen Schritt abweicht, auch wenn er sich noch so weit in den geistigen Kampf neuzeitlichen Denkens hineingewagt hat. Man lese die drei Beiträge über Marlin Buber und seinen Kreis, über Hermann Cohens Ideenwelt, dann „Von Klatzkin zu Breuer", endlich auch den Aufsatz „Franz Rosenzweig und die Orthodoxie" (gegen Rosenzweigs sprühenden Angriff auf die Orthodoxie wegen ihrer Haltung zur biblischen Textkritik und zur Verbalinspiration), überall ragen — bei manchmal zu exaltierter und an S. R. Hirsch geschulter Sprache — Gedanken und sprachliche Form weit über den Durchschnitt der Literatur hinaus, die man sonst aus diesem Kreis gewohnt ist. Schmerzlich allerdings auch hier wieder auf Schritt und Tritt die Erkenntnis, wie diese Neu-Orthodoxie des neunzehnten Jahrhunderts die Gesamtheit der jüdischen Pflichtenlehre ganz unhistorisch und ohne jede Differenzierung auf eine Ebene aufträgt, also die Grundpfeiler jüdischer Lehre und Haltung mit der gleichen Unverbrüchlichkeit ausstattet wie irgend einen nach den Neueren ehrwürdigen, aber weniger wichtigen Minhag, beispielsweise in dem Aufsatz (aus dem Jahre 1925) „Frauenmoden". Die damalige Frauenmode, auch von den jüdischen Frauen und Mädchen des orthodoxen Frankfurt gepflegt, vergleicht Rosenheim mit dem Geist des „griechischen Gymnasiums" gegen den Makkabäergeist, die Nachäffung unjüdischer Mode in unseren Tagen sei „ein Erlebnis von herzbrechender Tragik". Bei so starken Worten, die als Appell zur entschlossenen Einbeziehung der Mode in das geheiligte Gebiet der jüdischen Lebensführung gedacht sind, wird natürlich die Wirkung der getragenen Sprechweise manchmal gerade da abgeschwächt, wo es sich um die tragenden Prinzipien handelt. In Bayern, besonders in München interessieren die beiden Aufsätze „Münchener Fasching" aus dem Jahre 19IO (die Episode von den jüdischen Lehrern unbedeckten Hauptes im Luitpoldgymnasium und die' Eingabe von Ohel Jakob vom 21. Juni 1909 an das Kultusministerium) und „Austrittsgesetz und Ministe, rialedikt in Bayern" (November 1911). Wo man die- Rosenheimschen Bände aufschlägt, fesselt der lebendig vorgetragene Gedanke, die Glut des Glaubens und der Überzeugung. So nötigt das glänzend ausgestattete Werk im ganzen und im einzelnen auch dem Andersdenkenden uneingeschränkte Hochachtung ab und zwingt ihn zur ernsthaftesten Auseinandersetzung. F. Oie Jubenfrage auf dem Augsburger Reichstag von 1530 Von Dr. Rafa el Straus Der vierhundertste Geburtstag der „Augsburgifchen Konfession", des ersten und grundlegenden Friedenspaktes zwischen Katholizismus und Luchertum, hat mit Recht allgemeine Aufmerksamkeit erweckt. Was heute als das natürliche Menschenrecht gilt, persönliche Freiheit im körperlichen Sinne des Wortes (Aufhebung der Leibeigenschaft) wie auch im geistigen Sinne des Wortes (Aufhebung des Glaubenszwangs) mußte in jener Zeit erst gefordert werden, und der Anspruch auf religiöse Freiheit wurde durch das Luchertum zu der gleichen Zeit erhoben wie die Forderung auf körperliche Freiheit durch die Bauernkriege. Die beiden Ansprüche stehen in gedanklicher Verknüpfung miteinander, auch wenn ihre Ziele verschieden sind; und auch ihr späteres Schicksal ist im Verlauf der Geschichte das gleiche geblieben: erst der Rationalismus des achtzehnten Jahrhunderts hat diesen Forderungen die zur Durchsetzung genügende Stoßkraft verliehen. Es ist unser jüdisches Schicksal, daß wir als Teilnehmer oder gar Inspiratoren aller Umwälzungen betrachtet werden. Daß wir die Schöpfer des Pazifismus und des Bolschewismus feien, wird uns heutzutage selbst von sonst ernsten Männern ebenso widersinnig attestiert, wie unseren Vorfahren die Vaterschaft an den Ketzerlehren, mit denen sich die Küche immer wieder auseinanderzusetzen - hatte. So soll auch die Reformation Luthers durch jüdische Umtriebe

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