Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 16 (15.8.1930)
- Article
- Bausteine praktischer Pädagogik
- Date
- 1930-08-15
- Page
- Seite 257 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 257 den „die Frohnatur und Lust am Gestalten als einer der menschlichen Urtriebe treibt". II. Die Freude als Bildungsziel muß sich entschieden vom Intellektualismus freimachen. Was müssen wir im Kinde wecken, stärken, entfalten? „Gestalten wir die Schule zu einer Gemeinschaft der Freudigen!" So schließtder Verfasser seine fein durchdachte Abhandlung, die aus dem Leben erwachsen ist und dem Leben wieder dienen soll — und es ist eine befriedigende Arbeit, sich mit diesen Ideen auseinanderzusetzen: Hier flutet reiches selbständiges Können und Schaffen, das jeder in seiner Art mit geistigem Inhalt, mit Lebensanschauung und Lebensbetätigung erfüllen kann und muß — sehe jeder, wie ers treibe. Es ist unmöglich, im Rahmen einer solchen Betrachtung alles und alle im . einzelnen kritisch zu würdigen. Jede Arbeit mit ihren Problemen sollte selbständig zur Diskussion gestellt werden: „Über die Philosophie als Ünterrichtsgegenstand" schreibt Prof. Dr. M. Levy anziehend, theoretisch und praktisch gleich gut zu dem Ziele, daß der Schüler lernt seinen Geistesflug zu zügeln, vorsichtig an die großen Probleme des menschlichen Denkens heranzugehen, Liebe, Ehrfurcht dem Denken der Forscher entgegenzubringen. Die weiteren Aufsätze: „Wie die Frauenschule des Philanthropins zur sozialen Arbeit erzieht" von Dr. Max Selig (Eine Frage: Warum berichtet darüber nicht eine Frau? Wir vermissen auch sonst hier die Mitarbeit von Frauen!), „Wirtschaftswissenschaftlicher Unterricht" von Pros. Dr. Eugen Stern, „Zum Bildungswert einer Studienfahrt" von Dr. Max Salomon, „Was die Studienfahrt uns gab?" Einige Obersekundaner (sieben Schüler, eine Schülerin der Anstalt!), „Über Kunsterziehung am Philanthropin" von P. Wilhelm Maurer, behandeln Probleme der allgemeinen Erziehungs¬ und Unterrichtswissenschaft in modernem Geiste und mit hohem Niveau — wie es ebensogut und in gleicher Qualität an der Musterschule oder an einer anderen höheren Lehranstalt geschehen soll, um dem Gedanken von Heimat und Menschheit zu dienen. Wie dient das Philanthropin dem mittleren des Dreigestirns: dem Glauben? Dem aufmerksamen Leser entgeht es nicht, daß schon in den bisher erwähnten Abhandlungen daraus vielfach Antwort erteilt wird; wir haben schon erwähnt, daß das Dreigestirn notwendig eine innere Harmonie bildet undbilden muß und einander gedanklich und praktisch befruchtet. Dieser inneren Geschlossenheit dient das Gestirn „Glaube", wenn im Philanthropin die griechische und römische Religion im Unterricht eigens behandelt werden (Dr. Ernst Marbach). Da ergeben sich von der Peripherie aus Beziehungen zu den Fragen des Judentums, allerdings im Geiste der Gesamtauffassung und der Absicht der Anstalt: dem Bildungsziel eines deutschen Reform-Realgymnasiums zu dienen, das die eigenen religiösen Interessen unter weitestgehendem menschlichen und wissenschaftlichen Verständnis für fremdes Gut zu pflegen und zu erklären unternimmt. Hierin besteht natürlich die Gefahr und die — Größe der Aufgabe für die Anstalt einer jüdischen Gemeinschaft, und es wird Antwort auf die Frage gefordert: Kommt der jüdische Gedanke zu seinem Rechte? Die weiteren Aussätze, die noch zu erwähnen sind, führen in diese Frage hinein: „Künstlerische Gestaltung der geschichtlichen Teile des jüdischen Religionsunterrichtes". Von Dr. Henry Philipps. „Die hebräische Grammatik als Stütze grammatisch-logischer Ausbildung am Philanthropin." Von I. B. Levy. „Zur Geschichte der jüdischen Jugendliteratur." Von E. Gut. Auch hier kommt der Gedanke zum Ausdruck, durch Freude am Unterricht die Atmosphäre für eine nachhaltige Erziehungsarbeit zu schaffen. Die Dramatisierung historischer Stoffe — und ein Beispiel: „Salomo Molcho an der Tiberbrücke zu Rom" wird dargeboten — gilt mit Recht als zweckdienlich und soll etwas von dem Hauche verspüren lassen jener schlichten Größe, welcher über den Erzählungen aus der jüdischen Heldenzeit liegt, von dem Geheimnis des religiösen Genius, der in den Worten und Taten prophetischer Persönlichkeiten Gestalt gewonnen hat und von der Inbrunst gottsuchender Seelen, wie sie im jüdischen Gebet sich verkörpert. Auf daß nicht nur ästhetisch-religiöse Anregung gegeben werde, sucht das hebräische Sprachstudium an der Anstalt neben seinem Selbstzweck heute bewußt und methodisch als Stütze grammatischlogischer, ästhetischer und etymologischer, sprachgeschichtlicher und literarisch-kultureller Schulung zu dienen. Freilich glauben wir, daß es dem Geiste direkter Methode, die an anderer Stelle mit Recht sehr geschätzt wird, mehr entsprechen würde, mehr vom lebendigen Hebräisch auszugehen und anderseits sind wir der Anschauung, daß insbesondere da, wo das Haus wenig oder gar keine jüdisch-religiösen Werte bietet, eine jüdische Gemeindeanstalt dafür um so konkreter vorzugehen hat, um solche Werte in der jüdischen Seele zu wecken und zu schaffen. Und dazu gehört auch die Pflege des jüdischen und hebräischen Jugendbuches, über das E. Gut historisch und praktisch unterrichtet, als einer bedeutungsvollen Bewegung und Aufgabe, die einmal vom Philanthropin ihren Ausgangspunkt genommen hat und von da aus weitere lebendige Förderung erfährt. So haben sich uns in dieser Arbeit des Philanthropins eine Fülle von Problemen gezeigt und die Versuche ihrer Herr zu werden. Harmonisch gestaltet, modern gedacht und gepflegt, getragen von einer ragenden Idee! Es lohnt, sich damit auseinanderzusetzen unter dem Gesichtspunkte der Sorge für die jüdische Gemeinschaft der Zukunft, in deren Dienst die Anstalt steht. Inzwischen ist im Rahmen der „Frankfurter Lebensbilder" (herausgegeben, von der Historischen Kommission der Stadt Frankfurt am Main) als Fortsetzung und Ergänzung jener Jubiläumsschriften erschienen: A. Gallinger, Sigismund Stern, der Reformator und der Pädagoge. Zunächst wird der Lebensweg Sterns gezeichnet, dann wird er als Literat und Sprachforscher, als religiöser Reformator, als Politiker und Geschichtsschreiber, als Pädagoge dargestellt. Zusammenfassend finden wir weiter Sterns geistige Entwicklung und seine Persönlichkeit charakterisiert. Es ist schade, daß wir aus Raummangel nicht in der Lage sind, eine eingehende Würdigung dieser Abhandlung zu geben. Man mag sich zu dem Standpunkte Sterns stellen, wie man will, so muß man anerkennen, daß er eine bedeutende Persönlichkeit war — und ein Kind seiner Zeit mit ihrer Einstellung zu den religiösen Fragen. Stern tritt z. B. warm für eine jüdische preußische Landeskirche ein neben den beiden christlichen; er ist der Begründer der Sonntagsgsmeinde in Berlin. Man spürte damals nicht, daß damit das Judentum ausgehählt und daß die nächste Generation das Judentum verlassen werde. Galliners Arbeit ist eine ausgezeichnet wissenschaftliche Abhandlung, die peinlich gewissenhaft und mit Akribie durchgeführt ist. Sie gewährt uns eine gute Orientierung über die jüdische Situation zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts. Dr. I. Bamberger (Nürnberg). vas Schulwesen in vayern Unter diesem Titel hat seoben das Bayerische Statistische Landesamt (Herausgeber Präsident Dr. Zahn) ein Werk veröffentlicht, das auf Grund der in den Schuljahren 1922 und 1926/27 für das niedere und höhere Schulwesen durchgesührten Erhebungen und der lausenden Hochschulstatistik ein Gesamtbild über das bayerische Unterrichtswesen bietet. Es ist erschienen als Heft 118 der Beiträge zur Statistik Bayerns (Verlag I. Lindauer, München. 4 RM.). . Der erste Teil behandelt die Volksschulen, Berufsfortbildungsschulen, Fachschulen, höhere Unterrichtsschulen und Erziehungsschulen. Dabei erfährt man u. a. von der Verbreitung der verschiedenen Schularten in Stadt und Land, der Art und Umfang der Einrichtungen zur Förderung des Unterrichts, der Gesundheits- und Wohlfahrtspflege in der Schule, dem Lehrkörper, dem Besuch der Schulen und bei den höheren Unterrichtsanstalten auch von dem Lernerfolg. Den Schluß bilden Ausführungen über die finanziellen Aufwendungen für Unterrichtszwecke. Die Hochschulstatistik, die über den Rahmen der Deutschen Hochschulstatistik wesentlich hinausgeht, bringt in ausführlicher textlicher Bearbeitung umfassendes Material über die Dozenten und Studierenden der Hochschulen, die Hörgeldbefreiungen und das Stipsndienwesen. Der Hauplleil handelt von der Hochschulstudentenschaft, die nach natürlichen, sozialen und wirtschaftlichen Merkmalen ausgegliedert ist, sowie vom Studienerfolg, soweit er in den Prüsungsergebnissen zum Ausdruck kommt. Wichtig ist, daß fast bei allen Fragen auf die Entwicklung gegenüber der Vorkriegszeit eingegangen wird.