Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 20 (15.10.1930)
- Article
- Neue heilpädagogische Literatur [Rezension]
- Date
- 1930-10-15
- Page
- Seite 318 (sequence 1)
- Language
- German
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/ 318 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 Neue heilpädagogische Literatur 1. Bopp Linus: Allgemeine Heilpädagogik in systematischer Grundlegung und mit erziehungspraktischer Einstellung. Freiburg i. B. 1930. Verlag Herder. IX, 424 S. 2. Hanselmann Heinrich: Einführung in die Heilpädagogik. Praktischer Teil für Eltern, Anstallserzieher, Lehrer aller Schulstufen, Geistliche, Richter und Ärzte. Zürich, Leipzig 1930. Rothapselverlag. 576 S. mit Bilderanhang. Die Heilpädagogik hat Hamburger in seiner Psychopathologie des Kindesalters 1926 bestimmt als „die Lehre von der Verknüpfung der Erziehung und des Unterrichts mit Maßnahmen, welche auf Heilung, Besserung und Ausgleich seelischer gesundheitlicher Mängel abzielen". Die Heilpädagogik ist erwachsen aus der chemischen Verbindung der Einsichten und des Tuns aller derjenigen, welche an dem sich erschwert entwickelnden und erschwert sozial eingliedernden Kinde ein Interesse nehmen, das sind die Normalpädagogen, die Psychopathenerzieher, die Bildner Blinder, Taubstummer, Schwachsinniger, die Jugendrichter, die Fürsorger, die Seelsorger, die Kinderärzte, die Fachärzte aller Art. Ihr Zusammensein auf dem ersten heilpädagogischen Kongreß in München 1922 hat bei allen Teilnehmern die Überzeugung hervorgerufen, und zwar noch vor aller begrifflichen Klärung, daß solche Vereinigung notwendig sei. Die Definition des eben verstorbenen Hamburgers zeigt nun auch, in welcher Weise Darstellungen der Heilpädagogik möglich und nötig sind. Alle Heilpädagygik ist zu tiefft gebaut auf eine Wertlehre. Und die pädagogische Kunst besteht darin, die Möglichkeiten der Wertverwirklichung im einzelnen Falle zu erkennen und zu befördern. Nicht dies also scheidet die Heilpädagogik von der Normalpädagogik, daß die Werte andere seien, sondern, daß auch in anderer Weise die Ziele erreicht werden müssen. Dem Buch von Linus Bopp dürfen wir dankbar sein dafür, daß es die Wertlehre in den Mittelpunkt gestellt hat. Es wird untersucht, welche Ursachen beim Heilzögling Fehlentwicklungen des Wertsinnes bedingen können. Und es wird die Entwicklung des Wertsinnes bei den einzelnen medizinischen Formen der Entwicklungsstörungen dargestellt. Sonach erscheint Heilpädagogik als die Theorie einer durch Erziehung zu bewirkenden Heilung, vorzüglich der Kindheit, wobei die Richtung auf möglichst gesteigerte und möglichst normale Wertfähigkeit und Wertwilligkeit einzuschlagen ist. Freilich wird man sich mit der begrifflichen Abgrenzung gegenüber der Medizin (S. 15) nicht einverstanden erklären können. Die Medizin nämlich, habe es nach Bopp nur mit dem biologischen Wert zu tun, eine Ansicht, die sicherlich nicht richtig ist. Die Stellen, die Bopp selbst aus Werken der modernen Psychotherapie zitiert, zeigen ja, daß die Medizin sich der unendlichen Teleologie der Gesundheit durchaus bewußt ist. Diese Ausstellung soll keineswegs das Verdienst des vorzüglichen, mit reicher Kenntnis der Literatur und der Einzelfragen geschriebenen Buches schmälern. Die seit langem im katholjchen Kulturkreis vorhlandenen philosophisch und psychologisch unterbauten, erzieherischen Bemühungen sind in diesem Buch zusammengefaßt und die Ernte wird vor uns ausgebreitet. Man wird in dieser oder jener Einzelfrage, so insbesondere in der Bewertung sexueller Handlungen nicht immer der gleichen Ansicht sein können wie der Verfasser. Die Reinheit, die Vorurteilslosigkeit und Tiefe seines Bemühens seien dankbar anerkannt. Hanselmann sieht in der Heilpädagogik die Lehre vom Unterricht, von der Erziehung und Fürsorge aller jener Kinder, deren körperlich-seelische Entwicklung dauernd durch individuale und soziale Faktoren gehemmt ist. Wir werden auch in dem Buche von Hanselmann die originale Leistung nicht in erster Linie in der klinischen Darstellung der Typen, der Minderwertigkeit, der Geistesschwachheit, der Sprachleiden suchen — hier ist die Medizin nun einmal nicht gebend — dem Referenten scheinen vielmehr besonders maßgeblich die Ausführungen über Erziehungsberatung, Pflegefamilie, Erziehungsanstalt und die zwar kurzen, aber persönlich vorgetragenen Auseinandersetzungen über spezielle Methoden, insbesondere Suggestton, Psychoanalyse, Psychokatarsi^ Psychotechnik, rhythmische Gymnastik und Strafe. Sehr interessant ist die Tabelle über die spezifischen Wirkungen der Anstalt S. 489. Sie faßt die Ausführungen über die künstliche Lebensgemeinschaft, über die Entfremdung des Kindes von den gewöhnlichen Formen der menschlichen Vergemeinschaftung, über Entpersönlichung des Kindes, über erotische Gefährdung usw. zusammen. Demgemäß sieht Hanselmann die Aufgabe der Anstalt nicht in der dauernden Bewahrung und Erziehung, sondern in der Vorarbeit für die Erziehung in der Pflegefamilie. Zur Psychoanalyse macht sich Hanselmann den Standpunkt zu eigen, den Freud selbst im Vorwort zu Aichhorns bekannter Arbeit über „Verwahrloste Jugend" entwickelt hat. „Die Psychoanalyse des Kindes kann von der Erziehung des Kindes als Hilfsmittel herangezogen werden, aber sie ist nicht dazu geeignet, an ihre Stelle zu treten." (Freud.) Ein sehr reichhaltiges und wohlgeordnetes Literaturverzeichnis, welches auch die Arbeiten der experimentellen, oder besser gesagt, vergleichenden Kinderpsychologie heranzieht, ist eine sehr nützliche Beigabe. Ein Desiterad, welches beide hier besprochenen Werke hinterlassen, ist eine Theorie der Begriffsbildung, nämlich dessen, was wir oben mit den Worten chemische Synthese andeuten. Dies ist nicht etwa nur eine müßige Bestrebung, deren die praktische Heilpädagogik entraten könnte, im Gegenteil, die Auseinandersetzungen zwischen Ärzten und Pädagogen insbesondere, weit davon entfernt, lediglich persönlichen und Standesansprüchen zu entspringen, beruhen gerade darauf, daß die Begriffsbildung noch nicht geklärt ist. Welches find denn die wahren Ursachen der Störungen? Liegen sie auf somatischem oder psychischem Gebiet? Bedeutet ein Erziehungserfolg, daß der Arzt sich geirrt habe? Sollen wir in der ererbten Anlage ein unübersteigbares Hindernis sehen oder umgekerht mit fröhlichem Opttmismus, so wie es die sozialistische Politik ja schon lange tut, die Milieufaktoren zu verbessern trachten? Die Ausbreitung der Erfahrungen im Personenkreis, eine von Ach mit Recht hervorgehobene, nicht begriffliche, sondern persönliche Abstraktion ist sicher sehr wichtig. Aber darüber hinaus werden wir zu Arbeitsmethoden gelangen müssen, welche nun auch zu tragfähigeren Begriffen und Theorien führen, als wir sie heute besitzen. Hanselmann verspricht uns einen zweiten Teil, welcher die Theorie der Heilpädagogik geben soll. Der Referent steht niM an zu erklären, daß er eine solche Arbeit für unbedingt erforderlich hält. Eliasberg.(München). stus der Semeinde München Seltenes Jubiläum Auch beim diesjährigen Kol-nidre-Gottesdienst hat Herr Prof. E m a n u e l K i r s ch n e r in der Hauptsynagoge das Vorbeteramt versehen; zur lebhaften Freude der Gemeindemitglieder, die durch den gemüt- und verständnisvollen Vortrag der Gebete, die warme, ungebrochen schöne Stimme und die edle Gesangskunst Prof. Kirschners in ihrer Andacht bestärkt wurden. Nur wenige seiner Zuhörer werden gewußt haben, daß der Genannte an diesem Abend sein heiliges Amt zum 50. Mal versehen hat. — Möge es dem verehrten Jubilar vergönnt sein, den heiligen Tag noch ungezählte Male in gleicher Rüstigkeit wie diesmal zu begehen und zu erleben, daß die von ihm ausgestreuten Samenkörner in der würdigen und schönen musikalischen Ausgestaltung unseres Gottesdienstes reiche Früchte tragen. Vor 50 Jahren Ein Aufsatz aus allerjüngster Zeit von Joseph Marx „Erinnerungen an Hermann Levi — Zu seinem 30. Todestag" (Mitteilungsblatt des Landesverbandes der israelitischen Religionsgemeinden Hessens V, 6) enthält interessante Züge aus dem Leben des Münchener Generalmusikdirektors Hermann Levi.