Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 16 (15.8.1930)
- Article
- Wilhelm Meister in Unterprima
- Date
- 1930-08-15
- Page
- Seite 256 (sequence 2)
- Language
- German
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256 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 Nämlich diese: ein freier Liebesbund, dem zur vollen Sittlichkeit die eheliche Bestätigung der Religion oder des Staates fehlt, kann doch sittlicher sein als eine legale Ehe, die etwa vorwiegend aus geldlichen Rücksichten geschlossen wurde. Daraus folgt, daß wir zwar für uns die volle Sittlichkeit, die moralische und die legale, anzustreben haben, in der Beurteilung anderer aber höchste Vorsicht walten lassen müssen, da das innere Verhältnis dieser beiden gleich notwendigen Bestandteile von außen her fast niemals zu erkennen ist. Ich schloß mit dem Abiturientenwunsch eines früheren Lehrers, der mir einst großen Eindruck gemacht hatte und auch diesmal nicht ohne sichtliche Wirkung blieb: „Habt ein weites Herz und ein enges Gewissen!" vausteine praktischer Pädagogik 125 jsahre Phiianthropin Frankfurt a. (1) Das Philanlhropin, Zeitschrift: Herausgegeben von ehemaligen Schülern und Schülerinnen des Philanthropins für alle Freunde der Anstalt. (1. Jahrgang, Nr. 3 und 4.) Iubiläumsnummer 1804 bis 1929. Diese Nummer der Zeitschrift Philanthropin bringt zu Beginn einen Ausschnitt aus dem Aufruf („Prospectus") zur Gründung des Philanthropins im Mai 1804. Darnach war die Anstalt von ihrem Gründer Siegmund Geisenheimsr, der den Aufruf erlassen hat, gedacht als eine parallele Unternehmung neben den milden Stiftungen zum moralischen und sittlichen Wohl, und zwar der Kinder aller Konfessionen. Die geschichtliche Entwicklung der Anstalt bis zur Gegenwart zeigt aber, daß sie in diesem Rahmen nicht stecken blieb; heute umfaßt die Anstalt Kinder aus allen Kreisen und Schichten der jüdischen Bevölkerung. Und auch der nächste Beitrag: Ein Blick in die erste pädagogische Programmschrift des Philanthropins" (1807) wurzelt in den Erziehungstendenzen des Zeitalters Pestalozzis, zuerst Menschen und dann Bürger zu erziehen. Die Anstalt ist auch darin dem Wandel der Zeiten gefolgt und schenkt in ausgedehntem Maße vor allem dem sozialen Problem größte Beachtung. Noch mehr zeigt dann die Abhandlung: Goethe und Molitor (1808 bis 1813), die schon früh einsetzende geistige Weiterentwicklung der Gedanken Pestalozzis durch Molitor, Inspektor und Oberlehrer (mit Dr. Michael Heß 1807—28) am Philanchropin. Eine markante Persönlichkeit wird uns in Dr. Michael Heß, Direktor von 1806—55 vorgeführt, der mit seinen Mitarbeitern, besonders Michael Creizenach, der Anstalt ihr eigentliches Gepräge gegeben hat: Ablehnung jedes Sonderzieles, auch in religiöser Hinsicht, gerade dort zuerst zugunsten der Menschlichkeit als Ausgangspunkt und Endziel. Im gleichen Sinne wirkte der Nachfolger Dr. Sigismund Stern seit 1855—1867. Die Fortsetzung der Geschichte der Anstalt erfahren wir aus einem Beitrage eines ehemaligen „Schülers" der Anstalt: „Aus meiner Schulzeit" (1857—1865) von A. Lichtenstein (Mannheim), der neben Max Rothbarth zu den ältesten Philanthropinern gehört; besonders hervorzuheben ist die launige Charakterisierung der damaligen Lehrer der Anstalt und bezeichnend ist auch der Satz: „Die Fremdsprachen (hebräisch) waren durch Herrn Weil vertreten." Mehr in die Neuzeit der Anstalt führt uns der Beitrag von Bertrand Hamburg in Berlin, der neben interessanten Schilderungen der Zustände jener Zeiten in Deutschland uns Dr. Jacob Auerbach, Teblee u. a. schildert (1868—1899). Dem Gedächtnisse Värwalüs und Salo Adlers find die nachfolgenden Beiträge gewidmet. In dem Abschnitt: „Gegenwart" werden uns in Wort und Bild „Köpfe" der gegenwärtigen Anstalt vorgeführt, die jetzt ein Reformrealgymnasium, ein Lyzeum und eine Frauenschule öffentlichen Charakters umfaßt. Stadtrat Anton Horkheimer, Justizrat Dr. I. Blau, Heinrich Emden, Ehrenbürger der Universität, und Dr. Richard Merzbach in ihrer Eigenschaft als Vertreter der Gemeinde im Kuratorium. Im weiteren haben dann ehemalige Schüler der Anstalt aus ihrem Lebenskreise sehr interessante Beiträge angefügt. Es folgt: Zehn Jahre Weimar. Rede, gehalten am 20. August 1929 aus Anlaß des Verfassungstages von Studiendirektor Dr. O. D r i e s e n (seit 1921), dessen Bildnis vorangestellt ist. Den Schluß des Heftes bildet ein Aufsatz: Zur Zukunft der Großstadtschule: „Von der City ins Freie —" und „Der Neubau des Schülerheims" von Dipl.-Jng. und Architekt Willy Cahn. Eine Reihe von prachtvollen Aufnahmen aus dem Leben der Anstaltsschulen bilden die wirkungsvolle Schlußumrahmung. Gewährt uns diese Jubiläumsnummer in der Hauptsache einen Überblick über den äußeren Ablauf der geschichtlichen Entwicklung der Anstalt, so gibt uns das Heft: Bau st eine praktischer Pädagogik, 125 Jahre Philanthropin, mit seinem reichen und interessanten Inhalt einen Einblick in die Geistigkeit d e r A n st a l t. „Wir aber geben hier nur Gegenwart, zukunfterfüllte Gegenwart!" „... Innerhalb unseres Lebensgrundstücks sammeln und behauen wir die Steine zur bescheidenen Mitarbeit an dem großen, weiten, lichten Bau der praktischen deutschen Pädagogik der Gegenwart und Zukunft!" So charakterisiert Otto Driesen, der jetzige Leiter der Anstalt, der sie neu organisiert und erweitert hat, den Sinn der Arbeit in der Anstalt, „über deren hochragenden Turm ... das Dreigestirn leuchten und uns erleuchten und führen möge: Heimat, Glaube, Menschheit!" In zwölf Arbeiten wird ein kleiner Ausschnitt aus dem pädagogischen Leben des Philanthropins dieser Zeit, gesehen mit den Augen des Jubiläumsjahres 1929, gegeben, beschränkt auf das mehr oder weniger zufällig gerade Vorliegende oder Mögliche. Wir dürfen also diese Arbeiten nicht zu scheiden versuchen unter dem Gesichtspunkt jenes Dreigestirns: Heimat, Glaube und Menschheit. Zum mindesten sind nicht für jedes „Gestirn" entsprechende Arbeiten geboten und außerdem fließen die Grenzen. Die Aufsätze des einen Gebietes dienen ebenso dem anderen und darin liegt ihr Vorzug; sie hängen in innergeistiger Harmonie zusammen und man kann sofort feststellen, daß die Arbeit in der Ansüilt beherrscht ist von dieser einheitlichen Eedankenführung, die aus einem Guß fließt. Den Reigen eröffnet der Leiter des ganzen Schulwesens des Philanthropins, Studiendirektor Dr. Driesen, mit einer Studie: „E r z i ehung zur Freude als sittlicher Grundhaltung." Nach einer historischen Einleitung, die den persönlichen und literarischen Ursprung dieses Gedankens dartut, wird I. die Freude als Vildungsmitkel gezeigt — in der Hand des pädagogischen Künstlers, r 'S'W» <i^-/ I—> lg; 'KSS7Hg; 1—; k> HAUS DER QUALITÄT-SST OFFE 1 | N. STARK & Cie. | 1 MÜNCHEN NÜRNBERG j LUITPOLDSTRASSE II ’j J | KARLSPLATZ 5