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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-11-15 · 22 (15.11.1930) · p. Seite 312

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
22 (15.11.1930)
Article
Zum hebräischen Schriftsystem
Date
1930-11-15
Page
Seite 312 (sequence 2)
Language
German
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346 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 Dieses A zu schreiben, ist Luxus, denn es ertönt ohnehin. Aber das Hebräische schreibt, es gewissenhaft. Daß gerade das Hebräische in solchen Schreibfragen besonders sorgfältig zu Werke ging, hat einen doppelten Grund. Einmal haben die Hebräer ihr System nicht selbst erfunden, sondern ein älteres übernommen (ich persönlich halte das obengenannte syrische wegen seiner Roheit für das älteste), und sie konnten dabei gewisse Anfängermängel verbessern. Sodann aber haben sie besonderen Wert auf eine gute Aufzeichnung gelegt, weil sie die Aussprache der Texte für die gottesdienstliche Vorlesung regeln wollten. Um diese Regelung zu erzielen, haben sie dabei nicht nur die Laute selber angedeutet, sondern auch die Atempausen und die Stimmhebungen und Stimmsenkungen bis auf die kleinsten Wortgruppen eines Satzes. Jeder, der schon mit Theologen verkehrt hat, wird die Beobachtung gemacht haben, daß Pfarrer einen ganz andern Stimmansatz und Tonfall haben je nachdem, ob sie als gewöhnliche Menschen sich an einer Unterhaltung beteiligen, oder ob sie auf der Kanzel stehen und predigen oder Bibelworte oorlesen. In dem getragenen Tonfall der Pfarrer auf der Kanzel (der, nebenbei gesaK, zu den Dingen gehört, die nicht sein sollen) wird das Alte Testament in den Synagogen vorgetragen, und diese Vortragsweise ist genau geregelt. Genau? das heißt, als man etwa im dritten bis sechsten Jahrhundert unserer Zeitrechnung an diese Regelung ging, gab es nicht nur eine Vortragsweise, sondern ihrer verschiedene. Diese Verschiedenheit war wohl hauptsächlich eine örtliche. Es gab auch mehrere Systeme der Aufzeichnung. Wüßten wir darüber alles, dann könnte man die Geschichte der Vortragsweise des Allen Testamentes ebenso gut und auch (wenigstens für die Fachleute) ebenso anziehend darstellen wie etwa die Geschichte der Interpretation Vachscher Fugen. Wir wissen aber darüber nur sehr wenig, haben die Urkunden nur in Bruchstücken, und sind noch lange nicht soweit, diese Bruchstücke in ihrer örtlichen Zusammengehörigkeit und zeitlichen Abfolge richtig und sicher ordnen zu können. Aber man ist am Werke, dies nach Kräften zu tun. Ein Bonner Professor, Paul Kahle (Masoreten des Westens, Band 1: 1927, Band 2: 1930, Verlag Kohlhammer, Stuttgart), ist damit beschäftigt, und jeder, der sich in seine und seiner Schüler Arbeit vertieft, sieht ihm voll Bewunderung zu. Die Ausgabe ist von unerhörter Knifflichkeit. Es ist sozusagen philologische Mikroskopie. Darum läßt sich auch vor Laien darüber nicht viel sagen, und selbst die Fachleute, die dafür Sinn oder gar Urteil aufbringm, dürften zu zählen sein. Aber, es ist keine Frr^e, daß, wenn das Werk gelingt, der Ertrag nicht gleichgültig ist. Nämlich die Erforschung der Masoreten (das sind, kurz gesagt, die jüdischen Gelehrten und Gelehrtenschulen, welche sich um die Festlegung der Aussprache und des Vortrages des hebräischen Alten Testaments bemühen) gibt uns zum erstenmal Aussicht auf eine Ordnung der vielen erhaltenen hebräischen Handschriften nach Alter, Heimat und Wert. Es ist Kahle gelungen, sowohl aus Kairo als aus den Leningrader Sammlungen wertvolle alte Texte zum Studium zu vereinigen und, wenn die Arbeit auch noch nicht abgeschlossen und seine Auffassungen noch nicht durch das reinigende Feuer der gelehrten Beurteilung gegangen sind, so tut sich doch schon deutlich ein Blick ins Lichte auf. Kahles Werk ist jetzt schon der wertvollste Beitrag zur Untersuchung des alttestamentlichen Wortlautes, den die letzten Jahre gezeitigt haben. II. Das Buch von Ernst Ehrenfreu über die Massora Um den hebräischen Text der Bibel in seiner Unantastbarkeit zu erhalten und ihn vor allen absichtlichen und unabsichtlichen Änderungen auch nur eines Buchstaben zu bewahren, bedienten sich die jüdischen Schriftgelehrten des Altertums einer eigentümlichen primitiven, aber höchst wirksamen Methode. Sie zählten Verse, Wörter, Buchstaben und gewisse Eigentümlichkeiten des Bibeltextes (wie Wortformen, unregelmäßige Schreibweise, nur einmal vorkommende Vokabeln oder Formen UM.) und legten darüber Listen an. Diese Tätigkeit nennt man mit einem seltenen Schriftwort Massora, d. h. die eben angedeutete spezifische Technik der Überlieferung. Auch die altrabbinischen Werke, Talmud und Midrasch, enthalten zahlreiche Einzelbemerkungen zum Schrifttext. Die Massora im engeren Sinn bilden jedoch jene Listen, in zusammenhängender Form oder in der Form von Randbemerkungen zur Bibelniederschrift. Die am leichtesten zugängliche Zählungsliste, die eine instruktive Anschauung der Massora-Tätigkeit gibt, ist das von Frensdorfs im Jahr 1864 aus einer Pariser Handschrift herausgegebene „Buch Ochlah w' ochlah" (nach den beiden Ansangswörtern der alphabetischen Liste). Die Universitätsbibliothek Halle besitzt ebenfalls eine massoretifche Handschrift, die von der Pariser in verschiedenen Punkten abweicht. Auf die Beschreibung und Kommentierung dieser Hallenser Handschrift im einzelnen hat Ehrentreu verzichtet und gibt uns statt dessen ein ausgezeichnetes und anschauliches Bild von der mafforetischen Tätigkeit der alten Mischna-, Gemara- und Midraschlehre sowie der nachtalmudischen Zeit. Die eindeutige schriftliche Fixierung des Konsonantentextes und die unverbrüchliche Festlegung des Wort- und Satzsinnes durch Vokalifation, Akzentuation und Abtrennung der Verse voneinander trat in den Jahrhunderten, die unmittelbar dem Abschluß des Talmuds (um 500 n. Ehr.) folgten an die Stelle der mündlichen Überlieferung, deren Technik im übrigen in einer buchlosen Zeit eine staunenswerte Sicherheit und buchstabengetreue Unverrückbarkeit des überlieferten Textes garantierte. So entsteht die Tätigkeit der dlagckanim, der Punktatoren. Drei verschiedene Vokalisationssystme werden nach dem Jahr 600 erfunden. Die beiden erst im 19. Jahrhundert wieder entdeckten „superlinearen Systeme", nämlich das babylonische und palästinische, beide mit Vokalzeichen über den Konsonanten, ferner unser heute noch gebräuchliches System, das „sublineare", sog. tiberische System mit den bekannten sieben Grundvokalzeichen. Dazu kommen noch vier A k - zentuationssysteme sowie die Erfindung und Anwendung der Lesezeichen (Schwa, Chates, Dagesch, Mappik, Makkef, Meteg). Massora (in dem oben angedeuteten Sinn der Listenführung), ferner Punktation, Akzente und Lesezeichen bildeten so schließlich einen überaus sinnreichen, aber auch sehr komplizierten Apparat, der den Bibeltext in seiner absoluten Unveränderlichkeit in einem Grade sicherte, den (mit ähnlichen Mitteln) nur der Koran-Text aufweisen konnte. Das Ehrentreusche Buch ist -nun deshalb von so hohem wissenschaftlichen und praktischen Wert, weil man darin die bezeichnendsten talmudischen und nachtalmudischen Auseinandersetzungen mit jenen verschiedenen Zeichen zur Fixierung des Wortsinns der Bibel und zu ihrer Reinerhaltung findet. Es gibt heute kein Werk, das Aufgabe, Sinn und geschichtliche Entwicklung der Massora (im weitesten Sinn) so anschaulich und klar entwickelt, wie dieses. Das war nur einem Verfasser möglich, dör — aus ehrwürdigem jüdischen Haus — sich mit dem biblischen und nachbiblischen Schrifttum in den überlieferten Formen ebenso vertraut machen konnte wie mit den modernen sprachwissenschaftlichen Methoden. Jene Formen und diese Methoden finden sich in dem Buch von Ernst Ehrentreu in einer selten harmonischen Art vereint. Die in dem obigen Aufsatz von Ludwig Köhler erwähnten Kahleschen Forschungen sind jetzt in einer bis jetzt vier Bände umfassenden Lichtbildersammlung von alten Handschrift-Fragmenten enthalten. Die Lichtbilder zeigen besonders instruktiv die drei Vokalsysteme. Die Handschriften enthalten deutlich verschiedene Stufen der Punktation. Ob freilich die Thesen Kahles über ein vormasforetifches Hebräisch oder über einen oormassoretischen Bibeltext haltbar sind, kann hier nicht untersucht werden. L. F. i> HAUS l> I D | KARLSPLATZ 5 «Ln MÜNCHEN DER Q U A L I 1 ÄJSSrOFFE N. 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