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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-09-01 · 17 (1.9.1930) · p. Seite 272

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
17 (1.9.1930)
Article
Weltkonferenz des liberalen Judentums - Professor Willstätter über die Juden in der modernen Welt
Date
1930-09-01
Page
Seite 272 (sequence 2)
Language
German
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272 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 'Oii. 17 Fortschritte erreicht. Nur in gewissen Wissenschaften arbeitet der einzelne von der Stelle aus weiter, wo seine Lehrer und Vorgänger aufgehört haben. Es ist das Schicksal des Naturforschers, auf die Schultern des Vordermannes zu steigen und darum weiterzuschauen als jener. Besonders in den exakten Wissenschaften türmt die Menschheit einen bleibenden und wachsenden Schatz von Erfahrungen und Erkenntnissen auf. Als ein zweites Gebiet sei das der Staatskunst und das der Rechtspflege genannt. Hier ist meine Auffassung vom Fortschritt in den Jahrtausenden zögernder, bescheidener. Es ist kaum zu sehen, daß die Leiter der Staaten aus der Geschichte genug gelernt haben, frühere Fehler und Torheiten in der Lenkung und Behandlung von Gruppen und Gemeinschaften zu vermeiden. Die Rechtssicherheit ist gewachsen, die Rechtspflege ist humaner geworden. Der erreichte Fortschritt besteht vor allem darin, daß ein immer größerer Teil der Menschheit in Freiheit ur.d Sicherheit und unter günstigen Lebensbedingungen existiert. Zu einem dritten Gebiet des geistigen Lebens sei das Größte zusammengefaßt: Religion, Philosophie, Ethik und Kunst. In diesem Gebiet scheinen mir große Zeiträume ohne wesentlichen Fortschritt zu verlaufen. Auf großen Gebieten geistigen Schaffens beginnt jeder einzelne für sich ganz von Anfang, zu denken und zu schaffen. Der Fortschritt wird nicht durch Zusammenarbeiten vieler, als Gemeinschaftsarbeit erzielt, sondern erst das Werk vereinzelter, genialer Führer. Die Entwicklung der Juden in der modernen Welt soll zur völligen Überwindung derjenigen Charaktereigenschaften führen, welche durch Abschließung und Ausschließung, Unterdrückung und Verfolgung, Unsicherheit und Zurücksetzung ausgeprägt werden mußten. Seit der Befreiung aus dem Ghetto ist der Anteil gewaltig gewachsen, den das Judentum zur Rechtspflege, zur Volkswohlfahrt, zur Kunst, zur Ethik beiträgt. Auf dem ersten der drei betrachteten Gebiete ist es eine starke Eigentümlichkeit der jüdischen Art, die den Juden zum erfolgreichen Teilnehmer an wissenschaftlicher Arbeit befähigt. Der Jude scheint mir in besonderem Maße ausgerüstet zu sein durch Vereinigung von Wirklichkeitssinn und Phantasie. Diese glückliche Verbindung bedingt wachsende erfolgreiche Beteiligung der Juden in den Wissenschaften. Auf dem zweiten Gebiete möchte ich eine Aufagbe für den modernen Juden hrausgreifen: das ist ausgleichende Vereinigung von Nationalismus und Internationalismus, von Vaterlandsliebe und Humanität; mit anderen Worten ist diese Aufgabe Förderung des Friedens. Der moderne Jude hat sich tausendfältig als guter Bürger seines Landes bewährt, als Patriot. Aber der Jude ist befähigt und bestimmt, der Übertreibung und Übersteigerung des nationalen Empfindens, dem Chauvinismus, entgegenzutreten und noch höher als den Staat das Menschentum zu stellen. Vielfach gilt das Wort Pazifist noch als Schimpfwort. Es gibt in der Welt, in der alten und in der neuen, sogar bei den Frauen, nur zu wenig Trauer und Reue über den Krieg. Friedensliebe und Arbeit am Frieden gehört zu den höchsten Ausgaben. Mögen die Juden sich vor allem dafür einsetzen, daß zwischen den divergierenden Interessen der Völker und Staaten gerechter Ausgleich gefunden, daß auf Erden Blutvergießen vermieden werde. Das dritte Gebiet des geistigen Lebens stellt dem fortschrittlichen Juden die größten Aufgaben. Den Völkern sind Religionen vor Jahrtausenden gegeben worden, in Zeiten primitiver Kulturen. In den Gegensätzen, die sich aus der kulturellen Entwicklung, den Fortschritten in naturwissenschaftlichem Erkennen und technischem Können auf der einen Seite, aus der Unveränderlichkeit der alten Überlieferungen anderseits ergeben, sind die schwierigsten Fragen für das Judentum, für seine zukünftige Entwicklung begründet. Der Zwiespalt, zwischen religiöser Geschichtstreue und der freien Entwicklung des Judentums unter den Bedingungen der Gegenwart bedarf der Überbrückung. Die Menschheit ist tief erfüllt von Sehnsucht nach Erhebung, Veredlung, nach Ewigkeitswerten. Möge es eine Mission der Juden sein, entgegenzuwirken der Überschätzung materieller Interessen und der Überschätzung des Sports und zu arbeiten an sittlichen Werten und Werken. Zur Überwindung der Gegensätze und Ländergrenzen und der Weltmeere bedarf es besserer Brücken und Verbindungen, als die Technik es zu erreichen vermag: suchen wir sie in Werken der Kunst und Wissenschaft, in Ethik,und Religion. Koigens und Margarete Sußmanns Ausführungen bewegten-sich in großen philosophischen und weltgeschichtlichen Jdeengängen. Herr Rabbiner Max Wiener in Berlin, selbst ein Teilnehmer der Konferenz, hat in der „Jüdischen Rundschau" (vom 22. August) die ernstesten kritischen Gedanken zu den philosophischen Perspektiven der Konferenz-Redner geäußert. Er vermißt in all diesen ideenreichen Systemen und Thesen die „Aktualisierung gegenwärtiger Religiosität", auf deutsch: er vermißt die Beziehungen dieser gedankenreichen Reden und Westanschauungsbekenntnisse zu dem lebendigen spezifischen Judentum unserer Tage. Diese liberalen Jdeengänge aus der Zeit von 1850 sind in der Tat eine ewige Drehung um die eigene Achse. Wiener weist auch mit Recht die fortdauernde Klage, „den homiletischen Pessimismus" über Gleichgültigkeit gegen geistige und ideelle Dinge zurück. Wir leben tatsächlich in einem heißen Konkurrenzkampf der Ideen; „und gerade eine ernste wahrhaftige, sachlich und dringend fragende Jugend wird von bestimmten dem Gehalt des Religiösen freilich oft tief widerstreitenden Gedankenkomplexen in solcher Totalität erfüllt, daß der Affekt und das Pathos dieser durchglühten Seelen in der Wucht der Interessiertheit sich kaum von religiöser Leidenschaft unterscheidet". „Nationalismus und Sozialismus sind solche Faktoren, die mit ihrer seelenausfüllenden Schlagkraft nicht als Ersatz, als Religionssurrogat, sondern als ebenbürtige Kräfte auftreten." Man bewegte sich in London in zu welt- und lebensfernen Abstraktionen und weltanschaulichen Definitionen und Maximen, die von einem philosophischen Lehrstuhl aus richtig sind, aber nicht von einem Forum von Persönlichkeiten ausgehen dürfen, die auf die Judenheit der Gegenwart wirken wollen, diese Judenhejt bewegen und ihr ein festes umrissenes Ziel zeigen wollen. Anläßlich der liberalen Weltkonferenz in London ist ein Hinweis auf das Buch nachzutragen, das zur letzten Weltkonferenz in Berlin herausgegeben wurde: „Festgabe für Claude Montes i o r e" (Philo-Verlag, Berlin). Unter den Mitarbeitern sind die bedeutendsten Köpfe und bekanntesten Rabbiner des deutschen liberalen Judentums wie Baeck, Dienemann, Elbogen, Freudenthal, Goldmann (Leipzig), Gottschalk, Lehmann, Levi (Mainz), Lewkowitz, Maybaum (Franksurt/Oder), Norden, Frau Ollendors, Salomonski, Samuel, Seligmann, Heinrich Stern, Vogelstein, Max Wiener u. a. Das Motto, das einer der Autoren (Justizrat Blau) seinem Beitrag voransetzt, lautet: ,juciaeu8 8um; Judaei nil a me alienum puto“. Mehrere Beiträge des Buches zeigen deutlich das Ringen nach positiveren Grundlagen im modernen jüdischen Liberalismus. Auftätze, wie die von Elbogen, von Lewkowitz, oder aber von Wiener und Maybaum, bedeuten eine Besinnung des liberalen Judentums auf seine „Wandlungen", was z. B. Lewkowitz so ausdrückt: „Nicht Anpassung an die Umwelt, sondern Betonung der jüdisch-religiösen Eigenart scheint mir jetzt die Aufgabe des Liberalismus zu sein", und Befreiung der religiösen Problematik aus ihrer Befangenheit in den rationalistischen Opportunismus des assimilatorischen Zeitalters. Schon allein der Aufsatz von Baeck, der an Hand einer Stelle des „Olenu"-Gebetes die jüdische Erlösungsidee — Mitwirkung des Menschen an der Erlösung — beleuchtet, lohnt die Bekanntschaft mit dem Buche. ]yUäoHiiertaO Eiectrolfl Columbia Odeon Grdmmopbon Parlopbon nsw. SCHRAMM sAlünchen Rosenstraße 5 Steinway & Sons Ibocb Feuricb Tübrmer Scöißdmayer nsw.

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