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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-08-15 · 16 (15.8.1930) · p. Seite 255

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
16 (15.8.1930)
Article
Aus der Jugendzeit Simon Dingfelders s. A.
Date
1930-08-15
Page
Seite 255 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 255 erkannt. In jeder Weise förderte der feine, warmfühlende Lehrer den Heranwachsenden Knaben und zeigte sich auch der Mutter Dingfelder in den harten Witwenjahren als wohlwollender Freund. Unser Dingfelder hat diesem Manne zeitlebens dankbare Verehrung geweiht und ihm im Kalender des bayerischen Lehrervereins 1911 ein Lebensbild gewidmet, das von unauslöschlicher Liebe und Dankbarkeit gezeichnet war. Auch unser Religonslehrer, der verstorbene Distriktsrabbiner Löb Wißmann (Schwabach) s. Ä. schätzte den Seminaristen Dingfelder, den er bereits seit dessen sechstem Lebensjahr in den Religionsfächern unterrichtet hatte, als einen lieben Schüler, obwohl Dingfelder im Hebräischen nicht über jenes Können verfügte, das der streng orthodoxe Rabbiner als unbedingte Voraussetzung für einen jüdischen Lehrer machte. Bei zwei Wochenstunden für Religion und bei der „Fülle von Unterrichtsstoff in allen Disziplinen" konnte ja wohl nicht mehr erreicht werden. Das rechnete der allzeit gütige, wohlwollende Rabbiner Wißmann sowohl Dingfelder als auch den anderen jüdischen Seminaristen zugute, wie er es diesem auch nicht nachtrug, daß er aus seiner schon damals bekundeten freieren religiösen Einstellung kein Hehl machte. Nach Absolvierung des Schullehrerseminars im August 1888 führte uns unser Lebensweg auseinander. Ein loser Briefwechsel, dem vor allem schon in jungen Jahren sein Fühlen und Wollen, sein Kämpfen und sein Eintreten für die Bestrebungen und Ziele des Israelitischen Lehrervereins von Jahr zu Jahr deutlicher zu entnehmen war, hielt unsere Freundschaftsbeziehungen aufrecht. Als ich mit meiner Anstellung im rechtsrheinischen Bayern im Jahre 1898 selbst dem Israelitischen Lehreroerein für Bayern als Mitglied beitrat, stand mein Freund Dingfelder (damals Lehrer in Ansbach) bereits in den vorderen Reihen des Vereins, dessen Hebung und Förderung eine seiner Lebensaufgaben bildete-; fein Name hatte schon damals in jüdischen Lehrerkreisen einen guten Klang. Wie sehr auch unsere Mitschüler, zu denen die Beziehungen naturgemäß lockerer geworden waren, ihren „Simon" schätzten und seine hervorragenden Fähigkeiten in guter Erinnerung behalten hatten, mag die Tatsache beweisen, daß sie ihn anläßlich unseres fünfundzwanzigzährigen Seminar-Austrittsjubiläums 1913 bei dem Festakte im großen Musiksaale des Seminars zu Schwabach zu ihrem Festredner bestimmten. Dingfelder hat die ihm übertragene ehrenvolle Aufgabe in geradezu glänzender Weise gelöst. Die inzwischen zu reifen Männern gewordenen Jünglinge von einst spendeten ihm in begeisterten Worten Dank und Anerkennung. Für den vierzigjährigen Gedenktag unserer Entlassung aus dem Seminar im August 1928 war wiederum ein Festakt vorgesehen und Dingfelder in Aussicht genommen. Der plötzliche Tod unseres lieben Freundes am 29. Mai 1928 machte durch diese Pläne einen grausamen Strich. Als der festliche Tag am 30. August 1928 begangen wurde, durchzog die Worte und Reden aller Teilnehmer die tiefe Trauer über den frühen Heimgang des lieben Kollegen, der in der Erinnerung aller stets fortleben wird. Wilhelm Meister in Unterprima Von Ernst Simon In einem der letzten Hefte der „Zeitschrift für Deutschkunde" (44. Jahrgang, Heft 3) gibt unser Mitarbeiter, Ernst Simon, der allen Lesern der „Gemeindezeitung" wohl bekannte Schulmann, einen Bericht über einen Unterricht, den er in der Unterprima (8. Klasse) der Liebig-Oberrealschule in Frankfurt a. M. erteilt hat. Ob überhaupt Goethes „Wilhelm Meister" nach Unterprima gehört, will Simon durch sein Unterrichtsbeispiel weder bejahen noch verneinen. Bei seiner Klasse handelte es sich nämlich nicht um Schüler aus solchen Elternhäusern, in denen der Besuch einer höheren Schule als etwas Besonderes und Ungewohntes gilt. Vielmehr fand Simon eine ziemlich entwickelte Bildung der jungen Leute, sogar einen gewissen Hochmut gegenüber anderen Klassen vor. Dadurch wurde in der Klasse eine Fülle von Anregungen an den Lehrer herangebracht, dessen Aufgabe fast stärker darin bestand, Gedanken zu lenken und zu formen, als solche zu wecken. Wir drucken hier mit Erlaubnis des Verfassers aus den fünf vorgeführten, sehr instruktiven Beispielen (Das Problem des Theaters — Mignon und der Harfner — Das Problem des Berufes, der Vorsehung und der Sittlichkeit) das Beispiel über das Problem der Sittlichkeit ab. Das Problem der Sittlichkeit (Wilhelm Meisters Charakter). Diese Erörterung wurde nicht vom Lehrer angeregt, sondern von mehreren Schülern sehr entschieden verlangt. Sie wollten Klarheit darüber gewinnen, wieso es Wilhelm Meister — und damit auch Goethe! — erlaubt sein solle, ein Leben zu führen, das ihnen selbst als „unsittlich" bezeichnet werden würde, wenn sie es nachmachten, während doch Meister und Goethe andererseits als Vorbilder aufgestellt werden. Es wäre wohl falsch gewesen, sich dieser Erörterung zu entziehen, doch barg sie bedeutende Schwierigkeiten. Es bestand einmal die Gefahr, dem etwas philiströsen sittlichen Urteil des Primaners, dessen Tugend großenteils die Tugend vor der Versuchung ist, nicht die nach dem Siege, das Recht zu geben, mit seinen Etikettierungen leidenschaftliche Kämpfe zu zensieren. Auf der anderen Seite bestand die vielleicht noch größere Gefahr, durch eine zu weitgehende Verteidigung Meisters und Goethes die jungen Menschen in ihrem sittlichen Gefühl zu schwächen und sie in den Anfechtungen ihres Alters allein zu lassen. Um beiden zu entgehen, wurde diese Stunde weniger als sonst in der Weise des Arbeitsunterrichtes ausgestaltet: der Lehrer hielt es für richtig, diesmal den Faden möglichst fest in der Hand zu behalten. Zunächst wurde der Blick aus die eigentümliche Sittlichkeit Wilhelm Meisters gelenkt, die sich in seiner Absicht kundgibt, Marianne zu heiraten. Er fühlt doch wohl, längst ehe er von ihrem Betrug erfährt, daß sie, wie man es bürgerlich ausdrückt, „eine Vergangenheit hat"; er weih zum mindesten, daß sie aus einer anderen, ungefestigteren und leichteren Welt kommt, die ja damals noch viel stärkeren Vorurteilen unterworfen war als selbst heute noch. Trotzdem will er sie zur Frau. Nichts ist in ihm von jener „doppelten Moral", die die Gesinnung des Klassenstaates auf das Geschlechtliche überträgt und dem Weibe verbietet, was sie dem Manne augenzwinkernd erlaubt. Und diese Sittlichkeit war auch in Goethe selbst, der sie betätigte, als er Christiane Vulpius heiratete, nicht obwohl, sondern weil Jahre eines freien Liebesbundes zwischen beiden vorangegangen waren. Dann wurde, immer durch Widersprüche und Fragen der Schüler unterbrochen und jede Unterbrechung gewährend, wenn auch abkürzend, Wilhelm Meisters mutiger Widerstand gegen Philines Lockungen erörtert, auch die traumhaft flüchtige Liebesnacht, für deren Partnerin Hermann Grimm Mignon, die meisten Forscher aber Philine halten, nicht unerwähnt gelassen und schließlich darauf Wert gelegt, daß Goethe doch seine gewaltigen Leidenschaften immer wieder in den Kerker eigener mißbilligter Gestalten gesperrt hat — die Schüler nannten Weisungen zum Beleg — und daß er sich vor allem, sowohl im Werther wie in den Wahlverwandtschaften, für die Legalität der Ehe entschied. Als Vorbild wurde zuletzt nicht der kämpfende, wohl aber der siegende Goethe angesprochen, dessen Werk und Leben niemals von einem Wegpunkte her endgültig zu fassen, sondern durch die Rückschau von der Höhe der Vollendung her zu begreifen ist. Diese Darstellung genügte nicht ganz. Einer der Schüler brachte z. B. folgenden Einwand: Ihm sei das bekannte Bild, das Goethe und Beethoven auf der Karlsbader Kurpromenade zeigt, jenen vor den Fürstlichkeiten dienernd, diesen im stolzen Weiterschreiten, jüngst im Deutschunterricht dahin erläutert worden, daß Goethe eben die bestehende Staatsmacht als sittliche Einrichtung anerkenne und ihr deshalb auch die äußeren Zeichen der Ehre nicht versage. Wenn dem so sei, so hätte er auch im eigenen Leben die Verpflichtung gehabt, z. B. die Ehe, ohne die der Staat nicht zu denken ist, bei anderen nicht zu verletzen und für sich selbst durch die Tat anzuerkennen. Ich ließ diesen Einwurf gelten und gab zu, daß für den sozial und religiös Denkenden, als den mich selbst zu bekennen in diesem Augenblick richtig schien, Goethes Verhalten hierin nicht vorbildlich sei. Doch war auch hier, immer in Scheu vor dem Kleinlich- Philiströsen, eine Einschränkung und Warnung noch angebracht.

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