Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 15 (1.8.1930)
- Article
- Bilanz der Aufbauarbeit in Palästina
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 235 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2727810-2727900-2727915-2738399--06431-2738438- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 235 dem Jüdischen Nationalfonds. An jüdischen Landwirten waren 1927 4297 vorhanden, außerdem 3137 mithelfende Familienangehörige und 3644 landwirtschaftliche Arbeiter. Die Industrie, dargestellt durch instruktive Tabellen mit Berücksichtigung von Produktion und investiertem Kapital, ist nach europäischem Maßstab unbedeutend, so daß die Handelsbilanz (1928: Einfuhr 6,8 Millionen Pfund, Ausfuhr 1,7 Millionen Pfund) passiv erscheint. An der Einfuhr ist Deutschland mit 9,6% beteiligt, wobei in einigen wichtigen Posten weit höhere Quoten erreicht werden: Maschinen 47,1%, Drogen 44,2%, Eisenwaren 38,5%, Düngemittel 25,0%. Demgegenüber gehen nach Deutschland nur 4,5% der Ausfuhrwerte, hauptsächlich Orangen, Wein und Devotionalien. Weitere wirtschaftsstatistische Nachweise beziehen sich aus Bautätigkeit, Arb'eitsverhältnisse (Löhne, Arbeitszeit), Verkehrswesen, Bank- und Kreditwesen,, jüdische Kooperativgenossenschaften, Finanzgebarung der öffentlichen Körperschaften und der jüdischen Organisationen. Aus dem Gebiete des Kulturwesens werden Unterrichts- und Fürsorgewesen, Bücher- und Zeitschriftenmarkt, Kriminalität, Wahlen und Beamtenschaft mehr oder weniger ausführlich dargestellt. Die 1925 eröffnete Hebräische Universität in Jerusalem war 1928/29 von 178 männlichen und 72 weiblichen Studenten und Hörern besucht, das Technikum in Haifa von 125 Studierenden. An Büchern und Zeitschriften erschienen 1928 417 bzw. 54, davon 356 bzw. 41 in hebräischer Sprache. Zum Schlüsse sei darauf hingewiesen, daß die Benutzung des Werkes dem tabellenungewohnten Leser durch kurze textliche Ausführungen, die den Hauptabschnitten vorangeschickt sind, erleichtert wird. Die Sprache ist englisch, deutsch, hebräisch. Dr. Ph. S ch w a r tz Rite jüdische Kunst Zur Ausstellung im Konkordiasaal in München Von Dr. Karl Gröber, Hauptkonservator am bayerischen Landesamt für Denkmalspflege Die „fynagogalen Altertümer", die in diesen Tagen in München zu sehen waren, haben in der kurzen Zeit der Ausstellung, etwa 3000 Besucher aus allen Kreisen besichtigt. Die Öffentlichkeit, besonders die Münchener Presse, hat sich ausführlich mit der Schau beschäftigt. Namentlich ist der Vergleich mit den gleichzeitig ausgestellten Prunkstücken kirchlichen Gerätes in der Residenz gezogen worden. Der ausgezeichnete Münchener Kunstkritiker Hermann Eßwein hat in der „Münchener Post" vom 15. Juli 1930 besonders eindringliche Parallelen zwischen den beiden Kultkreisen im Lichte ihrer künstlerischen Geräte gezogen. Er hat besonders den aufklärenden Wert der jüdischen Ausstellung hervorgehoben. „Statt alles Düsteren, Gefährlichen, romantisch Ungeheuerlichen findet man in der kleinen Synagoge ganz genau das Gleiche, was man in der kleinen Dorfkirche findet: bieder-patriarchalische Frömmigkeit, weltfernen gemütlichen Zusammenhalt der uraltem Brauch gläubig hingegebenen Gemeinde. Für deutsche Zeitgenossen, die intellektuell nicht in der Lage sind, die Beiträge Max Liebermanns, Einsteins und noch mancher anderer Juden zu verstehen, denen die nationale und europäische Kultur tief verpflichtet ist, mag es ganz gut sein, wenn einmal öffentlich darauf hingewiesen wird, daß diese geheimnisvollen gefährlichen Israeliten doch nicht geradezu Teufelsanbeter und Menschenfresser sind." „Mit der jüdischen Kunst freilich ist es nicht weit her," sagt Eßwein. Es fehlte in der Ausstellung das jüdische Buch alter Zeiten, die alte illuminierte Handschrift. Aber Eßwein räumt doch ein: „Daß der Jude als solcher, rassenmäßig, aus übersteigerter Spiritualität öder aus überwiegendem praktischem Sinn, Kunstfreund und kunstunfähig sei, scheint mir ein Märchen, denn sein Synagogendienst sowohl wie fein häuslicher Kultus ist immerhin von weit deutlicherer und wärmerer Kunstsinnlichkeit erfüllt als etwa der Gottesdienst und das Leben der nordischen Protestanten." Die Schriftleitung hat den Hauptkonservator am bayerischen Landesamt für Denkmalpflege Dr. Gröber zu einer Äußerung über die Ausstellung eingeladen. Herr Dr. Gröber hat uns die nachstehenden Bemerkungen zur Verfügung gestellt. Die vier Gegenstände, auf die der Verfasser zur Illustration verweist, sind in früheren Nummern der Gemeindezeitung bereits abgebildet: auf die Bilder wird durch genaue Angabe der Fundstellen regelmäßig besonders hingewiesen. Von den verschiedenen Gebieten kultischer Kunst war bisher die jüdische Kunst wohl am wenigsten bekannt. Dies hatte seine Gründe darin, daß die Werke der jüdischen Kunst — oder besser gesagt die Kunstwerke für den religiösen Zweckbedarf der Juden — schwer zugänglich waren. In den spärlich über das Land verstreuten .Synagogen, die in ihrer zurückhaltenden Bescheidenheit kaum ins Auge fallen, wurden Schätze kunstgewerblicher Art kaum gesucht. Zudem spielt sich ja der größte Teil des religiösen Lebens der Juden im Kreise der Familie ab und die an den Feiertagen benützten Geräte waren das Jahr über aus dem Kreise profanen Brauches gerückt und gehörig verwahrt. Die deutschen Museen bergen zwar manches Werk jüdischer Kunst, aber es sind meist nur Einzelstücke, die in ihrer Schlichtheit aus der Pracht der übrigen Arbeiten der Godschmiede oder Gelbgießer sich nicht herausheben. Einen Überblick über das ganze Gebiet jüdischer Kultkunft gewährt aber kein einziges von ihnen. So war für den Kunstfreund und Forscher, der Interesse für dieses Gebiet hatte, kaum die Möglichkeit gegeben, Einblick in die Mannigfaltigkeit dieses Zweiges religiöser Kunst zu bekommen. Er kannte meist nur wenige und oft nur geringe Einzelwerke, die kaum ahnen ließen, welche Fülle der Form auch hier herrscht und wie sich auch im jüdischen Kultgerät der ewige Wechsel des Zeitgeschmackes spiegelt. Die Ausstellung jüdischer Kunst, welche der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden im Saale der Gesellschaft Konkordia in München im Juni und Juli 1930 veranstaltet hat, wurde in mehr als einer Beziehung für viele eine Überraschung. In einem nicht allzu großen Raum, übersichtlich und mit viel Geschmack, ist in interessanten Beispielen all das aufgestellt, was für Synagoge und Haus an edlem Kultgerät geschaffen wurde. Wer sich mit offenen Augen in dieses vorher fremde Gebiet sich versenkt hatte, nahm als größten Gewinn die neue Erkenntnis mit nach Hause, daß auch im Judentum ein religiöses Kunftbedürfnis herrschte, das zeitlich an den jeweiligen Stil seiner Umgebung gebunden, doch auch aus sich Neues und Originelles schaffen konnte. Denn bis auf die Werke der Malkunst, die sich außer der farbigen Ausstattung der Synagoge ineist auf volkstümliche Ausgestaltung der kalligraphischen Schreibkunft und auf die Stickerei beschränkt, wurde ja ein großer Teil des jüdischen Kultgerätes immer vom zünftigen, nicht jüdischen Handwerker, dem Goldschmied, dem Gelbgießer oder anderen in Frage kommenden Meistern bezogen. Was uns an Werken altjüdischer Kunst erhalten blieb, geht in den seltensten Fällen über das 18. Jahrhundert zurück. Der Grund hierfür liegt leider darin, daß erst seit dieser Zeit der deutsche Jude sich