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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-10-15 · 20 (15.10.1930) · p. Seite 313

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
20 (15.10.1930)
Article
Inhalt
Date
1930-10-15
Page
Seite 313 (sequence 1)
Language
German
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Kacheichtenblatt öer Israelitischen Kultusgemeinüen in München/ Augsburg/ Bamberg und des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden Da^erlsche Israelitische Gemeinöezeitung erscheint am f. nndts. jeden Monats. — Verlag: V. Heller, München, Bezugspreis für nicht elngewlesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für üas pllnganserstrahe ä4, Kernrus 7*566$ und 7J66$/ Postscheck München 5967- Zahr. Anzeigenpreis: Vte 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 ReichSpsennig vchristleitung: Vr. Ludwig Zeuchtwanger, München, Grillparzerstraße zS Zamilienanzrigen, Stellengesuche und ähnliche Angebote 15 ReichSpsennlg VI. Jahrgang München, 15. Dktober i??o M.L0 Inhalt: Bibel und Dichtung — Bemerkungen über neuere jüdische München — Aus den bayerischen Gemeinden — Aus den Kultus- Bücher und Zeitschriften — „Christentum" in der Enzyclopaedia gemeinden der Pfalz — Lehrerzeitung — Vereine — Bücher- Judaica — Neue heilpädagogische Literatur — Aus der Gemeinde schau — Personalia ßibet und Dichtung Der Einfluß der Bibel auf die zeitgenössische Lyrik Von Manfred Sturmann Die Bibel ist zu allen Zeiten die große Nährquelle des Geistes gewesen, sie ist das ewige Monument des seiner Gotteserkenntnis bewußt gewordenen Menschen, der aufgehört hat, nur triebhaft zu leben und sich unter Beugung vor der wunderbaren Existenz eines den Dingen dieser Welt übergeordneten Wesens, dem großen Gesetz der Sittlichkeit, unterwirft. Die Bibel hat vor den anderen ewigen Büchern, die auf uns kamen, das eine voraus, daß sie der Grundpfeiler für jede abendländische Kultur wurde und das „Licht des Orients" in den Norden trug. Für den deutschsprachigen Kulturkreis ist sie gleichsam der Humus gewesen, aus welchem die Blüte deutschen Geistes ausschoß. Mit Luthers Bibelübersetzung Erhielt die deutsche Sprache erstmalig eine geeinte Form, und was Kriege und diplomatische Schachzüge vorher nicht vermochten, das erstand aus dieser in der Stille geleisteten Übersetzungsarbeit: die Einigung im Geiste aller derer, die deutscher Zunge waren. Ohne die Luthersche Bibelübersetzung wäre weder eine deutsche Klassik, noch eine deutsche Romantik zu denken, und wer weiß, was aus dem später so genannten Volk der Dichter und Denker geworden wäre, wenn es nicht rechtzeitig die Inkarnation aus dem althebräischen Schrifttum empfangen hätte! Der leider so früh verstorbene Franz Rosenzweig schrieb einmal im Hinblick auf die durch Luther verdeutschte S^ibeX1: „Jedes große Werk einer Sprache kann in einem gewissen Sinne nur einmal übersetzt werden." Infolge einer ganz besonders günstigen Konstellation, die zu untersuchen eine Arbeit für sich beanspruchen würde, war die Luthersche Verdeutschung der Bibel die „einmalige". (Sicherlich sind die später entstandenen Übersetzungen vom philologischen Standpunkt 1 „Die Schrift und Luther", 1926, Lambert Schneider, Berlin. höher zu bewerten; aber die Wirkung der Lutherschen ist nicht zu übertreffen.) So mag denn die Form der deutschen Bibel, die im Volke am verbreitetsten war und ist, an sich etwas Definitives sein. Das Widerspiel von Bibelsinn und Menschengeift jedoch ist nicht definitiv — denn die Bibel ist ein lebendiges Buch —, fortdauernd geht der Austausch hin und her und wird nicht versiegen. In der Einleitung zu einer Sammlung frei nachgedichteter, biblischer Gedichte' schrieb Arnold Zweig einmal: „Aber die ewigen Gebilde der Menschheit kommen nie zur Ruhe; und wie um attische Tragödien, um Homer, Dante und Shakspeare kein dauernder Stillstand ist, wie von ihnen vielmehr ununterbrochen die Lockung sprüht: ,Forme mich nach, gib mir neues Wortsein^ — werden auch Psalmen und Lieder nach ihrer ganzen völligen Darbietung weiterverlangen." Wir können diesen Satz nicht nur auf die Psalmen und Lieder in Anwendung bringen, sondern auf die gesamte Schrift. Der schaffende Mensch, besonders der Dichter, spürt den Drang in sich, den Sinn der Bibel und ihre Fabel mit seiner persönlichen Vorstellung zu vermischen, und so entsteht das „neue Wortsein" in der biblischen Dichtung. Solange wir denken können, hat die Bibel wie ein unversiegbarer Born die Künste belebt. Das biblische Motiv finden wir in den frühesten christlichen Kulturen ebenso wie in der Renaissance, in der Romantik ebenso wie in unserer Zeit: das ist das schöne Sinnbild für dieses nicht zur Ruhe kommende Widerspiel von Bibelsinn und Menschengeist, für die ewige Vermischung von Sage und dichterischer, d. h. persönlicher Vorstellung. Um die ungeheuere Fülle an Beispielen auch nur annähernd 2 Manfred Sturmann, „Althebräische Lyrik", 1923, Allgemeine Verlagsanstalt, München.

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