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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-08-15 · 16 (15.8.1930) · p. Seite 251

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
16 (15.8.1930)
Article
Pädagogisch-psychologische Tendenzen in der Bibel
Date
1930-08-15
Page
Seite 251 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 251 des werdenden Menschen zuletzt, aber mit elementarer Gewalt, oft geradezu revolutionierend und alle Sinne, alles Trachten und Streben beherrschend, in die Erscheinung tritt — der sexuelle Trieb. Er verlangt wegen seiner überragenden Stärke und seiner ebenso überragenden Bedeutung für die sittliche Reinheit und Vollkommenheit der Persönlichkeit die sorgfältigste Erziehung, eine systematische prophylaktische Behandlung und die größte Stärkung der Willensenergie im Menschen, um gegenüber der Urgewalt dieses Triebes ethische, religiöse, sittliche und vor allem starke Willenskräfte als regulierende und hemmende Faktoren in der Persönlichkeit auszubilden. Man beachte einmal unter diesem Gesichtspunkt die sonst eigenartige Aufeinanderfolge der weiteren Vorschriften unseres Kapitels, die für den ersten Blick unverständlich erscheint, weil in diesem als einem „System der Ethik" aufgefaßten Abschnitt Chukim und Mischpotim, also religiöse Bindungen gegenüber der Natur und sozialethische VerhaltungSweisen gegenüber den Mitmenschen in buntem Wechsel aufeinanderfolgen. Da wird nämlich in Rücksicht auf die Sexualerziehung gefordert: Unterlassung menschlicher Eingriffe in die der Schöpfung verliehene Zeugungskrafi der Tier- und Pflanzenarten; es predigt dieses Kilajimverbot heilige Scheu gegenüber dem Naturtriebe, welcher der Fortpflanzung und der Erhaltung der Arten dient (Vers 19). An zweiter Stelle wird verlangt beim Auftreten erotischer Neigungen Zurückhaltung gegenüber dem anderen Geschlecht, sogar durch Androhung der Geißelftrafe verstärktes Verbot des Vollzugs einer ehelichen Verbindung, sobald für die in Frage stehende Persönlichkeit ein anderer und wenn auch noch nicht in endgültiger legaler Form einen Rechtstitel besitzt (Schivcho charuvo): Vers 20 mit 22. An dritter Stelle folgt das Orlogebot, das schon durch seinen Namen den Zusammenhang mit der Sexualethik andeutet und das mit seiner Einschiebung gerade an dieser Stelle einen tiefen Sinn bekommt, wenn man es auffaßt auch als Mittel zur Übung in der Willensenergie auf dem Gebiete der Sexualethik. Es lehrt uns nämlich dieses Gebot in Anlehnung an den Fruchtbaum, der gerade für die subtropischen Verhältnisse, auf welche die Bibel exemplifiziert, als Spender der Nahrung, Wohnung und aller sonstigen Mittel des täglichen Bedarfs eine wichtige Rolle spielt: a) Gewöhnung in der Enthalsamkeit, also Ausbildung der Willensenergie für den Kampf nach innen; b) stete Vergegenwärtigung Gottes im Gebrauch der durch die Zeugungskraft der Natur uns gewährten Mittel durch Unterstellung der durch die Schöpferkraft der Natur erzeugten Früchte unter die Weihe göttlichen Willens (Vers 23 mit 25). Und das letzte Vorbeugungsmittel, die sexuelle Reinheit zu bewahren, ist die Beachtung strenger Sittenreinheit: Wachsamkeit gegenüber der Mode, gegenüber den Gebräuchen der Umwelt, soweit sie für die sittliche Reinheit eine Gefahr werden können. Und aus diesem Grunde folgen die Gebote gegen die heidnischen Sitten und Gebräuche (Vers 26 mit 28). Der pädagogische Endzweck all dieser Vorbeugungsmaßnahmen als der Erziehung zur Sexualethik ist von der Bibel selbst deutlich ausgesprochen in dem Satz 29. Das ganze Kapitel der Erziehung zur Individual-, Sozial- und Sexualethik schließt ab mit dem Hinweis auf die religiösen Autoritäten, denen die Erziehung der Jugend anvertraut ist. (Vers 30 bis 32.) In der Geschichte der Pädagogik wird Rousseaus Emil als ein Fortschritt bezeichnet, weil hier zum ersten Male gezeigt wird, daß die Erziehung des Menschen zu beginnen hat schon mit seiner Geburt. Dem biblischen Pädagogen ist aber, wie wir gezeigt haben, dieser Gedanke längst vertraut, ja noch mehr: vor dem pädagogischen Kapitel des Heiligkeitsbuches steht ein anders, das sich bezieht auf die Wahl der Ehegatten: die Erziehung der Menschen beginnt eben nach Ansicht der Bibel nicht mit, sie beginnt vielmehr — und das sagt uns die Bibel durch die von ihr gewählte Aufeinanderfolge ihrer Erziehungsvorschriften — schon v o r der Geburt. vindung und Sreiheit Von Lyzeal-Ober lehre r Karl O „Wohlgeborene, gesunde Kinder bringen viel mit. Die Natur hat jedem alles gegeben, was er für Zeit und Dauer nötig hätte. Dieses zu entwickeln ist unsere Pflicht, öfters entwickelt sich's besser von selbst. Aber eins bringt niemand mit auf die Welt, und doch ist es das, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch ist. Und das ist die Ehrfurcht, Ehrfurcht vor dem, was über uns ist, Ehrfurcht vor dem, was uns gleich ist, Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist." So Goethe in der pädagogischen Provinz. In unserer an Krisen so reichen Zeit, wo wir auf allen Gebieten und immer wieder entscheidungsschweren Zuständen, Verhältnissen begegnen, die nach dem rechten Ausweg suchen, bleibt auch die Pädagogik von Erschütterungen und Verbiegungen nicht verschont. Wenn in unserer Zeit der Glaube an die erzieherische Macht so gewaltig abnimmt, dann ist eine der Hauptursachen das Schwinden jener Ehrfurcht, das Wachsen der Autoritätslosigkeit. Um das vorwegzunehmen, sei hier betont, daß selbstverständlich nicht der äußeren Autorität das Wort geredet werden soll, die ihren Verboten und Anwendungen vermöge der Zwangsgewalt, den nötigen Nachdruck verleiht. Wir haben vielmehr alle senmann in Frankfurt am Main Veranlassung, die innere Autorität zu fördern, einmal, weil sie dem sittlichen höheren Standpunkt entspricht, dann aber auch, weil sie viel sicherer funktioniert als die äußere Autorität. Das Positive hat immer den Vorrang. Letztes Geheimnis aller pädagogischen Arbeit bleibt für alle Zeit die Bindung des Zöglings an den Erzieher, gestützt auf Liebe und Haltung auf der einen Seite, Vertrauen und Achtung auf der anderen. Wenn nun aber die Jugend von heute in ihrem Ringen nach Lebensgestaltung entschieden subjektiv eingestellt ist, sich viel selbständiger und unabhängiger fühlt als in hinter uns liegenden Zeiten, so liegt darin eine der größten Schwierigkeiten der Jugenderziehung. Sie darf nicht ersticken und ertöten, was sich eigenartig und selbständig bilden will, sondern muß sich dadurch überflüssig machen daß die Erzogenen Freie werden und frei sein können. Aber Freiheit bleibt immer das letzte, darf niemals der erste Wort der Erziehung sein. „Der Erzieher, der einerseits Anwalt der kindlichen Seele ist, die er frei und selbständig wachsen lassen soll, andererseits Vertreter des objektiven Geistes, zu dessen Höhe er das jungen Geschlecht emporzuheben verpflichtet ist, hat das Recht und die Pflicht zu handeln, wenn das Kind ihn auch nicht

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