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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-10-01 · 19 (1.10.1930) · p. Seite 301

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
19 (1.10.1930)
Article
Nach den Wahlen
Date
1930-10-01
Page
Seite 301 (sequence 1)
Language
German
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 301 Nr. 10 Nack den Diese Blätter haben nicht der Politik zu dienen. Aber sie dürfen an dem Ereignis vom 14. September nicht oorübergehen, als ob nichts geschehen wäre, und es ist nicht gut, hinter Kultur- und Kunstgeschichte, Religionsphilosophie und Statistik, unsere tiefe Bewegung und Unruhe zu verbergen. Aus der Flut der Betrachtungen und Meinungen aller Richtungen gilt es einen ragenden festen Punkt der Orientierung zu finden. Die Zionisten sagen: In Deutschland leben 560 000 jüdische Seelen. Aus jede jüdische Seele kommen also elf erwachsene Nichtjuden, die einem radikal-antisemitischen Programm zugestimmt haben und bereit sind, mit allen gesetzlichen Mitteln die Juden zu schädigen. Der Zentraloerein sagt: Judenfeindliche Beweggründe waren bei dieser Wahl keineswegs ausschlaggebend; sie traten vielfach stark zurück. — Beide Parteithesen sind ebenso wahr wie falsch, also Halbwahrheiten, und gehören nicht zu den ragenden Orientierungsstützpunkten in jener Flut gegensätzlicher Äußerungen von Jud und Christ, von rechts und links. Die nagende Frage, die wir uns alle immer wieder stellten, vor und nach der Wahl, ist doch die: Wo bleibt die Schätzung der geistigen und ethischen Persönlichkeit? Nichts zeigt die jüngste Wahl so deutlich wie die niederschmetternde Gleichgültigkeit der Wählermafsen gegenüber bewährtem Können, gegenüber Persönlichkeit und Sachlichkeit. Sprechen wir nicht von Juden! Gerade auf der Rechten hat man General v. Lettow-Vorbeck und Professor Hoetzsch unbekümmert durchfallen lassen und ihnen (wie Professor Hellpach richtig beobachtet hat) „tausend namenlose Unteroffiziere des nationalsozialistischen Korps" vorgezogen. Die besten Köpfe, bewährt und von untadeliger Gesinnung und Anständigkeit, wie sie etwa bei den Volkskonservativen und bei der Slaatspartei zu finden waren, konnten das Vertrauen der Massen von Verdrossenen und im Tiefsten Unzufriedenen nicht gewinnen. Dieser Wahlausgang ist für die Juden nach der so gewonnen Einsicht nicht im geringsten beschämend; ob nicht auch für Leib und Leben gefährlich, ist eine polizeitechnische Frage. Wahlen Eine zweite Beobachtung außer der Niederlage der Persönlichkeiten ist die unzweideutige Wendung zu einer neuen gesellschaftlichen Ordnung. Der Jude des neunzehnten Jahrhunderts ist als tüchtiger, nüchterner, selbstloser, nie erlahmender Einzelgänger (Individualist) in der individualistischen, liberalen Wirtschaftsordnung groß und frei geworden. Diese Ära der selbständigen wirtschaftlichen Existenzen der liberalen freien Wirtschaft ist endgültig vorüber. Auch nach dieser zweiten Einsicht hat der Wahlausgang für die deutschen Juden nichts Verletzendes, sondern schafft vor allem Klarheit. Die Frage bleibt: Wie kann aus lange Sicht in einer gebundenen Wirtschaft, unter der Herrschaft der Massen, die Vernunstgründen nicht zugänglich sind, die Existenz einer so kleinen Minderheit wie die der Juden, die als Staatsbürger nur „terminologisch" (also weil sie in der Statistik als „Juden" geführt werden) eine Gruppe für sich bilden, gesichert fein? Wir meinen, nur dann, wenn wir uns innerlich nicht erschüttern lassen, wenn die Juden furchtlos und unbeirrt, treu ihren bewährten Führern, den angetrerenen Weg weitergehen, jeder fest und unerschrocken in seinem engeren Kreis. Irgendeine Verteidigung ist zweck- und sinnlos. Denn das Phantom vom Juden als von einem schädlichen Element in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft, kann durch Aufklärung und Appell an common senso und an Vernunft nicht beseitigt werden. Unser inneres Gleichgewicht, unsere Lebensbejahung darf nicht davon abhängen, ob künftig in Deutschland mit oder oh>.-> Nationalisozialisten regiert wird oder von dem Grübeln darüber, was das kleinere Übel fei. Keiner von uns kann die Entwicklung beeinflussen. Von nun an, sagte ein chinesischer Weiser, dem sein Diener jeden Morgen aus drei Haaren den Zopf flocht, und der Diener riß ihm erst das eine, dann das andere Haar aus — von nun an, sagte der Weise, werde ich mein Haar offen tragen." F. Das „israelitische Senesungsheim" in Meran Von Rabbiner Dr. A. Tänzer (Göppingen) Ein Rückblick auf die Entstehungsgeschichte dieses hervorragenden Werkes jüdischer Nächstenliebe zeigt, daß hier einmal ein Weg von den Toten zu den Lebenden geführt hat. Denn mit der Anlage eines jüdischen Friedhofes beginnt diese Geschichte^, um dann über die Schaffung einer kleinen, „Asyl" genannten Pslegestätte für unbemittelte Kranke, über die Erbauung eines schönen Gotteshauses, über die Errichtung einer wohlorganisierten Kultusgemeinde zum heutigen stattlichen „Genesungsheim" zu führen. Und alle diese, nur durch, freiwillige Spenden ermöglichten, Schöpfungen bilden ein Ruhmeszeugnis des jüdischen Herzens in Südtirol, in einem Lande, in welchem Jahrhunderte lang Juden nicht wohnen durften. Wohl werden Juden in Meran schon zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts als Pächter der einst berühmten Münzstätte genannt, und ebenso, damals vereinzelte jüdische Ansiedler in Brixen, Bozen und Trient, aber sie schwinden alle bald wieder. Erst am Anfänge des neunzehnten Jahrhunderts hören wir wieder von zwei privilegierten Juden in Bozen, von dem k. k. Hoffaktor Heinrich Heule und dem k. k. Postmeister Gerson Marx-. Nach Meran kamen die ersten Juden erst wieder im Jahre 1832, als sich die ersten Anfänge der Entwicklung dieses mit allen Vorzügen der Natur üppig gesegneten Platzes zum heilkräftigen Kurorte zeigten. Es waren die zwei Brüder Daniel und Jakob Biedermann, die späterhin ein angesehenes, heute noch bestehendes Bankhaus gründeten. Erst im Jahre 1865 ließ sich als dritter Jude und erster jüdischer Kurarzt Dr. Rafael Hausmann aus Breslau in Meran nieder, wo er sich durch feine beruflichen Erfolge, durch feine fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen und durch sein ausgedehntes humanitäres Wirken einen hochangesehenen Namen erwarb. Als sich nach der Eröffnung der Brennerbahn im Jahre 1867 die 1 Ausführlich dargestellt in meiner „Geschichte der Königswarter- Stiftung in Meran, 1872—1907". 2 Über diesen vgl. meine „Geschichte der Juden in Hohenems", S. 486. Zahl der Kurgäste in Meran bedeutend steigerte, kamen auch Juden hin, unter denen auch Schwerkranke waren, die hier starben und deren Beerdigung große Schwierigkeiten bereitete. Denn diese Leichen mußten nach dem in Zwölfmalgreien bei Bozen gelegenen und vermutlich von dem schon genannten Hoffaktor Henle errichteten jüdischen Friedhofe überführt werden. Die drei jüdischen Einwohner Merans, zu denen sich auch bald Kurgäste gesellten, unternahmen deshalb mit vielem Eifer, aber zunächst geringem Erfolge eine Sammelaktion zur Errichtung eines jüdischen Friedhofes in Meran. Doch kam es hierzu erst, als im Jahre 1871 der 23jährige Emil Königswarter aus Frankfurt a. M., der einzige Sohn des Ehepaares Isaak Königswarter und Lisette geb. Lieben, in Meran starb. Zu seinem Andenken errichteten dann die Eltern mit Widmungsurkunde ddo. Offenbach, 23. Okt. 1872, mit einem Kapitale von 6000 Gulden eine Stiftung zur Errichtung eines jüdischen Friedhofes in Meran. Hierzu kamen dann noch verschiedene Spenden im Gesamtbeträge von 1500 Gulden, so daß von der Stadtverwaltung ein dieser gehörendes Grundstück südlich vom alten protestantischen Friedhofe in Untermais käuflich erworben werden konnte. Am 28. Oktober 1872 fand die erste Beerdigung statt. Das zur Verwaltung der Königswarter-Stiftung eingesetzte Kuratorium sah sich bald gezwungen, seine Tätigkeit auf die schon in der Stiftungsurkunde vorgesehene Fürsorge für die in immer größerer Anzahl eintreffenden armen jüdischen Kranken in besonderem Maße auszudehnen. Neben den geringen Erträgnissen der Friedhossverwaltung waren es hauptsächlich die Spenden von jüdischen Kurgästen, welche die Mittel für diese Anforderungen lieferten. Besonders tat sich hier schon Friedrich Stransky hervor, der 1878 nach Meran übersiedelte, in das Biedermannsche Bankhaus als Teilhaber eintart und bald auch im Kurtorium der Stiftung als Kassier und Schriftführer mit Eifer und Erfolg wirkte. Und als er im Jahre 1891 an die Spitze des Kuratoriums berufen wurde, machte er es sich zur Aufgabe, den bisherigen Modus der Barunterstützung durch den weit zweckmäßigeren der Errichtung eines „Asyls" zu ersetzen.

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