Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 15 (1.8.1930)
- Article
- Die wirtschaftliche Lage der Juden in Deutschland
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 234 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 prägte altjüdische Familienpolitik eine besondere Rolle spielt. Soweit dieser Standpunkt vorherrscht, muß offen ausgesprochen werden, daß er verhängnisvoll ist, weil er die Existenzsicherung mit unzulänglich gewordenen Mitteln betreiben will. Je reiner die kapitalistische Verkehrswirtschaft sich ausbildet, desto unmöglicher wird es, andere Gesichtspunkte als die dauernder höchstmöglicher Rentabilität im ökonomischen Leben zur Geltung zu bringen. Manchem Leser mag das hier gezeichnete Bild zu düster erscheinen. Wer der Verfasser ist der Ansicht, daß nur klare Erkenntnis der Sachlage den Mut stärken kann, der sie zu überwinden vermag. Weder das Kopf-Hängen-lassen hat in schwierigen Zeiten Sinn und Zweck, noch auch das'leichtsinnige Über-die-Verhältnisse-leben, das so lange dauern kann, als die trügerische Stütze des Kredits nicht entzogen ist. Hier kann nur eine Einschränkung der noch immer übersteigerten Lebensbedürfnisse helfen und überdies eine entschlossene und zeitgemäße Umstellung der Betriebe, die freilich je nach dem Gewerbezweig ein verschiedenes Aussehen annehmen muß. In der Industrie werden betriebliche Zusammenschlüsse, im Handel werden genossenschaftliche Umformungen uberwiegen. Auf die Dauer unhaltbar gewordene Positionen sollten zu rechter Zeit aufgegeben werden und die junge Generation wird es in solchen Fällen vorziehen müssen, nachdem auch die selbständigen akademischen Berufe nur noch geringe Aussichten bieten, entweder ein Handwerk zu erlernen oder sich in abhängige Stellungen zu begeben. Damit wächst der Umschichtungsprozeß im deutschen Judentum aus der wirtschaftlichen Sphäre in die soziale hinüber und erfordert zur Abmilderung der gewaltigen Reibungsverluste, die in seinem Gefolge auftreten werden, ein einiges Zusammenwirken aller jüdischen Institutionen und Vereinigungen in Deutschland. Nachbemerkung der Schriftleilung: Der Frage der Berufsgliederung und Gesellschaftsumschichtung der Juden, besonders in Deutschland und Bayern, wird in diesen Blättern fortgesetzt die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Dies muß zunächst durch Vorlegung gut gesichteten und erläuterten statistischen und sonstigen Beobachtungsmaterials geschehen, während Werturteile und Ratschläge fern gehalten werden sollen. Zu dem vorletzten Satz Herrn Dr. Cahnmanns über die Berufswahl noch folgendes: Die Wahl manueller Berufe (Handwerker, gelernter Arbeiter) durch die Juden wäre in Deutschland auch heute noch Romantik, der Sieg von Sentiments über den Verstand. Ganz abgesehen davon, daß in der organisierten Arbeiterschaft und in der Gewerk- .schaftspolitik bei Einströmung von Juden sofort die gleiche antisemitische Abwehr-Erscheinung aufträte und weiter abgesehen davon, daß Proletarisierung glatt „Entjudung" bedeutet, ist die heutige landläufige Wertabstufung der Berufe bei den Juden, bei allen offensichtlichen Mißständen und unangebrachten lächerlichen Überheblichkeiten, im Kern eine gesunde und aus den jüdischen Sonderumständen organisch gewachsene. Nur die äußerste bittere Zwangslage könnte uns davon abhalten, den Rang der qualifizierten Arbeit, besonders der geistigen Arbeit und der kaufmännischen Tätigkeit, nicht mehr wie früher anzuerkennen und unsere Kinder Industriearbeiter, Handwerker, Monteure, Chauffeure werden zu lassen. Die hohe soziale und volkswirtschaftliche Einschätzung dieser Berufe kann dabei unangetastet bleiben, denn sie hat mit der Abwägung der Eignung unserer jüdischen Kinder nichts zu tun. Lilanz der Aufbauarbeit in Palästina Statistical Abstract o! Palestine. statistisches Handbuch für Palästina 1928. Compiled by David Gurevich Stalistician of the Palestine Zionist Executive. Keren Hajessod. Jerusalem 1930. Das vom jüdischen Palästina-Gründungsfonds (Keren Hajessod) eben herausgegebene Handbuch bezweckt in erster Linie einen statistisch geformten Rechenschaftsbericht der jüdischen Aufbauarbeit, doch werden auch die gesamten statistisch erfaßten Zustände und Erscheinungen des Landes — unter Verwendung amtlichen Materials — berücksichtigt, so daß erstmals eine statistische Überschau der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse Palästinas vor die Öffentlichkeit tritt. Aus dem reichen Inhalt sei folgendes hervorgehoben: Die Bevölkerung hat sich — unter Zugrundelegung von Schätzungen — von 590 000 im Jahre 1919 auf 816 000 im Jahre 1929 vermehrt. Die wichtigsten Faktoren der Zunahme bilden hierbei die jüdische Einwanderung und der Geburtenüberschuß der eingeborenen mohammedanischen Bevölkerung. Die Zahl der Juden stieg von 57 000 auf 154 000, so daß sich ihr Bevölkerungsanteil von 9,7 auf 18,9% erhöhte. Besonders stark vertreten sind die Juden an den größeren Plätzen: in Tel-Awiw, einer erst im Zuge der jüdischen Einwanderung ausgeblühten Stadt mit 100% in Tiberias mit 71% in Jerusalem mit 62% in Haifa mit 45% ferner in elf Dörfern zu 100%. Die Einwanderung erfolgte hauptsächlich aus Polen (46%) und Rußland (20,6%), Deutschland ist mit 2,7% (2132) beteiligt. Daneben ist aber auch das natürliche Wachstum der Juden nicht zu unterschätzen. In der Geburtenhäufigkeit bleiben sie zwar hinter den Mohammedanern und Christen zurück, ihre Sterblichkeit (namentlich im Kindesalter) ist aber so gering, daß sie einen erheblichen Geburtenüberschuß erzielen: Auf 1000 Einwohner treffen 1928 Lebendgeborene Gestorbene Geburten- Ueberschuß Juden. 35,4 12,2 23.2 Christen. 40,4 18,9 21,5 Mohammedaner . . . 61,0 35,1 25,9 Sonstige. 45,6 21,0 24,6 Zusammen . . . . 54,0 29,0 25,0 Im ganzen gestaltet sich die Bevölkerungsentwicklung von 1919 bis 1929 folgendermaßen: Geburtenüberschuß Wanderungsgewinn oder -Verlust (—) Gesamt- 3 unahme 1919—1929 Juden. 23 737 73 593 97 330 Christen. 14 806 — 3 581 11 225 Mohammedaner . . . 120 736 — 5 293 115 443 Sonstige. 20 38 28 2 066 Zusammen. 16 1317 64 747 226 064 In der Wirtschaft überwiegen Getreide- und Obstbau, Ziegen- und Schafzucht. Das jüdische Aufbauwerk ist dementsprechend auch vorwiegend agrarisch eingestellt. Der jüdische Landbesitz hat sich von 1901 bis 1929 von 225 000 Dunam (1 Dunam — 0,9 ha) aus 1,2 Millionen Dunam erhöht, davon gehören 546 000 Dunam privaten Besitzern, 374 000 Dunam dem Hause Rothschild und 280 000 Dunam