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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-10-01 · 19 (1.10.1930) · p. Seite 299

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
19 (1.10.1930)
Article
Inhalt
Date
1930-10-01
Page
Seite 299 (sequence 1)
Language
German
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Aachrichtenblatt üer Israelitischen Kultuögemeinüen in München/ Augsburg/ Hamberg unö öes VerbanöeS Hagerischer Israelitischer Gemeinöen Vagerische Israelitische Gemeinüezeitung erscheint am t. unä if. jeöen Monats. — Verlag: S. Heller/ München/ SezugSprelS für nicht elngewiesene Vezleher: Reichsmark 4.S0 für Sa< plinganserstraße 6^, Kernruf 7566$ unü 7J665, Postscheck München 5987. Jahr. Anzeigenpreis: Oie 4 gespaltene Millimeter-Zelle 40 ReichSpfennlg vchriftleitung: vr. Luöwig Keuchtwanger/ München/ Grillparzerstraße z6 Kamillenanzelgen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote »5 Reichspsenntz VI. Jahrgang München/f. Oktober 1930 Kr. 19 Inhalt: Judentum und deutscher Geist — Nach den Wahlen — Das „Israelitische Genesungsheim" in Meran — Die Situation der jüdidischen Belletristik — Mädchenheime in Nürnberg und München — Die neue Synagoge Prinzregentenstrahe in Berlin — Aus der Gemeinde München — Aus den bayerischen Gemeinden — Aus den Kultusgemeinden der Pfalz — Aus dem Verbände — Vereine — Lehrerzeitung — Amtlicher Anzeiger — Bekanntmachung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden — Bekanntmachung über Versorgung mit rituellem Fleisch — Personalia. Judentum und deutscher Seist Von Dr. Leo Löwenthal (Frankfurt a. M.) 2. Sigmund Freud Sigmund Freud hat vor wenigen Wochen den Goethepreis der Stadt Frankfurt erhalten. Es wäre ein Schicksal, das er nicht verdiente, wenn man ihn in Fortsetzung der vielen Aufsätze, die sich mit dem Thema „Freud und Goethe" abmühten, jetzt mit allen möglichen Kulturftrömungen, historischen Persönlichkeiten, Wissenschaften, Religionen durch ein „Und" zusammenflickte. Und doch darf eö dabei wohl zwei Ausnahmen geben, eben Goethe und das Judentum. Freud ist durchaus Arzt und Gelehrter; hinter Beruf und Theorie scheint die Einzelpersönlichkeit zu verschwinden, oder beffer gesagt: in der sachlichen Tätigkeit, den Problemen und Ergebnissen der Forschung stellt sich das wahre Wesen Freuds dar. Lieft man feine „Selbstdarftellung", so wird man schwer enttäuscht werden, wenn man darin irgendwelche sensationellen persönliche Enthüllungen des Schöpfers der Psychoanalyse, d. h. zugleich einer entscheidenden Waffe im Kampf gegen eine der verbreitetsten Krankheiten, die Neurose, und der fortschrittlichsten und radikalsten Psychologie, erwartet. Vielmehr stellt sich dieses Leben als ein ständiger Kampf um die Gewinnung von Einsichten und von Einsichtigen dar. Es gibt ein sehr umfangreiches Werk Freuds, das man einen Beitrag zu seiner Selbftbiographie nennen könnte: „Die Traumdeutung". In ihm werden wesentlich seine eigenen Träume erzählt und als. Material für jene wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Traum benutzt, die bisher nur sehr verborgen in den. Legenden und Ahnungen von Volksüberlieferung, Märchen, Dichtung und primitivem Bewußtsein geruht haben. Wenn wir an Salomon Maimon erinnern dürfen, der im Zusammenhang dieser Aufsatzfolge behandelt worden ist (siehe Gemeinde-Zeitung Nr. 14 vom 15. Juli), so halte man sich den Abstand zwischen Maimonö selbstgeschriebener Lebensgeschichte und der Freudschen „Traumdeutung" vor Augen. Beim einen erscheint die religiöse, wissenschaftliche, philosophische Bemühung als der Hintergrund eines phantastischen, abenteuerlichen, überspitzten, eitlen und melancholischen Daseins. Beim andern sind die Mitteilungen aus dem Tageslauf des Lebens nur Anlässe zur Erarbeitung sachlicher Gehalte, auf die es allein ankommt. Gerade die Traumdeutung kann uns zum Beleg dafür dienen, warum es einen Sinn hat, über Freuds Verhältnis zum Judentum zu reden. In einer Reihe von Träumen und Deutungen erfährt man, wie für das aus Mähren stammende jüdische Kind das von außen aufgezwungene Erlebnis der Andersartigkeit, der Antisemitismus zu einem wichtigen Antrieb seelischer Einstellungen geworden ist. Es wird uns ein Iugenderlebnis mitgeteilt, von dem Freud bekennt, daß es in vielen „Empfindungen" und Träumen noch heute seine Macht äußert. „Ich mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater begann, mich auf seine Spaziergänge mitzunehmen und mir in Gesprächen seine Ansichten über die Dinge dieser Welt zu eröffnen. So erzählte er mir einmal, um mir zu zeigen, in wieviel bessere Zeiten ich gekommen sei als er: Als ich ein junger Mensch war, bin ich in Deinem Geburtsort am Samstag in der Straße spazieren gegangen, schön gekleidet, mit einer neuen Pelzmütze auf dem Kopf. Da kommt ein Christ daher, haut mir mit einem Schlag die Mütze in den Kot und ruft dabei: Iud, herunter vom Trottoir! ,Und was hast Du getan^ Ich bin auf den Fahrweg und habe die Mütze aufgehoben, war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft von dem großen starken Mann, der mich Kleinen an der Hand führte." Es ließen sich die Beispiele vermehren, aus denen immer wieder hervorgeht, wie stark für Freuds Leben die Schwierigkeiten, Jude zu sein, sich in seinem Bewußtsein und dem von ihm preisgegebenen Unbewußten, ausgeprägt haben. Sind ihm doch in seinem Leben Stellungen und Auszeichnungen nicht zuteil geworden, die für einen Gelehrten von solch außerordentlichem

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