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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-08-01 · 15 (1.8.1930) · p. Seite 238

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
15 (1.8.1930)
Article
Aus der Geschichte der Juden in Deutschland vor 400 Jahren
Date
1930-08-01
Page
Seite 238 (sequence 2)
Language
German
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238 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 Ein besonderes Interesse beansprucht hier das bekannte Pamphlet: „Der gantz Jüdisch Glaub, mit sampt einer gründlichen und wahrhaften anzayunge aller Satzungen, Ceremonien, Gebetten, Haymliche und öffentliche Gebreuch, deren sich die Juden halten.... mit Argumenten wyder jren Glauben" (1530) von Antonius Margaritha. Dieses oben näher beschriebene Buch bedeutete eine besondere Gefahr für die Judenheit, weil es die öffentliche Meinung und den Reichstag von 1530, der sich ohnedies im Zusammenhang mit den Türkenkriegen mit drakonischen Maßnahmen gegen die Juden im Reiche beschäftigte, auf das Ungünstigste zu beeinflussen geignet war. Es war wie ebenfalls oben schon geschildert, die wahrhaft jüdische Tat I o s e l v o n Rosheims, des „Befehlshabers und Regierers der gemeinen Jüdischheit", der wie in vielen anderen Fällen, wo schwere Wetterwolken im Reformationszeitalter über die deutschen Juden aufzogen — mit Erfolg bei Kaiser und Reichstag intervenierte und sogar die Ausweisung Margarithas aus Augsburg durchsetzte. Leider findet sich von Josel von Rosheim kein Dokument in der Ausstellung. Weiterhin wären an Ausstellungsgegenständen, die in jüdischer Hinsicht bemerkenswert sind, zu nennen: Der erste hebräische Briefsteller Augsburgs aus dem Jahre 1534, der 62 Formulare enthält und einen nicht näher bekannten Chaim Schwarz zum Verfasser hat, übrigens ein ganz entzückendes Exemplar hebräischer Buchdruckerkunst; sodann eine mehrsprachige Bibel (Griechisch-Lateinisch-Hebräisch). Schließlich enthält die Reformationsausstellung noch eine Stahlplatte mit hebräischen Lettern und dem Bildnis Johann B ö - schensteins, gestochen im Jahre 1520 von I. Hopfer, einem Mitglied der bekannten schwäbischen Künstlerfamilie. Vöschenstein, dessen Bild in vielem an die bekannten Patriziergestalten Holbeins des Jüngeren erinnert, war,, wie Margaritha, Lehrer des Hebräischen in Augsburg — ein Zeichen für den humanistischen Zug der damaligen Zeit und die ausgedehnte Pflege der hebräischen Sprache in den Mauern Augsburgs. 3. Paul Altdorfer, Professor der hebräischen Sprache in Würzburg (1562) Von vr. phil. Hermann Gundersheimer (Würzburg) Im Würzburger Unioersitätsarchio ist eine Urkunde verwahrt, die aus verschiedenen Gründen verdient, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht zu werden. Es handelt sich um eine lateinisch abgefaßte Stellenbewerbung. Ein getaufter Jude bemüht sich darin um die an der Würzburger Hochschule zu besetzende Professur der hebräischen Sprache. Es gelang ihm in der Tat, den judenfeindlichen Bischof von Würzburg, Friedrich von Wirsberg, zu bewegen, ihm diesen Lehrstuhl an der sogenannten Partikularschule, der unmittelbaren Vorläuferin der Universität, zu übertragen. Man darf daran erinnern, daß der streng römisch gerichete Bischof gegen den Willen seines toleranten Domkapitels versuchte, die Juden, die sich nicht taufen ließen, aus dem Sttft zu verweisen. (Rezesse des Domkapitels vom 30. Juli 1554.) Friedrich v. Wirsberg legte an die Begabung der von ihm berufenen Ordinarien strengsten Maßstab an. Dies alles muß Astdörfer sehr genau gewußt haben; er hätte sonst nicht mit solchem Nachdruck von seiner jüdischen Herkunft abrücken, sie nicht mit solch übersteigerter Verachtung erwähnen können. Die Eingabe, die sich aus den Anfang des Monats Januar 1562 datieren läßt (und die sich in lateinischer Sprache als Urkunde Nr. 20 bei Wegele, Geschichte der Universität Würzburg findet) lautet in deutscher Übersetzung: Hochwürdigster Herr Bischof und erlauchtester Fürst! Demütigst bitte ich, bischöfliche Hoheit, daß Sie die Sache eines von seinem Volke verstoßenen, erst jüngst der wahren Kirche des lebendigen Gottes eingepflanzten Menschen, gemäß Ihrer beständigen Neigung, sich um die Sache des ganzen Menschengeschlechtes wohl verdient zu machen, hören und gnädigst beurteilen wollen. Nachdem ich als Jude ungefähr dreißig Jahre ununterbrochen alle Länder und Meere durchwandert habe, in verschiedene Katastrophen und Gefahren verwickelt war (ich habe nämlich zweimal Jerusalem besucht, habe Kleinasien, Palästina, Syrien und die Küstenländer Afrikas durchwandert, außerdem habe ich Konstantinopel, die übrigen Städte Thraziens und die bekanntesten Städte am Schwarzen Meere nicht nur gesehen, sondern habe mich dort auch einige Zeit aufgehalten), habe ich mich dann endlich an die Religion Jesu Christi geschlossen, des Erlösers des Menschengeschlechtes, den mein überaus unglückliches und blindes Volk noch immer vergebens erwartet. Nachdem ich durch feine Liebe und Gnade alle Güter verlassen und meinen Starrsinn abgelegt habe, verdammte ich das Judentum und gab durch die Taufe meinen Namen der wahren Kirche Christi Gottes, welche Christus mit seinem Blute geheiligt hat. Darüber führe ich die Zeugnisse sehr vornehmer und ehrenwerter Männer mit mir, falls jemand daran zweifeln sollte. Da die göttliche Güte verfügte, daß ich alles das, was die Menschen gewöhnlich Güter nennen, zugleich mit der Annahme des Christentums verlor, wurde ich sofort in die Notlage versetzt, entweder ohne bestimmtem Wohnsitz immer umherirren oder die Hilfe der allerchristlichsten Fürsten in Anspruch nehmen zu müssen. Durch deren Güte muß und kann meine Notlage erleichtert werden, da ich ja von meinem Volke wegen des Bekenntnisses der Wahrheit gänzlich ausgeschlossen und verlassen bin. Weil nun überall sich die Nachricht von der Universität verbreitet hat, die in dieser Stadt unter den Auspizien Eurer bischöflichen Hoheit eingerichtet worden ist, und weil ich gewohnt war, den größeren Teil meines Lebens auf die Schriften der Hebräer zu verwenden, glaube ich nicht unpassend zu handeln, wenn ich alles, was ich in so vielen Jahren mit Eifer und Anstrengungen in dieser Sprache erreicht habe, ganz Eurer bischöflichen Hoheit, die in der Frömmigkeit und in der Förderung der schönen Künste alle übrigen Fürsten nicht nur erreicht, sondern gewissermaßen wie mit Schimmeln weit überholt, mit meiner gehorsamsten Ergebenheit anbiete und gänzlich weihe, damit Sie es gleichsam als etwas Eigenes und Ihnen ganz Gehörendes gebrauchen mögen, wenn Sie glauben, daß dadurch die neue Schule eine Zierde oder einen Zuwachs erhalte. Ich möchte aber nach Wunsch und Rat bischöflicher Hoheit entweder den Psalter oder die übrigen Bücher des Alten Testamentes erklären und nach meinem bescheidenen Wissen alles aus den Kommentaren der Kabbala hinzufügen, was irgendwie dem Stoffe dienlich sein könnte. Keines der Mysterien will ich verheimlichen, deren die hebräische Sprache voll ist, und die zu wissen vor allem wichtig ist, um das Christentum gegen die Ungläubigen (Juden und Mohammedaner, d. V.) und Haeretiker (Protestanten und Kalvinisten, d. V.) zu schützen. Volle drei Jahre lang habe ich in Konstantinopel die hervorragendsten Rabbiner' gehört und mit nicht geringer Mühe und Sorgfalt erforschte ich die Kommentare der Chaldäer und Araber, deren Kenntnis beinahe notwendig erscheint, um eine vollkommene Beherrschung der hebräischen Sprache zu erlangen. Ich bitte also, gütigster und frömmster Fürst, die hebräische Sprache, im Vergleich zu der es keine an Geheimnissen reichere, keine heiligere und ältere gibt, die Sprache, die Gott selber gesprochen hat, die Sprache, in der so viel Schutzmittel zur Verteidigung des Christentums verborgen liegen, in erster Linie zur Zierde und Erhaltung des Glaubens für nützlich zu erachten und meine demütigste Ergebenheit gütigst erkennen zu wollen, die ich mit diesem demütigen Schreiben lediglich im Vertrauen aus die einzigartige und allgemein gefeierte Güte Eurer Hoheit gegen alle Vertreter der Wissenschaft anempfehle. Ich werde mich bemühen, daß Eure bischöfliche Hoheit niemals unzufrieden zu sein brauchen mit mir, dem Neugetauften, und daß mit Gottes Gnade eben Eure Hoheit, gütigster Fürst, sich von Herzen erfreuen mögen, daß ich, noch ein zarter Sproß an der Kirche Christi, nicht verkümmert bin. Eurer bischöflichen Hoheit gehorsamster Paulus Altdörfer. Den Begründungen dieses Gesuches vermochte der Fürstbischof nicht zu widerstehen. Sein Berater Erasmus Neustätter holte Begutachtungen ein, so daß Altdörfer die erbetene Anstellung, wenn auch bei bescheidener Dotierung erhielt. Seine Einladung zum Besuche der Vorlesungen hat sich erhalten. Sie ist vom 22. Januar 1562 datiert und lautet in der Übersetzung: Heute nachmittag um 2 Uhr wird Paulus Altdörfer die Elemente der hebräischen Sprache zu lehren anfangen. Es besteht kein Grund, daß diejenigen, die vielleicht noch nicht lesen können, deswegen den Mut verlieren. Er wird nichts unterlassen, was die Lernenden von den einfachsten und ersten Anfängen zu den tieferen Geheinmissen der Sprache führen kann. Seid also eifrig bei dieser heiligen Vorlesung.

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