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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-10-01 · 19 (1.10.1930) · p. Seite 303

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
19 (1.10.1930)
Article
Die Situation der jüdischen Belletristik
Date
1930-10-01
Page
Seite 303 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 19 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 303 lisch noch viel zu sehr am Milieu haftet. Jizchok — Lejb Perez, der zweite, ist schon ein geistigerer Typ. Er kommt von der traditionellen chassidischen Legende her, seine Erzählung von der „Heirat" aber hat sehr subtile dramatische Einzelheiten, die kaum ohne eine Kenntnis westlicher Literatur, des klassischen deutschen Dramas, zu denken sind.; I; Der weitaus bedeutendste und inzwischen zu Weltruf gelangte dieser drei Dichter, Schalem Asch, ist dann bereits ein Typ, der sich durch Assimilierung, die sich auch auf die Aneignung der deutschen Sprache erstreckt, auszeichnet; er wird zumklassischen Schilderer der ostjüdischen Familie, er bringt das Wesen dieser Menschen, auch das sonst fremdeste rein jüdischen Milieus mit Erfolg uns Westlichen näher, er versteht sich auf einen Ausdruck, der in durchaus deutscher Form dennoch die letzten Nuancen der Abbildung östlichen Wesens trifft. Von der scharf pointierten, legendären oder anekdotischen Novelle geht er zum großen Roman über, in seinem Buch „Die Jüngsten" gelingt ihm die ergreifendste Darstellung ostjüdischer Pogromnöte im zaristischen Rußland. Doch der Roman und die Novelle sind niemals die rechten Ausdrucksformen, um dem Wesentlichen des „jüdischen Geistes" gerecht zu werden. Leuchtet allerdings fast durch alle Erzählungen ostjüdischer Dichter etwas von der tiefen Religiosität, der oft primitiven Frömmigkeit des Ostmenschen, so scheint diese Gläubigkeit, diese Stärke des Vertrauens in eine Führung doch meist aus der Not von generationenalter Verfolgung, Heimsuchung geboren und drückt noch nicht den rein spekulativen, angeborenen Zug zur Gottesphilosophie aus, der dem Juden zutiefst immer eignet. — Sogar der atheistische Spötter Heine hat ihn besessen, da, wo er sich am wenigsten dessen bewußt war. — Aus der vor einem Jahrhundert ihre Höhe erreicht habenden Bewegung des Chassidismus ist in jüngster Zeit eine Gattung mystischer, beschaulicher Literatur entstanden, die sich bemüht zeigt, die wertvollsten Inhalte der jüdischen Philosophie aus dem strengen und zum Teil schon sehr gedunkelten Rahmen der rabbinischen Schriften zu lösen und daraus eine lebendige Neugeburt des jüdischen Gottdenkens entstehen zu lassen. Die bedeutsamsten Gestalten nach dieser Richtung sind die Neugestalter des „jüdischen Theaters", vor allem der „Habima", außerdem Arno Nadel, Martin Buber und Rosenzweig. Buber, der selbst der Abkömmling einer berühmten chassidischen Familie ist, die einmal, in der Gestalt des Großvaters, einen der bedeutendsten Lehrer, einen „Zaddik" besaß, hat zusammen mit Rosenzweig eine vollkommen neue Übertragung, man darf schon sagen, Neudichtüng der Thora geschaffen. Wie hier ein mit dem Denken und der Geistesbildung des Abendlandes in jeder Weise vertrauter Dichter und Gelehrter allerjüdischstes Geschehen, wie das der Bibel, in deutschester Form zu gestalten verstand, ist einer der wichtigsten Beiträge zur Situationsschilderung gegenwärtigen dichterischen, jüdischen Schaffens. Auch Bubers andere Werke, seine „Geschichten des Baalschem", die chassidischen Legenden um den Maggid, bleiben im Grunde reproduzierende Schöpfungen, die trotz der Allgemeingültigkeit des dort ausgedrückten Denkens für den modernen Juden, einigermaßen an das Historische gebunden bleiben. Einen Schritt darüber hinaus geht Max Brod, noch mehr mit den aktuellsten Problemen der Gegenwart setzen sich Jacob Wassermann und Hergesheimer auseinander; der letztere gibt im Roman „Das Warenhaus" ein eindrückliches Bild amerikanischer Verhältnisse. Der Dichter'Arno Nadel, den man bei einer natürlich keineswegs erschöpfenden Übersicht wie dieser, mit Fug ans Ende stellen darf, bedeutet den weitaus religiösesten Typ der heutigen jüdischen Literatur. Alles gerät bei ihm aus dem Feuer tiefer, mystischer Erlebnisse, es bezeichnet sehr, wenn er sich selbst und die ihm nahe stehen, ihn stets „verträumt" finden. Im „Ton", einer religiösen Problemdichtung, in einer lyrischen Form, die an das Buch des Predigers und an manche Psalmen erinnert, aber über dieses Jüdische hinaus an fast alle uns Heutige wieder beschäftigenden „letzten Fragen" rührt, schafft er eine Kunstform, die am ersten dazu angetan scheint, einmal Schule zu machen. Wie sehr aber die Synthese eines ostjüdischen Denkens, das auch ihm eignet, der drüben geboren wurde, mit allerdeutschestem Ausdruck gelingen kann, zeigt das nachstehende Gedicht, mit dem wir, mehr symbolisch als wirklich zu Ende gelangt, diese Betrachtung schließen: Der Gast Die Säulen stehen stumm und groß. Der Priester liest die Schrift, die süße. Die Herzen liegen warm und bloß Und bergen sich ins Ungewisse. Die Luft ist wesenhaft und klar. Der Tag ist draußen und erledigt. Auf einer Stufe am Altar Sitzt Gott der Herr und lauscht der Predigt. (Arno Nadel) Mädchenheime in Nürnberg und München Krieg und Inflation haben die Wirtschaft und damit die soziale Lage und Lebensform weiter Schichten der Bevölkerung von Grund aus umgestaltet. Wenn es in früheren Jahren im Bürgerstande üblich war, daß die Tochter des Hauses sich vor allem gründliche Kenntnis des Haushaltes aneignete, so war dies natürlicherweise darin begründet, daß die Mehrzahl der jungen Mädchen in der Lage war, künftig im eigenen Heim zu wirken. Die veränderten Grundlagen und die Unsicherheit der Zukunft veranlassen die meisten jungen Mädchen, ihr Schicksal selbst zu gestalten. Sie müssen sich der Ausbildung eines praktischen Berufes zuwenden und es ist sehr erfreulich, daß dies nicht nur als harter Zwang empfunden wird, daß vielmehr auch eine innere Bereitschaft dazu vorhanden ist. Die weibliche Jugend sieht es als ihre Pflicht an, ihren Platz im Leben überall auszufüllen, bestimme sie nun das Schicksal zur Hausfrau am eigenen Herd, zur Tätigkeit im kaufmännischen oder gewerblichen Leben oder zum akademischen Berufe. In der Großstadt ist es ihr verhältnismäßig leicht möglich, sich für einen zusagenden Beruf gründlich auszubilden. Schwieriger wird es für diejenigen jungen Mädchen, die in der Kleinstadt und auf dem Lande leben. Es sind dort häufig nicht die nötigen Unterrichtsanstalten vorhanden und nach der Ausbildung mangelt es an Stellungen, in denen die erworbenen Kenntnisse verwertet werden kön- Jn weitblickender Weise wurden deshalb vor Jcchren in Großstädten von allen Konfessionen Heime für junge Mädchen errichtet. Auch in Nürnberg besteht seit dem Jahre 1903 das Israelitische Mädchen st ist, dessen Errichtung durch eine hochherzige Stiftung der Eheleute Max und Elise Heim ermöglicht wurde. Hunderte von jungen Mädchen haben im Laufe der Jahre dort nach der Stiftungsurkunde der edlen Gründer eine „Heimstätte" gefunden, „die ihnen den Schutz eines gesitteten und geordneten Hauswesens gewährt". Wenn auch durch die Inflation der größte Teil des Stiftungskapitals verlorenging, so ist doch immer noch durch Beiträge der Mitglieder der Vereinigung und durch Spenden die Möglichkeit geboten, jungen Mädchen, die sich für einen Berus ausbilden wollen, oder im Berufsleben stehen, eine Heimat in der Großstadt zu günstigen Bedingungen zu bieten. Die Ausnahmebestimmungen sind bei der Verwaltung des Israelitischen Mädchen st iftes, Nürnberg, Höchst r a ß e 2, zu erfahren. Satzungsgemäß werden in erster Linie junge jüdische Mädchen aus Bayern ausgenommen, wenn Plätze frei sind, auch aus dem ganzen übrigen Reiche. Auch München ist seit einiger Zeit in der glücklichen Lage, ein Mädchenheim zu besitzen. Dank einer großzügigen Stiftung wurde es dem Verein Jugendhilfe in diesem Jahr endlich ermöglicht, diesen langgehegten Plan auszuführen und damit seinen sonstigen Einrichtungen eine wichtige und bisher schwer vermißte Ergänzung zu geben. Dieses Mädchenheim wurde anfangs Januar in der Virchowstraße 1 mit vier Insassen eröffnet, deren Zahl inzwischen auf zehn angestiegen ist. Wir wünschen der Neugründung, daß sie sich gleich den schon länger bestehenden Heimen dieses Vereins gedeihlich entwickeln möge. Aufnahmegesuche sind unter Beifügung eines selbstgeschriebenen Lebenslaufs und eines ärztlichen Zeugnisses zu richten an die Israelitische Jugendhilfe, Abteilung Mädchenheim, Virchowstraße 1.

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