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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-11-15 · 22 (15.11.1930) · p. Seite 315

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
22 (15.11.1930)
Article
Sitzung der Gemeindevertretung und des Vorstandes am 29. Oktober 1930
Date
1930-11-15
Page
Seite 315 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 349 Gemeinde könne stolz sein auf das was hier geschaffen wurde. Er bittet, daß die Damen und Herren der Kollegien sich auch persönli davon überzeugen, wie geglückt diese Gründung sei. Auf Wunsch gibt Herr Justizrat Dr. Straus ein Bild über den Stand der gemeindlichen Finanzen am 29. Oktober 1930. Man müsse mit 8 Prozent Mindereinnahmen für das Jahr 1930 rechnen als im Voranschlag eingesetzt seien. Welche Folgerungen aus der heutigen Finanzlage für das nächste Jahr zu ziehen sind, darüber sei erst später zu sprechen, wenn der Etat im Finanzausschuß durchberaten sei. Man müsse sich klar sein darüber, daß ungünstige Zeiten beoorstehen. Herr Dr. WilmerSdoerffer bittet darum, den Finanzausschuß möglichst schon nächste Woche einzuberufen, damit die Kollegien bestimmt schon im Laufe des Monats Dezember über den Etat 1931 Beschluß fassen können. Herr Justizrat Dr. Oestreich erhält nachträglich Indemnität für dringende Bauausbesserungen der Synagoge im Betrage von 4—5000 Reichsmark. Schluß der Sitzung 9.30 Uhr. Wohlfahrlsbriefmarken 1930 Vom 1. November 1930 ab findet der Verkauf der neuen Wohlfahrtsbriefmarken statt. Der Wohlfahrtsaufschlag beträgt wie im Vorjahr durchschnittlich 50 Prozent des Frankierungswertes. Die Erträge der Wohlfahrtsbriefmarken dienen zur Linderung materieller Notstände im Reichsgebiet. Der Ertrag soll in diesem Jahr in erster Linie für Mütter. Kinder und Jugendliche unter besonderer Berücksichtigung der Erholungsfürsorge verwendet werden. Die Vertriebsstellen können 80 Prozent des Reinertrages der von ihnen verkauften Marken für ihre eigenen Zwecke einbehalten. Wir bitten darum, Wohlfahrtsbriefmarken zu beziehen durch das Wohlfahrts- und Jugendamt der Israelitischen Kultusgemeinde, Herzog-Max-Strahe 5/1, Tel. 92 8 83 Jüdische Kriegsopfer. Wir entnehmen dem leitenden Aufsatz der letzten Nummer der „Deutschen Kriegsopfer-Zeitung" (Organ für die Interessen der deutschen Kriegsbeschädigten. Krieger-Hinterbliebenen, ehemaliger Kriegsgefangener und Kriegsteilnehmer): „Kriegsopfer ist ein Begriff der sich unmöglich in die Bandage parteiischer Ansichten und Prinzipien einziehen läßt. Wir müssen daher fragen, ob man bei jener Zusage unentwegten Eintretens für die Kriegsopfer der unabweisbaren Tatsache eingedenk gewesen ist, daß unter den Begriff Kriegsopfer in verhältnismäßigem Ausmaße auch Juden zählen, die durch den Krieg ebenso mit körperlichen Unbilden und gesundheitlicher Beeinträchtigung sich durchs Leben schleppen und daß mancherorts im deutschen Lande Juden leben, deren Söhne als Opfer des Krieges unter einem Hügel hinter den deutschen Grenzpfählen schlummern, auf dem einstmals Kameraden ein schlichtes Holzkreuz errichtet haben und wie es gewährleistet werden soll, daß auch diesen Menschen das moralische und materielle Recht unbeschränkt zuteil wird. Man gebe dort, wo man nicht des letzten Funkens an Gerechtiakeitsc>!>fühl bar ist. uns die Antwort darauf, wenn wir fragen, ob es dem Sinne jener Bekundungen entspricht, wenn Fälle sich zu wiederholen vermögen, wie der, der sich jüngst im Restaurant des Vhöbuspalastes in München zugetragen hat daß ein 70prozentiger Kriegsbeschädigter in der abstoßendsten Weise beschimpft und bedrängt wurde, weil der betreffende Beleidiger ihn als Juden erkannt haben wollte. Wir sind der Ansicht, daß das erste Eintreten für die Kriegsopfer Belange — wohl das Besterreichbare — die nachdrückliche Forderung auf Respektierung und Achtung des Kriegskrüppels sein müsse, auch wenn es ein Jude ist. Wir wehren uns ganz entschieden dagegen, daß an den Kriegsopfern mit zweierlei Maß gemessen werden soll, wehren uns eben deshalb so entschieden. weil wir des ehrlichen Willens sind, die Interessen der deutschen Kriegsopfer in ihrer Gesamtheit unbeirrt zu verfechten und werden von dieser unserer Einstellung — mag es da kommen, wie es wolle — zur Ehre der deutschen Kriegsopfer nicht um ein Jota abweichen." ttus der Gemeinde vamberg Abschiedsfeier für Geheimral Werner. Anfangs November schied der Geh.Justizrat Dr. Jos. Werner aus seinem langjährigen Wirkungskreise, um inMünchen in derNähe seinesSohnes seinen Lebensabend zu verbringen. Die Bedeutung dieses Verlustes für die Gemeinde, in welcher er als ihr 1. Vorstand während 35jährigerZeitdauer eine segensreiche Tätigkeit entfaltete, erhielt einen würdigen Ausdruck in einer Abschiedsfeier, die von der Verwaltung — nach Überwindung des Widerstrebens von seiten des Gefeierten — am Sonntag, den 2. November vormittags in der festlich geschmückten Synagoge veranstaltet wurde. Nach einleitendem Harmoniumvorspiel hielt der stellvertretende Vorstand, Rechtsanwalt Dr. Morgenroth, von der Kanzel eine herzenswarme Ansprache, in der er betonte, daß es keineswegs um eine Abschiedsfeier gehe, sondern um ein Fest des Dankes, den die Gemeinde aus tiefstem Herzensbedürfnis ihrem scheidenden Vorstand für seine hingebungsvolle Einsetzung der ganzen Persönlichkeit zu bekunden sich verpflichtet fühle. Seiner nimmer rastenden Tatkraft sei ja vor allem die Erbauung und Gestaltung unseres hehren Gotteshauses zu verdanken. Im Bewußtsein bleibender Verbundenheit mit ihm und mit seiner Gattin als Vorbildern echt jüdischen Menschentums habe die Gesamtoerwaltung schon bei früherer Gelegenheit ein Denkmal der Liebe in Form einer ihren Namen tragenden Stiftung errichtet. Um das Band geistigen Zusammenhangs trotz räumlicher Entfernung noch enger zu knüpfen, hat die Verwaltung ihn nun zum Ehrenvorstand der Gemeinde ernannt. Feierlich erklang nun der Gruß des Synagogenchors: „Ma towu oholecho!" Darauf betrat Rabbiner Dr. Katten die Kanzel, um ein Bild vom Wollen und Wirken Dr. Werners zu zeichnen. Die zwiespälttg bewegte Stimmung der Gemeinde beim Abschiednehmen von ihrem in ungebrochener Rüstigkeit scheidenden Führer schildert er mit Anwendung des rabbinischen Bildes einer „almono chajo", worunter eine von ihrem Gatten verlassene Frau verstanden wird, die nicht das Recht besitzt, sich wieder zu verheiraten. Das Wort der Alten: „Wenn der Gerechte die Stadt verläßt, dann ist ihr Glanz, ihr Rrchm, ihre Zierde dahin" wird uns in dieser Stunde als schmerzliche Tatsache bewußt. Als Josef Werner, noch jung an Jahren, zur Würde eines ersten Gemeindeoorstands berufen wurde, galt auch für feine Person das Wort, mit dem einstmals Pharao den jungen Josef zum höchsten Beamten seines Reiches machte: IVü 2'X n*2 KSSJ“ II O'Nhx nn „Finden wir einen wie diesen, einen Mann, in dem der Geist Gottes ist?" Ein Geist Gottes lohte auch in Josef Werners Seele und gab seinem Werke Segen und Gelingen. Das Göttliche seines Arbeitsimpulses wurde daran erkennbar, daß er feine Arbeit nie als eine bloß verwaltungsmäßige betrachtete, sondern als ein Streben nach Verwirklichung von Ideen; die Sphäre, die ihm aus seinem rabbinerlichen Vaterhause vertraut war, wollte er zu einer die ganze Gemeinde umfassenden Lebensschicht machen und den Sinngehalt unserer Religion im Sinne des religiösen Fortschrittes aus den vorhandenen Formen lebendig verwirklichen. Sein aus gleichendes und versöhnliches Wesen hat die Gegensätze der Parteien innerhalb der Cinheitsgemeinde zu überbrücken verstanden. Mit unermüdlicher Hand Segen streuend hat er die Traditionen, die die alte und reiche Kultur des jüdischen Bamberg begründeten, würdig weiter geführt und sie an die Bedürfnisse und Erfordernisse der Atztzeit erfolgreich anzunähern verstanden. „Unwillkürlich kommt einem das Bild des wackeren Kaufmannes ins Bewußtseins, der — einem Josef gleich — die Getreidekammern gefüllt und verschwenderisch zur Notzeit von den aufgespeicherten Besitztümern unter die bedürftige Menge gestreut hat, und die innige Bewegtheit des Dankes löst sich auf in das Wort, mit dem der biblische Spruchdichter segnend und anerkennend jene mit Verstand gepaarte Menschenliebe bedenkt: VI £'2 “1121 „Segen auf das Haupt des Getreideverkäufers!" — Diesen Segen, den dreifachen, den einst Priestermund gesprochen, erflehte in tiefer Ergriffenheit der Redner namens der stehenden Gemeinde auf das Haupt des Scheidenden und seiner Familie. Nach einem deutschen Chorgesang betrat Geheimrat Werner die Kanzel. Überwältigt von den Eindrücken der feierlichen Stunde, die einen Schlußpunkt setzte unter ein Lebenswerk, sprach er rührende Worte tiefempfundenen Dankes für die ihm gewordenen Ehrungen. In einem kurzen Rückblicke auf die 3X- Jahrzehnte zurückgelegter Vergangenheit bezeichnete er als Leitpunkte seines Strebens: Förderung der Frömmigkeit im Innern und Mehrung des Mischen Ansehens nach außen. Wenn Erfolge erzielt wurden, so gebühre der Dank dafür auch seinen Mitarbeitern. Mit innigen Segenswünschen für die Zukunft, die noch lange nachhallen werden in den Herzen der Hörer, verabschiedete sich der Ehrenvorstand von seiner Gemeinde.

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