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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-10-01 · 19 (1.10.1930) · p. Seite 302

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
19 (1.10.1930)
Article
Das "Israelitische Genesungsheim" in Meran
Date
1930-10-01
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
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302 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 19 Am 15. November 1893 konnte das mit einem Kostenaufwande von 50 000 Gulden erworbene und eingerichtete Asyl seiner Bestimmung übergeben werden. In der streng rituell geführten Anstalt war Raum in zwei Stockwerken für fünfzehn Krankenbetten in zumeist nach Süden gelegenen Balkonzimmern gegeben. Bis zum 30. April 1907 hatten in der Anstalt 440 lungenkranke Pfleglinge eine zum größten Teile erfolgreiche Behandlung erfahren. Doch war diese Zahl viel 311 gering, weil nach den Berichten des leitenden Arztes Dr. M. Koref alljährlich eine große Zahl von berechtigten Aufnahmsgesuchen wegen Platzmangel abgewiesen werden mutzte und die Wiedergenesenen aus dem gleichen Grunde oft zu früh entlassen werden mußten. Erst einem Manne mit ungewöhnlicher Tatkraft, Dr. jur. Wilhelm Hersch, gelang es, mit Hilfe der deutschen und österreichischen B. B.-Logen und zahlreicher Stifter und Wohltäter das große Werk der Um- und Neugestaltung zu vollbringen. In einer Versammlung von Logenbrüdern in Meran am 28. März 1907 wurde nach einem Referate des Dr. Hersch beschlossen, das Asyl von der Königswarter-Stiftung zu trennen, es einem neu zu gründenden Vereine „Asyl für mittellose kranke Israeliten" zu übergeben, dessen Aufgabe auch die zeitgemäße Vergrößerung und künftige Erhaltung und Verwaltung sein solle. Der leitende Arzt Dr. M. Koref trat an die Spitze des neuen Vereines, während Dr. W. Hersch als geschäftsführender Vizepräses dem neuen Unternehmen all fein reiches Können und Wollen widmete. Am 23. Januar fand die Einweihung des neuen großen Hauses statt, das sich unmittelbar an das vollständig renovierte bisherige Asylgebäude anschloß. Die entsprechend allen Anforderungen modernster Hygiene eingerichtete und mit den besten Mitteln neuester Heilkunst ausgestattete Anstalt, die seither noch verschiedentliche Ausgestaltungen erfahren hat, enthält sechzig sehr schöne Pflegezimmer, zumeist nach Süden gelegen und mit Balkonen versehen, ferner Tageräume, Speise- und Lesesäle usw. und bietet den aus allen Ländern sich meldenden Pfleglingen ein „Genesungsheim" im besten Sinne des Wortes. Der eigentliche Schöpfer des großen, segensreichen Werkes, Dr. Hersch, hat dessen Fertigstellung nur kurze Zeit überlebt, da er bereits am 30. November 1909, erst OOjährig, aus Die Situation der Von H. M. G r Noch vor dreißig Jahren wäre es schwer gewesen, so ganz allgemein das Wort von einer „jüdischen Literatur" überhaupt, noch schwerer von einer „jüdischen Belletristik" zu gebrauchen. Bis dahin war in Heine doch ein gewisser, gleichermaßen umstrittener und bestaunter Einzelsall vorhanden, einen in deutscher Sprache schreibenden und denkenden jüdischen Dichter zu kennen. Inzwischen haben sich solche schwerwiegenden, bedeutsamen literarischen Ereignisse im Judentum ergeben, daß es nottut, einmal die gegenwärtige Situation festzustellen und zu untersuchen. Im Vordergrund der sich aufdrängenden Probleme steht das Ostjudentum. Wir haben uns mit der Tatsache vertraut gemacht, daß eine Reihe bedeutender Erzähler, Romanciers existiert, die nicht nur Juden, sondern eben Ostjuden sind, ohne uns einmal grundsätzlich über das Wesen und die besonderen Verhältnisse dieses Schaffens Rechenschaft zu geben. Es soll, um von vornherein Klarheit über das Thema und seine Grenzen zu geben, dabei nicht von der einfachen jiddischen Dialektdichtung, nicht vom östlichen Erzählertum, das eine Art Volksliteratur für sich darstellt, gesprochen werden, sondern vor allem von den Leistungen derjenigen, die nach Deutschland gekommen, vielleicht schon seit einer Generation hier zu Hause sind oder von anderen, die deutsche Juden geworden, heute im Schrifttum des Auslands eine bedeutende Nolle spielen. Denn das Buch „Mein Weg als Deutscher und Jude" könnte in irgend einer anderen Form des persönlichen Schicksals noch von vielen geschrieben werden, die dem Ostjudentum entstammt, von seinem Wesen und. Geist erfüllt, Deutsche wurden oder, nach dem Medium Deutschland, irgendwo sonst in der Welt dann fest geworden sind. Denn der Weg durch und über Deutschland ist für den Ostjuden typisch. Nirgendswo als hier hat von jeher jeder Prozeß der Assimilierung des östlichen an westliches Denken so fruchtbaren Boden gefunden. Und um einen solchen Vorgang der Angleichung, der Verschmelzung mit einer ursprünglich völlig fremden Welt und Geistigkeit handelt es sich für den Ostjuden. Man braucht dabei weniger Bedenken zu haben, daß diese Assimilierung zugleich mit dem Verlust der Eigenform, mit der Unterdrückung oder Verwässerung des Östdem Leben schied. An seine Stelle trat als geschäftsführende Vizepräsidentin seine Witwe Rosa geb. Petschek, welche seither die Anstalt in gleich zielbewußter und erfolgreicher Weise leitet. Dem jüngsten, sehr ausführlichen Berichte des leitenden Arztes Dr. Josef Kohn ist zu entnehmen, daß in der Kursaison 1929/1930 unter 371 Aufnahmsgesuchen 201 günstig erledigt werden konnten. Doch aus noch zu erwähnenden Gründen konnten nur 168 (89 Männer und 79 Frauen) von der Bewilligung Gebrauch machen. In den 196 Betriebstagen wurden insgesamt 16 204 Verpflegstage geleitet, wobei die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei den Männern 98, bei den Frauen 96 Tage umfaßte. Bei 103 Pfleglingen schwankt die Aufenthaltszeit in der Anstalt zwischen 3 und 7 Monaten. Dem Wohnorte nach verteilen sich die Pfleglinge auf fast alle Länder Europas; doch überwiegen die Tschechoslowakei (15,5%), Deutschland (13,2%), Österreich (19%), Polen (20,7%), Ungarn (10,8%). Ebenso sind die verschiedensten Altersstufen und Berufe unter den Pfleglingen vertreten. Bei 148 Pfleglingen handelte es sich um Tuberkulose, bei 20 um nichttuberkulose Erkrankungen. Von besonderem Interesse sind die Entlassungsbefunde. Es konnten entlassen werden: als wesentlich gebessert 37, gebessert und arbeitsfähig 76, gebessert und zu leichterer Arbeit fähig 36, gebessert, jedoch nicht arbeitsfähig 10, nicht gebessert 5. Ein Ergebnis, das bei einer durchschnittlichen Gewichtszunahme von 3.90 Kilogramm als sehr erfreulich zu bezeichnen ist. Wie bereits erwähnt, konnte ein beträchtlicher Teil von Kranken, denen die Aufnahme bewilligt worden war, hiervon Gebrauch nicht machen. Der erste Grund hiefür lag in der allgemein schlechten Wirtschaftslage, die es den Kranken immer schwerer macht, die geringen Verpflegungsgebühren für längere Dauer aufzubringen. Dann aber in der in den meisten Fällen unberechtigten Haltung der Krankenkassen in Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei, die ihren Mitgliedern Beiträge für Kuren im Auslande verweigern. Die Befürchtung ist nicht ganz unberechtigt, daß aus diesen Gründen die ausgezeichneten Heilungsmöglichkeiten, welche das Meraner „Genesungsheim" bietet, nicht voll ausgenützt werden. Das aber wäre im Interesse der Kranken und auch dem der Anstalt sehr zu bedauern. jüdischen vettetristik ü n w a l d (Berlin) lichen und Jüdischen verbunden zu sein braucht; natürlich kann das mitunter geschehen, es geschieht aber nur bei unbedeutenderen Persönlichkeiten, die wiederum dem Kreis unserer Betrachtung, der sich nur vornimmt, die Hervoragenden Typen herauszustellen, fern liegt. Uns handelt es sich um das immerhin bemerkenswerte literarische Phänomen, daß es heute eine stattliche Anzahl in westlicher Sprache, mit westlichen Formen sich ausdrückender jüdischer Dichter gibt, die in der Gesamtheit der literarischen Produktion zum Teil hochbedeutenden Rang einnehmen. Erst diese letzten dreißig Jahre ließen Arbeiten entstehen, die den Geist des Judentums prägnant herausmodellieren, oder die einen neuen „jüdischen Geist" zu schassen geeignet sind, der in besonderer Weise alles färbt, was an Dichtung entsteht. Die zunehmende Verbesserung, Angleichung der gesellschaftlichen Stellung des europäischen, besonders des deutschen Juden hat ihn seiner selbst bewußter gemacht, ohne daß dieses Selbftbewuhtsein immer in Selbstüberschätzung umzuschlagen braucht, wie es der Antisemitismus dem Judentum als charakteristische Erscheinung in gröbster Verallgemeinerung vorwirft. Besonders der Ostjude, der früher gegenüber dem angestammten westlichen, deutschen Juden erfolglos um seine Geltung rang und deshalb das Verkümmerte seines gehetzten und gequälten Gettodaseins nie los wurde, begann aufzurücken , die oft immensen Gestaltungskräfte dieses immerhin unverbrauchtesten Teils der jüdischen Rasse setzten sich, ganz besonders auf dem Gebiet der Literatur, in beachtliche Werte um. Zunächst erlebte die angeborene Erzählerkunst des Ostjuden eine eigentümliche Blüte. Vor Jahren erschien ein Bändchen „Ostjüdische Erzähler" (Kiepenheuer, Potsdam, 1920), das eine kleine Anthologie von allerdings noch ursprünglich jiddischen Geschichten enchielt, für die aber ebenfalls ein Ostjude, Eliasberg, eine kongeniale deutsche Übersetzung besorgt hatte. Stoffe wie Form der Erzählung war bei den drei hier als Repräsentanten der jüdischen Novelle und Kurzgeschichte geltenden Dichtern durchaus östlich. Vieles erinnert vor allem bei Schalem Alejchem an richtige Volkserzählung: das feine dichterische Können kommt deswegen nicht so sehr zur Auswirkung, weil er fee-

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