Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 23 (1.12.1930)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 324 (sequence 1)
- Language
- German
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IsraMLsche GemelnSezertung Kachrichtenblatt öer IsraeMschen Kultusgememöen in München/ Augsburg/ Hamberg uvü öes VerbanöeS Vagevscher IsraeMscher GemelnSen Erscheint am f. unä 15. jeden Morwtt. — Verla-: V. heller, München, Bezu-Sprett für nicht elagewlrsenr Bezieher: Reichsmark 4.S0 für So« pllvsavserstrasse <54/ ßernrnf 73 <5 & and 73 6 63, Postscheck München 39*7* Jahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene Millimeter - Zelle 4s Reichspseaatg Schristlettung: Sr. LuStolg Keuchttoanger, München, Grillparzerstraße 38 Zamtliroanzekgen, Stellengesuche mtS ähnliche AngeLote <4 RrLchspfennlg VI. Jahrgang- München, f. Dezember ipyo - Ne. LZ^ Inhalt: Dom jüdischen Schicksal— Ein modernes Grundwert der- - chen — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus dem übrigen''Bagern deutschen Orthodoxie — Die Judenfrage auf dem, Augsburger Reichs- — Vereine—Bücherschau — Personalia Lag von 1530 — „Die Himmelsleiter" — Aus der Gemeinde Mün- Vom jüdischen Schicksal A n la ß l i ch Jo se p h Roths „Hiob" und Ir ene Nemrrowskys „D avid G 0 l d e r" Von Manfred Stur mann Wir sind nicht reich an zeitgenössischer jüdischer Belletristik. Viele jüdische Schriftsteller gibt es, aber kaum einer unternimmt es, jüdisches Leben unserer Zeit zu gestalten, etwa ein Abbild zu geben von dem Daseinskampf des jüdischen Mittelstandes, oder das Leben eines jüdischen Künstlers in Romanform zu zeichnen, oder, an einer Stadt gezeigt, die Gegenströmungen jüdischen Geistes auf religiösem und politischem Gebiet aufzuzeigen. Wir haben kaum eine, jüdische Belletristik und bestimmt kein jüdisches Feuilleton, das sich über das Durchschnittliche und Laue erhebt, ein Mangel, den jeder, der redaktionell bei der Mischen Presse tätig ist, wird bestätigen können. Darum ist eS mir eine besondere Freude, hier zwei Bücher anzeigen zu dürfen, welche sich schon durch ihre bloßen Titel als jüdische Romane legitimieren. Sie gehören beide zu den Neuerscheinungen dieses Herbstes und sind in den repräsentativsten deutschen Verlagen erschienen: „David Gelder" von Irene Nemirowski? und „Hiob" von Joseph Roth^. Beide sind thematisch verwandt nnb doch zugleich, wie sich zeigen wird, einander polar entgegengesetzt Irene Nemirowsky, eine junge in Paris lebende Russin, schreibt die Geschichte David GolderS, eines aus dem russischen Ghetto zu ungeheurem Reichtum aufgestiegenen Juden — Joseph Roth, der uns wohlbekannte Publizist, die des armen Lehrers Mendel Singer aus Zuchnow. Der eine Roman spielt in Paris und in einer Luxusvilla am Strande in Biarritz, der andere int dem baufälligen Häuschen eines kleinen Melameds, der um ein paar Kopeken täglichdie Kleinsten in die Wunder der Schrift einführt. Golder benützt seinen am Talmud seit früher Jugend geschulten und gestählten Intellekt, um aus dem Ghetto 1 Aus dem Französischen übersetzt von Magda Kahn, S. Fischer Verlag. Berlin. 2 Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin. herauszukommen. Er arbeitet sich empor aus Schmutz und Elend, verläßt die Heimat,, beißt sich durch in dem Hunger nach Macht. Wie kann er allein zun Macht gelangen? Durch Geld. Also rafft er eS rücksichtslos zusammen. Aber sein Leben ist kein glückliches. Als alter Mann tritt er vor uns, zu Tode ermattet, von den Runen übermenschlicher Arbeit gezeichnet, verflucht an das Materielle, trotz äußerer Güter enttäuscht, enttäuscht von den Menschen, auch von den nächsten, seiner schmuckbehangenen Frau und seiner lebensdurstigen Tochter. — Mendel Singer dagegen wirdnicht enttäuscht, weil er keine Illusionen hat. „Er war"fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude." Für ihn gibt es keinen anderen Reichtum als den des Talmuds und der Frömmigkeit. Er fürchtet sich vor dem Leben, weil er ihm nie ausgefetzt war, er empfindet die Enge nicht, weil er das Ghetto nicht spürt. Er ist genügsam, gut und untüchtig, das Abbild eines Schlemihls. — David Golder ist aktiv und kämpferisch, Mendel Singer passiv und friedliebend, jener ist Jakob, dieser eben — Hiob. Über beide bricht das Schicksal mit rasender Faust herein, über Golder verdient, denn er ist schuldig, über Singer unverdient, denn er ist unschuldig; dieser wehrt sich, jener trägt das Leid ergeben. Der reiche kranke Golder erkennt, daß er für die Seinen nichts anderes ist als die Maschine, die Geld zu schaffen hat. Frau und Tochter schämen sich seiner, verachten ibn, weil er häßlich und grob ist, weil er weiß, wieviel Gesundheit, Schweiß und Blut an seinem Gelbe klebt. An der Schwelle des Todes erkennt er dies und verliert Kraft und Mut: er bricht wirtschaftlich zusammen und wird über Nacht ein armer Mann. Mendel Singer bat nicht viel zu verlieren.- Aber das Wenige, das er besitzt, verliert er: da- Glück der Familie. Die Geißel Gottes trifft ihn hart und unver^en.t. Es beginnt mit der Geburt seines dritten Sohnes, des letzten Kindes, das ihm Deborah,