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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-10-01 · 19 (1.10.1930) · p. Seite 300

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
19 (1.10.1930)
Article
Judentum und deutscher Geist
Date
1930-10-01
Page
Seite 300 (sequence 2)
Language
German
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300 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 19 Rang sonst in Europa im allgemeinen ohne weiteres zur Verfügung stehen. So hat sie ihm bis in sein Traumleben hinein verfolgt: „die Iudenfrage, die Sorge um die Zukunft der Kinder, denen man ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie so zu erziehen, daß sie freizügig werden können". Und doch würde man nicht das Rechte treffen, erblickte man in solchen und ähnlichen Mitteilungen und Bemerkungen eine bittere Beschwerde Freuds, die er der Öffentlichkeit zu unterbreiten wünscht. Vielmehr werden ihm diese bitteren persönlichen Erlebnisse lediglich zum Material seiner wissenschaftlichen Untersuchungen, ja man darf vielleicht sagen, daß die peinlichen antisemitischen Erlebnisse für Freud denselben Wert haben wie die jüdischen Witze, die er in seinem Buch „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" des öfteren anzuführen oder zu erzählen Pflegt, jene „luftigen jüdischen Anekdoten ..., die so viel tiefsinnige, oft bittere Lebensweisheit verbergen und die wir in Gesprächen und Briefen so gerne zitieren". Beides nämlich, Reaktion auf feindliche Außenwelt und Witz, werden ihrer persönlichen Note entkleidet und als willkommenes Material von der erkennenden Ratio, von dem wissenschaftlichen Bewußtsein begrüßt. In diesem Sinne verwertet Freud auch die ihm zugänglichen Quellen der jüdischen Literatur; es wird nur an seine Hinweise auf den Traum Pharao und das Hohe Lied hier erinnert. Es ist bekannt, daß Freud der national-jüdischen Bewegung freundlich gegenüberfteht. Aber eS wird sich schwerlich im zionistischen oder im nicht-zionistischen Lager. eine Gruppe finden, die sich Freud mit Recht als gerade ihr zugehörig oder gerade als ihr Gegner verschreiben dürfte. Sicherlich haben die Erlebnisse Freuds das Ihre dazu beigetragen, um ihn eine Gelegenheit willkommen heißen zu lassen, die sich sozial oder seelisch bedrängten jüdischen Menschen zu einem lebenswürdigen Dasein bietet. Doch ist ihm jeder Anflug eines nationalistischen oder religiösen Eiferers dabei fern. Ja, wenn man überhaupt an äußere Lebensumftände denken will, die Freuds jüdisch-nationaler Haltung vorschweben mögen, dann darf vielleicht auf die Einrichtung der Familie verwiesen werden, an deren Erhaltung ihm liegt und deren Schutz für bestimmte Fälle ihm darum auch in Palästina gelungen zu sein scheint. Denn für den Erforscher der seelischen Antriebe unseres Lebens sind die Umformungen der Wünsche und Vorstellungen des jungen Menschenkindes, die sich auf das Ellernpaar richten, Vorgänge, welche man mit ihm den „Oedipuskomplex" nennt, unsere wichtigsten geistigen und kulturellen Leistungen. Von diesem Gesichtspunkt aus, der Förderung der menschlichen Kultur, darf man darum auch den schönen Brief verstehen, den Freud zur Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem geschrieben hat. Die Ursache dafür, daß der jüdische Staat des Altertums verhältnismäßig lange gehalten hat, findet er darin, daß seine Glieder den geistigen Gütern, Religion und Literatur, den ersten Rang eingeräumt haben. Und aus der gleichen Situtation heraus wünscht er die Universität zu beglückwünschen. Denn sie ist eine Stätte der Wissenschaft und Forschung, d. h. also eine Angelegenheit, die der ganzen Menschheit dient, indem die Universität durch die Förderung der Wissenschaften dazu beiträgt, die Welt zu erkennen und sie dann immer mehr zu beherrschen. Man sieht also, wie auch die möglicherweise aus rein persönlichen Erlebnissen stammenden national-jüdischen Sympathien Freuds ihren Sinn erst durch seine Haltung als Wissenschaftler finden, der das Leben in einem für immer mehr Menschen förderlichen Sinne umgeftalten will. Was für Freuds Haltung zur nationalen Frage gilt, trifft auch für seine Beziehung zur jüdischen Religion zu. Bekennt er, daß „ich immer ein starkes Gefühl von Zusammengehörigkeit mit meinem Volke gehabt und eö auch bei meinen Kindern genährt" habe, so schreibt er doch in dem gleichen Briefe, „daß ich der jüdischen Religion so fernestehe wie allen anderen Religionen, d. h. sie sind mir als Gegenstand wissenschaftlichen Interesses hoch bedeutsam, gefühlsmäßig bin ich an ihnen nicht beteiligt". Von welcher Bedeutung für den Wissenschaftler Freud die Religionen in der Tat sind, geht aus den vielen religionöhiftorifchen Untersuchungen von ihm selbst und seiner Schule hervor. Welche Folgerungen aus diesen historischen und psychologischen Forschungen sich ihm ergeben, hat er in einer seiner letzten Schriften „Die Zukunft einer Illusion" verraten. Diese Arbeit hat ihm mehr Gegner als Freunde verschafft. Daß ihm die Religion zu einer Illusion wird, die die Menschen über das Elend ihrer sozialen und seelischen Lage vielleicht zwar zu trösten, sicherlich aber nicht entscheidend die Bedingungen zu verändern vermag, denen dieses Elend entwächst, wird in allen Kreisen positiv religiös lebender Menschen nicht gerne als einsichtig betrachtet werden. Und doch werden die besten Verteidiger auch der jüdischen Religion sich nicht der Grundbesinnung Freuds verschließen, aus der heraus er der Wissenschaft nicht nur den Vorzug, sondern das ausschließliche Vorrecht gegenüber der Religion gibt, wenn es ihm nämlich am Herzen liegt „etwas über die Realität der Welt zu erfahren, wodurch wir unsere Macht steigern und wonach wir.unser Leben einrichten können". Sprechen wir also von Freuds Beziehung zum Judentum und wollen uns nicht damit begnügen, seine wissenschaftliche Verarbeitung jüdischer Inhalte und Erlebnisse zu würdigen, so müssen wir diejenigen Eigenschaften an ihm hervorheben, die er in seinem ganzen Leben darftellt: Wir feiern in ihm den großen Arzt, den Helfer der Menschen aus seelischen Nöten, für die bisher kein Ausweg gegeben war, den Kämpfer gegen die furchtbare Krankheit seelischer Bedrängnis, dessen ärztliche Behandlungsmethode an die Gestalt der Goethefchen Iphigenie erinnern darf, die wirrer Leidenschaftlichkeit Erlösung durch Aussprache und innere Klarheit schafft. Aber wir feiern in ihm auch den großen Wissenschaftler, der besonders als Psychologe über sein Fachgebiet hinaus solche Wissenschaften durch seine Lehre und durch seine Schüler fördert und befruchtet, die die Hauptursache des seelischen Elends vieler Menschen, ihre soziale Not, im Bunde mit der Praxis des öffentlichen Lebens abbauen und einmal beseitigen helfen; wir denken an die Gesellschaft, die Pädagogik. Hilfe und Aufbau für den einzelnen Menschen und für die ganze menschliche Gesellschaft ist der Stern, der über Freuds Leben und Werk leuchtet. .MttMMMIlllllMUIIIIIIIIIlllllllllllUIIIIllllllllllllllllllllllllttlllllllttttllNIIIIUIIIIllllttllttlllllllllttllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllUIIIIIIIIIIIIIIllllttllllllllllllMIIIIIIIIIIIIIIIlllllllllllllUUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIMIIlillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll,. 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