Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-09-01 · 17 (1.9.1930) · p. Seite 271

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
17 (1.9.1930)
Article
Eröffnung der Talmud-Thora-Hochschule in Lublin
Date
1930-09-01
Page
Seite 271 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2727810-2727900-2727917-2738583--06558-2738642
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 17 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 271 reichische Oberkommando für den östlichen Kriegsschauplatz. Heute ist das Lubliner Schloß ein Gefängnis, und zu seinen Füßen liegt eines der größten, malerischsten, aber auch ärmlichsten und schmutzigsten polnischen Ghettos. Wir messen 35° C im Schatten, aber aus einzelnen Häusern wird der Inhalt der Latrinen hier einfach auf die dichtbelebte Straße geworfen. Dabei hängen aus den Fenstern und Balkons schon Teppiche und Tücher als Festschmuck heraus und daneben prangen große Aufschriften: „Begrüßet die Gäste! Kommt alle zur Eröffnung der Schule der Weisheit! Die Thora kehrt an ihren Sitz zurück!" Die Armut unter den Ghettoeinwohnern ist groß. Wir fragen herum und stellen als allgemeine Meinung fest, daß ein Familienvater schon als gesicherte Existenz gilt, wenn er etwa 70—80 Mark im Monat verdient. Aber nicht alle sind so arm wie die große Mehrzahl. Wir werden bei einem der Stifter der neuen Hochschule untergebracht, der außer mehreren Fabriken ein großes Landgut mit 500 Hektar bestem Weizen- und Rübenboden, den ehemaligen Besitz eines russischen Generals, sein eigen nennt und uns dort aufs gastlichste ausnimmt. Seine Maschinen sind ganz moderne Typen aus Deutschland und Amerika, seine Wirtschaft ist ziemlich weit durchrationalisiert, aber dieser Großgrundbesitzer und vielfache Millionär trägt den langen Kaftan und die charakteristische Haar- und Barttracht des strenggläubigen Ostjuden: seine Bibliothek ist rein religiösen Inhalts und in seinem Arbeitszimmer hängt das altertümliche Porträt eines wundertätigen Rabbis in Gebettracht. Nur die weiblichen Angehörigen des Hauses zeigen alle westeuropäische Eleganz. Auf dem Rückweg vom Gute zur Stadt treffen wir schon Leiterwagen und Autobusse, angefüllt mit frommen Juden in Feiertagsgewändern, die zur Eröffnung der neuen Rabbinerhochschule fahren. Eigentlich ist es gar keine spezielle Ausbildungsanstalt für künftige Berufsrabbiner, da nur etwa ein Fünftel der Schüler voraussichtlich dieses Ziel erreichen wird. Studium des Talmud ist auch für den jungen Laien ein wohlgefälliges Werk. Rund 500 Hochschüler sollen sich hier ständig darauf konzentrieren. Jeder von ihnen wird, wenn er einmal als geeignet zur Ausnahme befunden wurde, umsonst in Kost und Logis genommen. Die Mittel zum Unterhalt, ebenso wie die zu dem Bau, fließen aus milden Gaben, die in der ganzen Welt, besonders in Amerika und in Polen selbst gesammelt werden. Auch die Schüler können aus aller Herren Länder kommen und sich ihre Vorbildung angeeignet haben, wo sie wollen. Sie müssen nur eine Aufnahmeprüfung bestehen, bei der sie allerdings u. a. mindestens 400 Seiten des Talmud auswendig zu können haben.... Unterrichtssprache ist das Jiddische, während der Talmud hebräisch und aramäisch geschrieben ist. Lehrgegenstand des ersten Jahrgangs wird ein Traktat sein, der die Pflichten des Priesters am Versöhnungstage vor der Tempelzerstörung behandelt. Etwa 10 000 aufgeregte, fromme Leute umdrängen das Gebäude der neuen Anstalt zur Eröffnungsstunde. Nur die Hälfte von ihnen kann die teueren Eirürittsplätze zur Feier bezahlen und wartet aus dem eigentlichen Festplatz — Männer und Frauen streng geschieden — in der Sonnenglut. Die andere Hälfte erfüllt die umliegenden Straßen und kämpft fanatisch mit den polnischen Polizisten um die besten Zuschauerplätze. Besonders wild wird das Gedränge, als der Wojewode, der kommandierende General und die Warschauer Ministerialvertreter erscheinen. Aber das ist noch gar nichts gegen die Momente, in denen endlich die großen Wunderrabbiner einzeln kommen. Unter ihren runden Nerzmützen oder Seidenhüten quellen die langen, weißen Schläfenlocken hervor, die großen Bärte umrahmen kluge, verfeinerte Gesichter; es sind ja Abkömmlinge ganzer Dynastien von Rabbinern, die ihre über halb Osteuropa verstreuten riesigen Anhängerschaften von ihren alten Residenzen in kleinen Städten Masowier.s und Podoliens her leiten. Schon ihre seidenen Gewänder zu berühren bringt Glück, ihre Hand zu ergreifen, ist einen Faustkampf wert, und ohne einen solchen hier auch nicht möglich. Die Technik der Seelensührung, die diese wie aus vergangenen Jahrhunderten ausgestiegenen Gestalten üben, hat nichts mit moderner Demagogie gemein. Während der Oberrabbiner der neuen Hochschule, dann der Wojewode und der Vertreter des Kultusministers wirkungsvolle Ansprachen durch den Lautsprecher halten, der auch alte religiöse Gesänge und Segenssprüche verbreitet, flüstern die Wunderrabbis ihre Worte fast unvernehmlich auf die Menge herab. Sie find es ja nur gewohnt, einigen auserwählten Zuhörern, die um einen Tisch herum sitzen, ihre Auslegungen von Schriftworten und ihre religiösen Ratschläge zu erklären. Aber das schon akustisch Unverständliche wirkt in diesem feierlichen Rahmen besonders geheimnisvoll und bedeutungsschwer. Während die Blechröllchen mit Bibelworten an die Türen des Hauses und seiner einzelnen Räume genagelt und von den Rabbinern eingesegnet werden, verlassen die Behördenvertreter die Feier. Hochrufe aus die leitenden polnischen Staatsmänner und auf Polen klingen ihnen noch nach. Die Darlehen der Staatsbank an die Chassidim sind nicht umsonst gegeben. Die Gläubigen, deren Lehrer hier in Talmudweisheit erzogen werden, werden, so schlecht es ihnen materiell gehen mag, niemals Revolutionäre werden. \WeUh0nferen3 des liberalen Judentums — Professor Millstätter über die Juden in der modernen Welt Am 19. Juli wurde in London die dritte Weltkonferenz des liberalen Judentums mit einem feierlichen Sabbat-Morgengottesdienst eröffnet. Am Abend fand ein großer öffentlicher Begrüßungsabend statt, bei dem der Präsident der Weltunion für liberales Judentum, Dr. Claude G. Montefiore, die Begrüßungsrede hielt. Es sprachen dann noch Dr. Ludwig Vogelstein (Neuyork), Rabbi L. Germain Levy (Union liberale Jsraelite), der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum, Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin) und ein Vertreter Hollands, Leoisohn. Rechtsanwalt Heinrich Stern führte in seiner Rede u. a. aus: „Auch wir deutschen Liberalen spüren die Problematik des heutigen liberalen Judentums sehr ernstlich. Die Zeit eines etwas zu engen Rationalismus ist bei uns durch das Suchen nach den seelischen Quellströmen religiösen Sehnens abgelöst, das zum Teil seine Befriedigung sucht in einem Neumystizismus, in einer Pflege der Form um der Form willen. Aber diesem nur allzu begreiflichen Irrationalismus wird immer das Hirn der Gemeinschaft, wird besonders die philosophische und historische Wissenschaft seine Grenzen setzen. Die wichtigste Aufgabe, deren Lösung wartet, die nur vom liberalen Judentum gefunden werden kann, ist der Ausgleich zwischen individueller Religiosität und dem Streben nach Erhaltung der religiösen Gemeinschaft. Die Reformbewegung des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland war die Reaktion des Individuums gegen Unterdrückung. Das Nationaljudentum in seinen geistigen Trägern sollte eine Schutzbewegung sein gegen die Auflösung der Gemeinschaft in eine Vielheit von Individuen. Wir 'deutschen liberalen Juden, denen das Ziel des Universalismus heilig bleibt, möchten den nationalen Weg nicht gehen, selbst nicht um den Preis schnellerer oder auch nur sichtbarerer Gestaltung der Gemeinschaft. Einen Weg des Ausgleichs zu finden zwischen der individuellen Frömmigkeit, zwischen dem religiösen Sehnen unserer Generation und dem Gedanken des K'lal der Religion, wie sie geschichtlich geworden, Brücke ist zwischen den Generationen — dieser Ausgleich scheint Tausenden der Besten von uns, den Suchenden, die wichtigste, aber unendlich schwierige Aufgabe des liberalen Judentums." Über das darauf folgende Referat von Prof. Dr. DavidKoigen „Die Idee Gottes im Lichte des modernen Denkens" und über die Entgegnung von Margarete Susmann kann nicht in einem abgekürzten Auszug berichtet werden. Dagegen soll hier der wesentliche Inhalt der Ansprache unseres Münchener Gemeindemitgliedss, des Nobelpreisträgers für Chemie, Prof. Dr. Willstätters, Platz finden: Erst in der modernen Welt ist den Juden die Möglichkeit geworden, am geistigen Fortschritt der Menschheit voll mitzuwirken, in manchen Staaten gleichberechtigt mit Nichtjuden, in anderen noch gehemmt durch Gegenströmungen. Von den Gebieten der kulturellen Entwicklung seien drei betrachtet, auf denen dem Judentum gemäß seiner geistigen Struktur ein bedeutender Anteil zufällt. Das erste Gebiet ist das der Wissenschaften, namentlich der Naturwissenschaften und ihrer Anwendungen: Medizin und Technik. Nur hier haben die Menschen in den letzten Jahrtausenden sichere, große

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.