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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-08-15 · 16 (15.8.1930) · p. Seite 250

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
16 (15.8.1930)
Article
Die israelitische Lehrerbildungsanstalt dem jüdischen Lehrerverein in Bayern zur Goldenen Jubelfeier!
Date
1930-08-15
Page
Seite 250 (sequence 2)
Language
German
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25Ö Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 bäude, im Rohbau nahezu fertig, das als erste Etappe jene „frommen Wünsche" zur Wahrheit machen soll, der Neubau der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt, zunächst als Schulbau, dem, sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse gestatten, der Bau des Schülrrheimes sich anschließen soll. Herrliche freie Lage, Raum, Lust und Licht als die natürlichen Vorbedingungen werden ergänzt durch Zweckmäßigkeit der Anlage, Ausgestaltung und Ausstattung und werden der Ausbildung jüdischer Lehrer eine Heimstätte bieten, die den werdenden Kollegen, wie immer auch die künftige Ausbildung geregelt werden mag, eine bleibende Erinnerung im Sinne innerer Verbundenheit mit der Bildungsstätte gewährleisten dürfte. Die innige. innere Verbundenheit zwischen Seminar und Lehrerschaft, zwischen Lehrerschaft und Seminar lebendig zu erhalten, sei Strebeziel auf beiden Seiten zu Heil und Segen des Standes, des Vaterlandes, des Judentums, der Menschheit. S t o l l. Pädagogisch-psychologische Tendenzen in der vibel V o n Studiendirektor Jakob S t o l l (W ü r z b u r g) Dem Pädagogen drängt sich häufig die Frage auf, warum unter den Büchern der Bibel keines ist, das sich mit Fragen der Erziehung und des Unterrichtes befaßt. Und ebenso nahe liegt die Antwort, daß die Bibel in ihrer G e s a m t h e i t ein großes Erziehungsbuch für den einzelnen, für das Volk, für die Menschheit darstellt. Der der Bibel zugrunde liegende Erziehungsgedanke tritt für den forschenden Psychologen an vielen Stellen klar zutage. Als Beweis fei eine pädagogische Grundtendenz der Bibel hier kurz angedeutet: Anläßlich der Verpflichtung des Volkes auf das göttliche Gesetz legt die Bibel dem Volke die Worte in den Mund: naafe wenischmo (2. BM. 24, 7), wir wellen das Gesetz üben und studieren. In prägnanter Kürze ist hier zugleich auch die psychologische Grundanschauung der Bibel angedeutet: die Betonung des Voluntarismus gegenüber dem Intellektualismus, die Hervorhebung der überragenden Bedeutung des Erziehungsfaktors der Gewöhnung gegenüber dem gewiß nicht zu entbehrenden aber doch erst in zweiter Linie in Betracht kommenden Mittel der Belehrung. Es ist nur die Wiederholung dieses biblischen Grundgedankens, wenn die Spruchweisheit der Väter den Satz geprägt hat: lau hamidrosch ikor elo hamaase, oder wenn eine pädagogische Sentenz in den gleichen Sprüchen der Väter die Bedeutung der Gewöhnung gegenüber der Bedeutung der Belehrung für die Charakterbildung des Menschen zeichnet. Wo in der Erziehung eines Menschen die theoretische Ausbildung, die Anhäufung von Wissen, die praktische Willensbildung überwiegt, halten die Theorien gegenüber den Stürmen des Lebens nicht stand; der Charakter aber, der fest verankert ist im Boden praktisch religiöser Tat, gleicht dem Baume, den infolge seiner Verwurzelung im Boden fester Gewöhnung die Versuchungen des Lebens in seiner Treue und Standhaftigkeit nicht erschüttern können. Die folgenden Ausführungen wollen in gedrängter Kürze den Nachweis erbringen, daß oft ganze Kapitel des Pentateuch diktiert sind von dem Leitgedanken pädagogischer Absichten und geordnet sind nach psychologischen Erwägungen. Wir greifen aus dem 3. Buch Moses den Abschnitt der Heiligkeitsgesetze, das Kapitel 19, heraus. 1. Schon die Einleitung, „Religiös-sittlich vollkommen sollt ihr werde n!", spricht mit aller Klarheit aus, daß es sich im folgenden um das Erziehungsprogramm der Bibel handelt. Welche Erziehungsfaktoren kommen für die Erreichung religiössittlicher Vollkommenheit in Betracht? Ehrfurcht vor M u t t e r und Vater, Mitbeteiligung am religiösen Leben der frommen Umgebung, Hinwendung des gläubigen Sinnes zu Gott als den Urgrund der Dinge (Vers 1 mit 4). Gerade weil es sich hier um die vier Erziehungsfaktoren Mutter, Vater, religiöses Milieu der Volksitte und Gottesglaube handelt, hat es eine tiefe psychologische Begründung, daß im Gegensatz zu der Reihenfolge im Dekalog die Mutter als die erste Erzieherin des Kindes vor dem Vater genannt wird, daß die Autorität der Eltern wegen ihres in der Entwicklung des Kindes früher auftretenden Einflusses wiederum im Gegensatz zum Dekalog sogar der göttlichen Autorität vorangestellt wird. 2. Und nun beachte man die Erziehungsmaßnahmen der Bibel. Sie fordern: Einschränkung in der an sich berechtigten Befriedigung des Nahrungstriebes (Vers 5 mit 8), Zügelung des Eigentumstriebes durch Anerkennung eines Rechtsanspruches der Gesamtheit auf das eigene Gut, vor allem Anerkennung des Rechtsanspruches auf Mitexiftenz der sozial Schwachen (Vers 9 mit 10); Zurückdrängung aller aus egoistischen Motiven fließenden sinnlichen Strebungen, die gerichtet sind auf die unberechtigte Erweiterung des individuellen Geltungsbereiches (Vers 11 mit 12), Eindämmung der Selbstsucht durch Auferlegung von Opfern zum Wohle und zur Förderung des sozial Schwachen (Vers 13), Übung weitgehender Rücksichtnahme auf Ehre und Persönlichkeit des Nächsten (Vers 14); Ausbildung eines objektiv orientierten Rechtsgefühles und strengen Gerechtigkeitssinnes (Vers 15); Auferlegung von Bindungen in Wort und Tat zwecks Schonung der Ehre und des Lebensrechtes des Nächsten (Vers 16); Unterdrückung von Haßgefühlen, also Eindämmung des Subjektivismus, hingegen positive Förderung des Wohlergehens des Nächsten, also Ausbildung objektiver Gesinnung durch Vorherrschaft altruistischer Gefühle (Vers 17 und 18). So führt die Individualethik allmählich hinüber zur höchsten Sozialethik, die gezeichnet ist in dem Satze: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst." Die Aufeinanderfolge der hier aneinandergereihten Gebote, die zu einem großen Teile schon an anderer Stelle der Bibel ausgesprochen sind, also scheinbar eine überflüssige Wiederholung bedeuten, wird verständlich, wenn man sie auffaßt als die an der psychologischen Entwicklung des Individuums orientierte Kette biblischer Erziehungsvorschriften. Es entspricht nämlich die vorstehend skizzierte Reihenfolge der Entwicklung der Triebe, Strebungen, Gefühle und der die sittliche Gesinnung des Menschen bildenden Willenömotive genau der Reihenfolge in der individuellen Entwicklung des Menschen: von der körperlich sinnlichen Grundlage des Nahrungs-, Eigentums- und Erwerbstriebes über das Persönlichkeits- und Ehrgefühl; allmähliche Entwicklung einer sozialethischen Gesinnung durch Überwindung subjektiver Neigungen; weitgehende Einengung eines hemmungslosen Individualismus; Zügelung des Egoismus und Hinaufführung zum Altruismus. 3. Und endlich der Trieb, der in der individuellen Entwicklung

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