Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 22 (15.11.1930)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1930-11-15
- Page
- Seite 309 (sequence 1)
- Language
- German
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Kachrichtenblatt der Israelitischen Kultusgemeinden in München,Augsburg/Hamberg unö des Verbandes Homerischer Israelitischer Gemeinden Väterliche Israelitische Gemeinöezeitung Kachcichtenblatt der Israelitischen Kultusgemeiaöen in München/Augsburg/Hamberg Erscheint am f. und ff. jeden Monats. — Verlag: V. Heller, München, plinganserstraße <54/ Zernruf 73 <5 <54 und 75<5<5f, Postscheck München 5987. vchristleltung: Vr. Ludwig Zeuchtwanger, München, Grillparzerstraße ZS Sezugsprets für nicht elngewtefene vezteher: Reichsmark 4 So für das Jahr. Anzeigenpreis: Oie 4 gespaltene Millimeter-Heile 40 Retchspfennlg Zamlllenanzetgen, Stellengesuche und ähnliche Angebote ff Retchspfennlg VI. Jahrgang München, 15. Hovember He. LL Inhalt: Ein Reisebericht zur religionspolitischen Lage im Orient — Zum hebräischen Schriftsystem — Das Älteste Heiligtum der Menschheit — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Bamberg — Aus dem übrigen Bayern — Verband der Israelitischen Kultusgemeinden der Pfalz — Lehrerzeitung — Vereine — Bücherschau — Personalia Lin Reisebericht zur religionspolitischen Lage im Orient" Anläßlich der Krisis des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina „Die Zrvilrsierung des Ostens ist das Ende des Westens", diese Asienparole der Ruffen faßt schlagwortartig zusammen, warum heute ein so brennendes allgemeines Gegenwartsintereffe an den sehr verwickelten Verhältnissen im vorderen Orient, auch in der Palästina-Frage, besteht. Der erste in das Problem einführende Wegweiser, um zu einem unbefangenen Urteil zu kommen, ist vielleicht das zuverläffige Nachschlagewerk von Erich Topf: Die Staatenbildungen in den arabischen Teilen der Türkei seit dem Weltkriege nach Entstehung, Bedeutung und Lebensfähigkeit (Hamburg 1930). Hier findet man über die staatsrechtliche Entstehung und den politischen Werdegang der verschiedenen Staatenbildungen aus dem ehemaligen ottomanischen Reich eine urkundenmäßige Darstellung. Speziell für die Palästina-Frage ist ergänzend die völkerrechtliche Arbeit von Ernst Marcus „Palästina — ein werdender Staat" (Leipzig 1929) über die Völker- und staatsrechtliche Gestaltung des Mandatslandes Palästina mit Gewinn heranzuziehen. Nimmt man dazu die anschauliche und eindringliche „Geschichte der nationalen Bewegung im Orient" von Hans Kohn (Berlin 1928), so hat man sich wohl die unparteiische Grundlage für ein gründlicheres Eindringen in den schwierigen Stoff verschafft. Denn diese Fragen sind heute mehr denn je ganz planmäßig aufs dichteste von Interessentengruppen umnebelt, die alle möglichen Sentiments und das wirre Gewebe von Ideologien islamischer, christlicher und jüdischer Herkunft sehr geschickt benützen. Schon vor Jahrzehnten „camouflierte" der „Schutz der christlichen Minderheiten" die Aufteilung Vorderasiens. Und hier liegen genau fo heute noch Fußangeln für den nüchternen Verstand und für die Erkenntnis der wirklichen Vorgänge auf Schritt und Tritt. * Zwischen Nil und Kaukasus. Ein Reisebericht zur religionspolitischen Lage im Orient. Von Paul Schütz (Christian Kaiser Verlag München 1930). —> Das Verhältnis der deutschen Nichtzionisten zur Frage des jüdischen Palästina ist in Nr. 6 dieser Zeitung (v. 15. März 1930) ausführlich dargelegt. Man tut gut daran so gewappnet an das ausgezeichnete eben in München erschienene Werk von Paul Schütz aus protestantischen Missionskreisen „Zwischen Nil und Kaukasus" heranzugehen, das von jüdischer Seite bisher keine Beachtung gefunden hat. Dem Verfasser geht es eigentlich um die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Politik in der Gegenwart, namentlich um die Verflechtung des Christentums in die Zivilisation einer durch und durch verweltlichten Zeit; und seine These ist: Diese Verflechtung ist das Ende der Kirche. Aber welche Fülle der Gesichte erscheint dem Verfasser auf seinem Weg von Kairo über Bagdad und Teheran an die russische Grenze! Und wie verwebt er das, was er sieht und uns plastisch Wiedererstehen läßt, mit unseren eigenen Kultursorgen! Er bestaunt immer wieder das Wunder, wie der Orient unsere fertige Zivilisation mit der gefeiten Art der unberührbaren Naivität übernimmt und er tritt mit durchdringenden Gründen dem landläufigen europäischen Glauben, entgegen, daß der Einbruch der technischen Zivilisation das Ende des Orients sei, das Ende des völlig anders gearteten, noch ganz kreatürlichen Daseins der orientalischen Menschen. Auf der Ebene des historischen Augenscheins mit dem Christentum verglichen, ist der Islam heute noch in der stärkeren Position der mittelalterlichen Kirche des Abendlandes vor der Renaissance, nicht wie die Kirche in einem Zustand fortschreitender Säkularisation. Wie Kar sieht dieser protestantische Missionär die Grenzen der Mission! Der sachliche und nüchterne Orientale sucht bei der Mission nur den Arzt oder den Lehrer, als höflicher Mann nimmt er die Andachten noch mit in Kauf, liebt wohl auch als frommer Muslim religiöse Disputationen. Die großartigen Schulmissionen der Katholiken und Amerikaner im ganzen Orient! Wie wirkungslos blieben sie! Welche Wirkung hatte eö etwa, daß die führenden Stände Ägyptens ihre Knaben zu