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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-10-15 · 20 (15.10.1930) · p. Seite 319

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
20 (15.10.1930)
Article
Vor 50 Jahren
Date
1930-10-15
Page
Seite 319 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 319 Die Erstaufführung des „Parfifal" in Bayreuth, am 26. Mai 1882, dirigierte Levi. Sein Vater, der Provinzialrabbiner der Provinz Oberhessen, war bei dieser Erstaufführung zugegen. Ihr großer Erfolg wurde einstimmig der Führung Hermann Levis zugeschrieben. „Unvergleichlich waren die Leistungen des Riesenorchesters unter der genialen Führung seines Musterkapellmeisters Levi. Die Klangwirkung der 116 Instrumente (allein 32 erste und zweite Geigen, 12 Violen, 12 Celli, 8 Kontrabässe, 8 Harfen usw. und zur Verstärkung der Baßthemen sogar ein zwölffüßiger Orgelbaß), die er hervorzauberte, war eine ideale und wunderbar einheitliche." Nach der Aufführung begrüßte Richard Wagner den alten Rabbiner Levi aufs herzlichste und fragte ihn scherzend: „Wie sind Sie mit Ihrem ungeratenen Sohn zufrieden? Ihr Sohn müßte als mein alter ego meinen Namen Wagner führen." Richard Wagner hat bekanntlich in seinem Werk „Das Judentum in der Musik" den Juden jedes musikalische Verständnis abgesprochen. Die „Erinnerungen" bringen weiter interessante Einzelheiten über die engeren Beziehungen Hermann Levis zu Lenbach, ferner über seine Begegnungen mit Bismarck, mit dem Großherzog von Hessen und mit Kaiser Wilhelm II. Aber vor allem ist es die Rolle, die unter Kantor Emanuel Kirschner in diesen Aufzeichnungen spielte, weshalb wir an diese verschollenen Zeiten hier erinnern. „Als Professor Kirschner, der bekannte und berühmte Oberkantor in München, im Jahre 1881 zum Probevortrag nach München berufen wurde, teilte ihm der 1. Vorsitzende der dortigen Kultusverwaltung mit, daß man Wert darauf lege, feine musikalischen Fähigkeiten von einer Münchener Autorität begutachten zu lassen. Man habe den Herrn Hofkapellmeister Levi um ein solches Gutachten ersucht. Dieser sei jedoch verhindert, den Gottesdienst zu besuchen, wolle ihn aber gerne in seiner Wohnung einer Prüfung unterziehen. Ahnungslos, was wohl ein Hofkapellmeisier einen Chason prüfen könne, unterließ es Kirschner bei seinem Besuch, irgendwelches Notenmaterial mitzunehmen. Wäre eine Befangenheit bei ihm vorhanden gewesen, sie hätte schon nach der ersten feinfühlenden Begrüßung schwinden müssen. Vielleicht war es dieses sofort Sichheimischfühlen, das Kirschner übermütig machte und auf die Frage Levis, was er ihm Vorsingen wolle, antworten ließ: ,Was Sie mir vorlegen!" Er sah ihn ganz erstaunt an und mit einem langgezogenen: ,S o o o?' schlug er einen dickleibigen Band mit Liedern von Brahms auf. Nach Beendigung des Vortrages sprang Levi vom Klavierstuhl auf und beglückwünschte Kirschner mit leuchtenden Augen und sagte lachend: .Ich werde es doch möglich zu machen suchen, Sie auch am Samstag Vormittag während des Gottesdienstes in der Synagoge zu hören." Wie gesagt, so getan! Nach Schluß des Gottesdienstes drängte Levi durch die versammelte Menge nach vorn und schüttelte Kirschner unter herzlichen Glückwünschen die Hand. Dieser Vorgang förderte Kirschner wesentlich in seinem Bewerbungskampfe, aus dem er als Sieger hervorging. Bis an fein Lebensende bewahrte ihm Levi sein Wohlwollen, das bei den verschiedensten Anlässen zu deutlichem, wohltuendem Ausdruck kam." Jüdische Kunst Das Kunstauktionshaus Hugo Helbing, München, bringt Mitte November ds I. eine Sammlung alter Kunstgegenstände fiir das jüdische Ritual zur Versteigerung, wohl eine der reichsten und interessantesten, die seit langem geschlossen auf den Markt gekommen ist. Die Sammlung zeigt verschiedene ganz hervorragende Einzelftücke, darunter einen Oraun Hakodesch von besonders reicher Ausführung, in Silber und Vergoldung, etwa 1800, Porzellane und Fayencen mit hebräischen Inschriften, Gläser usw. <Ältenheiten von allererstem Range. Dazu kommen verschiedene Exemplare von Thoraschmuck mit Western und Kronen. Estherrollen und Bucheinbände, ferner Bücher, Gürtel fiir den Versöhnungstag. Eine sehr hübsche Reihe bilden die Psomim-Büchsen, Chanukkah-Leuchter, Kapseln und silberner Buchschmuck. Die ganze Sammlung, etwa 120 Nummern, wird in einem von fachmännischer Seite bearbeiteten Katalog behandelt, der. mit Abbildungen versehen, ein Spezialwerk darstellt, welches für jede am jüdischen Kultus Historist'' interessierte Bibliothek, Gemeinde oder Einzelpersönlichkeit von größtem Interesse und von bleibendem Wert sein dürfte. Bestellungen für diesen Katalog werden bereits jetzt von der Firma Hugo Helbing entgegengenommen, die auch bereitwilligst alle weiteren Auskünfte erteilt. Bei Todesfällen Unter dieser Überschrift machen die „Münchener Neuesten Nachrichten" in Nr. 248 vom 12. September 1930 darauf aufmerksam, daß Angehörige oder dritte Personen, die eine Leiche gesehen haben, möglichst noch am gleichen, spätestens aber am folgenden Tage das städtische Bestattungsamt am südlichen Friedhof von dem Todesfall in Kenntnis setzen müssen. Dieser Hinweis trifft bei Sterbefällen von Israeliten nicht zu, vielmehr ist hier stets nur Herr August Wertheimer, Westenriederstraße 4, Telephon Nr. 23 8 04 zu verständigen, der alles weitere veranlaßt. Seine Verständigung ist auch dann zweckmäßig, wenn eine Feuerbestattung stattfinden soll, in diesen Fällen aber nötig, wenn zuerst die Überführung der Leiche auf den israelitischen Friedhof gewünscht wird. 5lus bayerischen Semeinden Sulzbach (Oberpfalz). Von einem unersetzlichen Verlust wurde unsere, ohnedies so stark zusammengeschmolzene, Religionsgemeinschaft betroffen. Herr Leopold Prager, unser Gemeindevorsteher, hauchte am schabbos schuwoh seine reine Seele aus. Dieses Ereignis kam so unerwartet, daß tieffte Erschütterung nicht nur bei den nächst Bettoffenen, sondern in weitesten Kreisen der Stadt und Umgebung und weit darüber hinaus bei allen, die ihn kannten, platzgriff. Ein wahrhaft frommer Mann, nach unser alter Väter Weise, der keinen Fingerbreit aus den Grenzen des überlieferten Judentums wich; ein bescheidener Mann, der still seine Wege ging, abhold allen oberflächlichen Genüssen, Anschauungen und Strömungen unserer Zeit. Ein fleißiger, gerechter und jederzeit redlich wandelnder Geschäfts- und Verufsmann, der ob dieser Eigenschaften bei allen Bürgern der Stadt aufrichttge Verehrung und Anerkennung genoß. Ein wunderbares Ehe- und Familienleben herrschte in seinem Haus. Es war ein besonderer Genuß, in diesem patriarchalisch gastfreundlichen Hause weilen zu dürfen. Dort waltete der Geist des Friedens und der Reinheit. Ein einziger Gedanke umdüsterte die Stimmung des Verewigten in den letzten Lebensjahren. Er hatte seine ruhmreiche Heimatgemeinde Sulzbach, die durch ihre Druckereien ja einen Namen in ganz Israel besitzt, noch auf dem Gipfelpunkt ihres Bestandes gesehen. Cr sah sie durch den Zug in die Großstadt immer mehr zusammensinken. Das ging ihm besonders ans Herz. Es war dies für ihn eine wahrhafte Tragödie. Die wunderbaren Gemeindeeinrichtungen sah er verlassen, ein minjan gab es nicht mehr. Alle seine Bemühungen, diesem Zerbröckeln Einhalt zu tun, waren vergeblich. Und so will es die Tragik des Geschickes, daß seine Todesstunde vermutlich auch die Todesstunde seiner Gemeinde, die auf ein Minimum zusammengeschmolzen ist. werden wird. Diesem braven, frommen, gefälligen und geselligen Mann wollen wir ein unauslöschliches Andenken bewahren. Seine wackere und tapfere Frau und Lebensbegleiterin sowie der des Vaters würdige Sohn mögen aus der Liebe und Verehrung, die der Verblichene bei allen genossen, ihren Trost schöpfen in unheilbarem Schmerz. In heiliger Zeit ist er hinübergeschlummert zum Reich ewiger Heiligkeit. Dr. Wbg. ttusden ttultusgemeinden der Pfalz Stadkrat und kultusvorstand Ludwig Strauß in Vad Dürkheim. der erst vor wenigen Wochen mit seiner Gatttn das Fest der goldenen Hochzeit begehen durfte, wird am 30. Oktober d. I. seinen 75. Geburtstag feiem dürfen. Die herzlichsten Glück- und Segenswünsche begleiten auch bei diesem Fest den verdienstvollen Mann, auf dessen unermüdliches, treues Wirken im Ehrendienste unserer Gemeinde, des Rabbinatsbezirks und des Verbandes der israelitischen Kultusgemeinden der Pfalz sowie auch der Stadtverwaltung und vieler Körperschaften und Vereine bereits in der Nummer 16 dieses Jahrgangs anläßlich seines goldenen Ehejubiläums hingewiesen wurde. Ortsgruppe München des Jüdischen Frauenbundes Wir bitten das Inserat der Arbeitskurse in dieser Nummer wohl zu beachten und hoffen wieder auf regen Zuspruch der so beliebten Abende.

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