Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 16 (15.8.1930)
- Article
- Bindung und Freiheit
- Date
- 1930-08-15
- Page
- Seite 252 (sequence 2)
- Language
- German
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252 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 ruft, um es vor Verbildungen und Verkrümmungen zu behüten." Diese Sätze von Jonas Cohn besagen dasselbe, was einmal Georg Simmel in seinem Tagebuch schreibt: „Der Erzieher hat bei jedem Akte seiner Tätigkeit zwei entgegengesetzten Tendenzen zu dienen, dem Befreien und Binden." Zu diesem Standpunkte bekennen sich letzten Endes die führenden Geister der zeitgenössischen Pädagogik. Und wenn Kerschenfteiner, Litt, Spranger verlangen, daß der Weg der heutigen Erziehung nicht weiter in den Bahnen fortschreitender Individualisierung gehen darf, daß er vielmehr zur Bindung an überpersönliche Werte fortschreiten muß, so meinen sie dem Sinne nach dasselbe, was unsere Weisen zu II. B. M. 32, 16 nnbn by nnn xin "Sx anoo anuom bemerken: nnn xSx nnn npn bx Lies nicht choruth („eingegraben"), sondern cheruth („Freiheit"). Nur wer in dem göttlichen Gesetze lebt, ist frei. Nicht wer tun kann, was er will, ist frei, sondern wer wollen kann, was er soll. „Um frei zu sein, muß Gotteswillen das Menschenherz durchdringen, wie die Gottesschrift die Steintafel." In unserer Zeit herrscht aber ein verhängnisvoller Mangel an Ehrfurcht vor der Forderung des Objektivismus und besonders vor dem Gehalt historischer Objektivität. Wir Juden haben ein Wort, eS steht in Aboth VI, 6; das sagt uns klar und deutlich, was wir unter Ehrfurcht vor historischer Objektivität zu verstehen haben. Es heißt: Emunoth chachomim, Vertrauen zu den Weisen gehört zu den hervorragendsten Mitteln, um die Thora zu erwerben, die Treue der Tradition zu erreichen. Wer keine Achtung vor den Eltern, vor den Lehrern besitzt, dem fehlt die wichtigste Vorbedingung für das Vertrauen zu den großen Männern in Israel, dem fehlt die erste Voraussetzung für den Glauben an die Wahrheit unserer heiligen Überlieferung. Emunoth chachomim, die Ehrfurcht vor der Forderung des Objektivismus zu wecken und zu stärken — ist deshalb im Interesse der Erhaltung unseres heiligen Erbgutes im Elend unserer zerklüfteten Zeit eine der vornehmsten Aufgaben des jüdischen Lehrers und Erziehers, weil nur die sieghafte Kraft, die den Tag überwindet und den Blick auf hohe Geisteswerte lenkt, vor dem Versinken in den bloßen Aufgaben des Tages und des Nutzens bewahren. Mit solchen Gedankengängen befinden wir uns dabei in Übereinstimmung mit den hervorragendsten pädagogischen Denkern der Gegenwart, die sich besorgt der ungehemmten Weiterentwicklung individualistischer Bestrebungen entgegenftemmen, nicht etwa zu dem Zwecke, den wirklichen Fortschritt in der pädagogischen Bewegung rückgängig zu machen, sondern durch den Ruf zur Besinnung und Einkehr vor Enttäuschungen und Scheinerfolgen zu bewahren und das Aufftellen von Forderungen zu verhüten, die geeignet sind, eine Atmosphäre der Unredlichkeit zu erzeugen, in der echte Früchte der Erziehung nicht gedeihen können. Bindung und Freiheit ist ein alter jüdischer Erziehungsgedanke in moderner Fassung. Halten wir es darin mit Theodor Litt, nach dem der pädagogischen Weisheit letzter Schluß ist: „In verantwortungsbewußtem Führen niemals das Recht vergessen, das dem aus eigenem Grunde wachsenden Leben zufteht — in ehrfürchtiggeduldigem Wachsen niemals die Pflicht vergessen, in der der Sinn erzieherischen Tuns sich gründet." Erinnerungen aus präparanden- und Seminarzeit Von Hauptlehrer A. Strauß (Uffenheim) Im Keller. Es war um die Mittagszeit des 24. Juli 1866, als meine Mutter, mich an der Hand führend, aus der Halle des alten Bahnhofs in Würzburg trat, dem letzten Ziele unserer Reise, Höchberg, zuzustreben. Dort selbst sollte der Onkel, Rabbiner Lazarus Ottensosser, Vorstand der Präparandenschule, genannt „Reb Loser" oder „Rebbe", besucht werden. Wir hatten aber kaum die Straßen der Stadt beschritten, da hallte uns der Schreckensruf entgegen: „Die Preußen kommen!" Aufgeregte Menschen liefen wie ein aufgescheuckster Bienenschwarm wild durcheinander, kleinere Trupps bewaffneter Soldaten zogen eiligst vorüber, die Kaufläden waren oder wurden geschlossen. Mir, dem achtjährigen Knaben, waren die selssamen Vorgänge unverständlich. Ich weinte aber, als das angsterfüllte Gesicht der zitternden Mutter den Ernst der Situation ahnen ließ. An die Fortsetzung unserer Reise war nicht zu denken; denn die Stadt war, wie einst Jericho, „geschlossen und versperrt, niemand konnte heraus noch herein". Nach längerem Herumirren fanden wir in der Augustinergasse bei einer Familie Wolfing notdürftig Unterkunft. Nach sehr unruhigen Tagen begann am 27. Juli die Beschießung der Stadt und Festung. Wir flüchteten mit der Familie in den Hauskeller und verbrachten dortselbst qualvolle Stunden, aus der uns erst die „Kapitulation" befreite. Zwei Tage später konnten wir durch das wieder offene Zeller Festungstor die Stadt verlassen und kamen unbehelligt bei dem um uns besorgten Onkel in Höchberg an. Während dieses achttägigen Besuches fielen die Würfel meines Lebensgeschickes: Onkel und Nichte kamen überein, daß ich Lehrer werden sollte. Meine Zustimmung einzuholen schien ihnen überflüssig. Krieg. Der Deulsch-sranzösische Krieg von 1870/71 stand unmittelbar vor seinem Ausbruche und drängte alle kulturellen Aufgaben in den Hintergrund. Als die Siege von Weißenburg, Wörth, Sedan und Metz die Welt in Spannung hielten und die Neugründung eines geeinigten Deutschen Reiches geschichtliches Ereignis würde, da gingen auch in der Präparandenschule zu Höchberg die Wellen der Begeisterung über die Ufer. Es wurde mehr politisiert als gelernt. Die auf der Würzburger Festung befindlichen kriegsgefangenen Franzosen beschäftigten unsere Phantasie aufs lebhafteste. Fast täglich gingen Kameraden halbwegs Würzburg bis zur Straßenbiegung, von der aus man die Zitadelle und das Tun und Treiben der internierten Feinde beobachten konnte. Wir waren Zeugen des Jubels, als die eichenlaubbekränzten bayerischen Truppen, an ihrer Spitze die Generale von Orff und v. d. Tann, nach Kriegsende ihren feierlichen Einzug in Würzburg hielten. Unvergeßliche Eindrücke. Die Großmutter. In besonderen Ausnahmefällen, namentlich bei dem Besuch von Eltern und Geschwistern oder wenn ganz nahestehende Familienmitglieder zu geschäftlichen Zwecken einmal vom Lande nach Würzburg kamen, konnte auf Ansuchen den Schülern in unterrichtsfreier Zeit Stadtausgang von 1—2 Stunden bewilligt werden. Natürlich wurde mit dieser Vergünstigung mancher Mißbrauch getrieben. So verschaffte sich ein Seminarist, der kurz vor der Entlassungsprüfung stand, die Erlaubnis zum Verwandtenbesuch in der Stadt. Er wurde denunziert, mit einer jungen Dame auf der Domstrahe aus und abgegangen zu sein. Der Anstaltsvorstand stellte ihn darob zur Rede und fragte, wer das Mädchen gewesen sei. Der junge Mann war ersichtlich betroffen, faßte sich aber schnell und antwortete: „Herr Rabbiner, es war meine Großmutter?" Die Mihweslouren. Bekanntlich war unser unvergeßlicher Führer, Simon Dingfelder, von 1889—1891 Präzeptor an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt. Als solcher oblag ihm nebst der Etteilung einiger Unterrichtsstunden hauptamtlich die Überwachung der Seminaristen in unterrichtsfreier Zeit. An einem dienstfreien Sonntagnachmittag unternahmen er und mehrere Freunde einen Ausflug nach dem nahen Heidingsfeld, woselbst sie in eine Wirtschaft einkehrten, in welcher zufällig ein Tanzvergnügen stattfand. Dingfelder