Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 23 (1.12.1930)
- Article
- Vom jüdischen Schicksal
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 325 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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358 - Bayerische IfraÄitische sein Weib, gebiert: Menuhim Dieses Kind, in das geheimnisvoll Singers Glück beschlossen sein soll, spricht nicht, lauft nicht, denkt nickt, sfr eine Last für Eltern und Geschwistern, ein lebendiger Klotz. Und nun wird der Kelch des Leides ausgegossen über Mendel Singer: Jonas, der Atteste, wird abtrünnig, geht zu den Soldaten und führt ein gottloses Leben. Schemarjah, der zweite Sohn, geht nach Amerika in ein ungewisses Schicksal. Mirjam, die Tochter, hat einen leichten Sinn und gerät auf den Weg der Schande. Und doch scheint es, als käme nochmals ein Licht über Mendel Singer: Schemarjah bringt es in Amerika zu etwas, die Familie wandert aus, geht nach New Port zu Schemarjah, der jetzt Sam heißt. Aber ein Schatten liegt über dieser Veränderung. Die Ettern und Mirjam, müssen den armen . unbeweglichen Menuhim bei guten Menschen vorerst zurücklassen. Anfangs scheint' drüben alles gut, zu; gehen, man beschließt, Menuhim zu holen — da plötzlich bricht der Weltkrieg aus. Und nun stürzt Mendel-Hiob nochmals: Jonas, der auf russischer Seite kämpft, ist verschollen, Sam fällt im Kriege, Deborah stirbt vor Gram, Mirjam wird wahnsinnig. Mendel Singer ist allein und der Ärmste der Armen.' Er duckt sich vor so viel Unglück, das Herz stirbt ihm im lebendigen Leibe, er versteint, er trauert nicht, er denkt nicht, er wird irgend ein greises Individuum, mit dem man Mitleid hat, und das in einem Hinterstübchen seinem Tode entgegenharrt. — David Gelder aber läßt das Leid nicht über sich kommen, ohne sich zu wehren. Er weiß, daß er sterben muß, doch als sein Kind ihn kniefällig um Geld bittet, das er nicht mehr hat, und um eine gesicherte Zukunft, rafft er sich noch einmal auf und schafft sich welches. Buchstäblich sterbend schließt er das größte Geschäft seines Lebens ab, in Rußland, fern von den Seinen. Er stirbt auf einem Dampfer, der ihn über das Schwarze Meer in die Heimat bringen soll — aber dieser Tatmensch hinterläßt seinem Kinde ein fast in der Todesstunde erworbenes Riesenvermögen. David Golder, der Abtrünnige, der Gotteslästerer, der um seines Vorteils willen viele Menschen vernichtet hat, stammelt in seinem Leid das lange vergessene und plötzlich in seiner Erinnerung aufgetauchte Schemah Iisrael — der gegeißelte Mendel Singer aber, der Fromme, hadert mit Gort, der ihn verlassen hat. Er legt die Tephillin nicht mehr an und durchbricht das Gesetz. Aber wie der geschlagene Hiob nach bestandener Prüfung wieder von Gott gesegnet wird, so wird es auch Mendel Singer, der töricht-fromme Melamed aus Zuchnow. Denn während David Golder ein böses einsames Ende nimmt, lacht Mendel Singer vor seinem Tode nochmals Lin modernes Orundwerk n i p y 'V nx Aus gewählte Aufsätze und Ansprachen. Von Jacob Rosenheim. 2 Bände, Großoktav, in Ganzleinen RM. I 5. —. Bd. I: 3 9 6 S., B d. 11: 5 2 0 S. (I. Kauffmann, Verlag, Frankfurt a. M. 1 930.) Diese zwei umfangreichen Bände des Führers des deutschen orthodoxen Judentums verdienen auch außerhalb der traditionellen Iudenheit aufmerksamstes Studium. Auch wenn man nicht ganz unbefangen an die Rosenheimschen Kundgebungen und Konfessionen herangeht, wird man schließlich von dem Feuer, von dem großen jüdischen Wissen und der hingebungsvollen Treue, die aus jeder Zeile spricht, gepackt. Die geistige Haltung und der Ton sind aus dem „Israelit" hinlänglich bekannt. Jacob Rosenheim Gemeindezeitung V C " Nr. 23 das Glück^ . Menuhim, das verlassene kranke Kirch, ist geheitt worden, zu Ruhm, und Wohlstand gelangt unk. findet -- -er Roman endet wie ein Märchen den Vater: in dev Riesenstadt New Pork^'.Sa ist das Wort eines Rabbi wahvrgewördrn, dev einst der ratlosen,-verzweifelten Deborah um-Menuhim verkün. det hatte: „Der Schmerz wird i^rt weise machen, die Häßlichkeit gütig, die Bitternis milde und div Krankheit statt." -- Zweifellos ist der Roman Joseph Roths der" größere. Auch Irene Nemirowsky gelingt es, uns ihren David Golder nahe, zubringen, er erschüttert uns menschlich, aber die Verfasserin er. zählt kalt, unbeteiligt und mit einem betonten Zynismus.. Ihre Sprache ist elegant, aber leicht, ihre Bilder find farbig, aber nicht tief. Ihr gelingt es nicht, den Roman zur Dichtung zu machen. Roths ,„Hiob" dagegen ist eine Dichtung. Seine Sprache ist einfach und stark im Gegenständlichen, wie im Seelischen. Nicht das bloße Geschehen gibt er uns, er weiß, auch wundervoll dichterisch Atmosphäre und Landschaft zu beleben. Er zeichnet ein paar Menschen, so echt, so lebensvoll, daß wir ihren Pulsschlag zu spüren meinen. „Hiob" scheint mir ein Höhepunkt in dev jüngeren deutschen Prosa zu sein, und dies nicht allein in sprachlicher Hinsicht: hier nämlich ist über Yen Tag hinaus geschaffen. Sicher ist das Schicksal dieses Mendel Singer kein heroisches, aber es hat eine außerordentlich zwingende Beispielskraft: die Geschichte Hiobs ist in unsere Zeit hinübermoduliert, auch Singer wird geprüft, grundlos geschlagen, auch um ihn sammeln sich die Freunde, da er am elendsten ist — und die Dialoge zwischen ihnen und Mendel gehören zu den schönsten Stellen des Buckes — t auch er, erfährt schließlich wieder die Gnade des Herrn. So ist dieser in unserer Zeit spielende Roman fast eine biblische Dichtung. „David Golder^ und „Hiob", das find jüdische Schicksale. In beiden Büchern wird die Geschichte von Menschen erzählt, deren Leben tragisch ist, tragisch deshalb, weil es jüdische Menschen find. Golder und Singer gehen beide an dem Zwiespalt von Ghetto und Freiheit zugrunde. Der eine, weil er von der Herkunft fort, der andere, weil er zur Herkunft zurück möchte, beide können sich nicht in die Wett einordnen und vereinsamen, beider Leben ist im Grunde die gleiche hoffnungslose Bemühung. Und darum soll man diese Bücher nicht lesen wie irgendwelche ünterhattende Neuerscheinungen, sondern mit offenen, inneren Augen und einem bewußten Aufhorchen, denn mehr oder weniger hat wohl ein jeder von uns seinen Anteil an diesen jüdischen Schicksalen. der deulscken Orthodoxie ist weit mehr als ein literarisch gewandter Schriftsteller und als ein politisch kluger und erfolgreicher Organisator und Konservator. Seine gesammelten Aufsätze können sich auch im hellsten Lichte der deutschen Öffentlichkeit auf dem großen anspruchsvollen literarischen Markte sehen lassen. Im Mittelpunkt steht der Kampf für die neuorthodore deutsche Richtung von S. R. Hirsch gegen Kritiker von innen und gegen Feinde von außen, vor allem gegen den sich heute verdichtenden (nach unserer Auffassung berechtigten) Vorwurf des Mangels schöpferischer und lebendig-religiöser Kräfte, wie fie noch im Osten mit weniger Derech-Erez (Weltaufgeschlossenheit) sichtbar find. Dieser Vorwurf wiegt deshalb am schwersten, weil er von der Gruppe der gesetzestreuen Aguda-Gegner ausging. Rosenheim