Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 18 (15.9.1930)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1930-09-15
- Page
- Seite 283 (sequence 1)
- Language
- German
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Homerische Israelitische Gemeinöezeitung Kachrichtenblatt üer Israelitischen KultuSgememöen in München/ Augsburg/ Hamberg unö des Verbandes Hagerischer Israelitischer Gemeinden erscheint am r. und ff, jeden Monats. — verlas: H. Heller, München, plinganserstraste 64, Kernruf 7)664 und 7)66), Postscheck München )PS7. vchriftleltung: Or. Ludwig Keuchtwanger, München, Grillparzecstraße ZS SezugSpreis für nicht eingewiesene Sezieher: Reichsmark 4.S0 für das Jahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene Millimeter-Jette 40 Relchspfennlg Kamilienanzeigen, Stellengesuche und ähnliche Angebote ff RetchSpftnnig VI. Jahrgang München, if. September t $>50 Kr. f8 Inhalt: Das Gottesreich —> „Die Judenfrage" — An alle bayerischen Juden — Eine jüdisch-deutsche Selichoth-Ausgabe— Zwei wichtige Dokumente des orthodoxen und liberalen Judentums der neuesten Zeit — Ein Gedächtnisbuch für Sigmund Frankel — Aus der Gemeinde München — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München — Bekanntmachung über Glückwunschablösung 1930 — Bekanntmachung über den Filialgottesdienst an den hohen Feiertagen und die Vermietung von Synagogenbesstühlen — Bekanntmachung der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg — Personalia Das ßottesretcb Von Professor Felix P e r l e s in Königsbergs „All' ihr Völker, klatschet in die Hände und lasset Gott einen schmetternden Iubelgesang erschallen! Denn erhaben und gewaltig ist der Ewige, ein großer König über die ganze Erde" (Psalm 47,! ff.). Nur die wenigsten wissen wohl noch, daß diese Verse bis vor wenigen Jahrzehnten jedem, auch dem unkundigsten Beter, geläufig waren. Sind eö doch die Anfangsworte des Psalms, mit welchem früher das Schofarblasen eingeleitet wurde. Diesen Psalm haben unsere Weisen wohlbedacht gerade für das Neujahrsfest gewählt. Denn er besingt den großen Gedanken, der vor allen anderen Rauschhaschono beherrscht und darum auch in seinen Gebeten einen so hervorragenden Platz einnimmt. Es ist der Gedanke des Malchus Schomajim, des Gottesreiches, es ist die zuerst von den Propheten verkündete Zukunftshoffnung, daß dereinst der Gott Israels von allen Völkern als König anerkannt werde, daß vor dem einen Gotte nicht nur die Vielheit der Götter schwinden werde, sondern auch die vielen Völker sich zu einer Menschheit zusammenschließen, daß sie, wie es im Hauptgebete unseres Festes heißt, „einen einzigen Bund bilden, um Gottes Willen mit ganzem Herzen zu tun". An dieser Hoffnung hält Israel noch heute unerschütterlich fest. Doch heute steht es nicht mehr allein damit da. Während es nämlich früher wegen dieser Hoffnung als weltfremder Träumer belächelt wurde, sieht man heute sein Ideal mit ganz anderen Augen an. Denn heute, nachdem der Weltkrieg mit all seinen Folgen einen katastrophalen Zusammenbruch der ganzen menschlichen Kultur bewirkt hat, heute erfüllt das Herz der Völker und namentlich das Herz ihrer Besten und Edelsten eine tiefe Sehnsucht nach einer Verbrüderung der noch immer feindlich zerrissenen Menschheit. Da wird der Krieg von den Staatsmännern der größten Reiche feierlich geächtet, da wird die allgemeine Abrüstung gefordert, da wird auf den Völkerbund das Vertrauen gesetzt, daß er den großen Gedanken des Völkerfriedens in die Wirklichkeit umsetze. Leider aber sind die Erwartungen bis jetzt nur zum allerkleinsten Teil erfüllt, und zwar aus einem naheliegenden, doch zumeist übersehenen Grunde. Wohl wünschen alle Länder nach den furchtbaren Erfahrungen der letzten anderthalb Jahrzehnte, vor der Wiederholung des Schreckens bewahrt zu sein; doch jedes Land und jedes Volk denkt nur an sich allein, jedes Volk will nur seine Sicherheit gewährleistet sehen, und jedes möchte sich mit anderen zusammenschließen, nicht etwa, um Gottes Willen mit ganzem Herzen zu tun, sondern nur, um den eigenen Willen sicherer durchzusetzen, und um die eigenen Interessen wirksamer zu vetreten. Wenn die Menschheit zum ewigen Frieden gelangen will, so muß auch jedes ihrer Mitglieder das Seinige dazu beitragen, so muß jedes Volk bei sich selbst anfangen, um seinen Eigennutz zu überwinden, so darf nicht wieder ein Staatsmann, ohne Widerspruch zu wecken, an den „heiligen Egoismus"' seines Volkes appellieren, sondern muß sich jeder auf einem verantwotungsvollen Posten Stehende bewußt sein, daß der Prophet (Ies. 2,4) als Vorbedingung des Gottesreiches nichts anderes nennt, als „daß Gott zwischen den Völkern richte und den vielen Nationen entscheide", oder noch deutlicher gesprochen, daß nicht mehr durch die Gewalt, sondern nur durch das Recht die Beziehungen zwischen den Völkern geregelt werden dürfen. Schon die Beziehungen der einzelnen Menschen untereinander hängen zum guten Teile davon ab, ob und wie weit jeder bereit ist, seinem Eigennutz zu entsagen, um ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Der Eigennutz der Völker aber, r In der ursprünglichen Form eine Festpredigt für den zweiten Tag Rauschhaschono. 2 sacro egoismo (beim Eintritt Italiens in den Weltkrieg).