Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 15 (1.8.1930)
- Article
- Ich bleibe doch stets bei Dir
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 233 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Bayerische Israelitische ÄemeindezeiiMg 233 .-l'QN Ich bleibe dock stets bei vir (73. Psalm, Vers 23-26) Die drei ersten Worte des.23. Verses, die die Überschrift Wiedergibt, sollen nach dem Wunsch von Franz Rosenzweig auf seinem Grabstein stehen. - Ich bleibe doch stets bei dir: meine rechte Hand hast du erfaßt. Mit deinem Rat geleitest du mich, danach nimmst du mich in die Herrlichkeit auf. Wen habe ich im Himmel?! aber bei dir begehr ich auch nicht nach der Erde. Ist mein Leib, mein Herz alldahin, der Fels meines Herzens, mein Teil bleibt Gott in Ewigkeit. Deutsch vonMartinB.uber. Et ego semper tecum. Tenuisti manum dexteram meam et in voluntate tua deduxisti me: et cum gloria suscepisti me. Quid enim mihi est in coelo? et a te quid volui super terram? Defecit caro mea et cor meum: Deus cordis mei, et pars mea Deus in aeternum. Die wirtschaftliche Lage der Juden in Deutschland Von Dr. oec. publ. Werner C ahnmann (Berlin) Alle Beurteiler der gegenwärtigen Wirtschaftskrise in Deutschland sind sich darüber einig, daß sie über das Ausmaß einer bloßen Phase im Konjunkturablauf weit hinausgeht und gewaltige strukturelle Veränderungen des gesamten Wirtschastsgefüges anzeigt. Durch den außenwirtschaftlichen Druck der Reparationen veranlaßt und überdies durch eine sehr wenig vorbedachte Wirtschaftspolitik im Innern eher verstärkt, als abgeschwächt, vollzieht sich eine tiefgehende Umwälzung aller ökonomischen und sozialen Verhältnisse, deren Endergebnis noch nicht klar abgesehen werden kann. Es hat den Anschein, als ob die Position des deutschen Judentums in diesem Prozeß einer besonderen Gefährdung über das allgemeine Maß hinaus ausgesetzt sei. Schon durch die Inflation der Jahre 1918 bis 1923 sind die Vermögen des jüdischen Mittelstandes wahrscheinlich in überdurchschnittlichem Ausmaß angegriffen worden, weil sie in erster Linie mobile Handels- und Finanzvermögen, weniger Industrie- und Grundvermögen gewesen sind. Von der Währungskrise hat Deutschland sich seither befreit, um sich um so tiefer in die Wirtschaftskrise zu verstricken. Je stärker der Druck der hohen Steuern, Frachten und sozialen Abgaben die deutsche Wirtschaft belastet, in um so stärkerem Ausmaß schreitet der unerbittliche Eliminierungsprozeß der jeweils schwächsten Glieder der Volkswirtschaft voran. Und leider gehören zu diesen schwächsten Gliedern, wenn man von der Landwirtschaft absieht, in hervorragender Weise auch solche Wirtschaftszweige und Unternehmungsformen, in denen jüdisches Kapital und jüdische Arbeitskraft in überdurchschnittlichem Umfang investiert sind. Es gehören dazu der Textilgroßhandel und weite Teile der Textilindustrie, vor allem die vor dem Krieg fo blühende Konfektion, die nahezu ein Monopol jüdischer Unternehmertätigkeit darstellt. Julius Hirsch schätzt (Zentralvereinszeitung 1928, Nr. 9), daß zwei Fünftel aller im Handel tätigen deutschen Juden auf den Textilhandel entfallen; die Anzahl der in der gesamten Textilbranche (Handel und Industrie) tätigen jüdischen Inhaber wird mit 30 000 angegeben, davon 15 bis 20 000 allein in Berlin. Dazu kommt das Heer der Vertreter. Man kann also ruhig sagen, daß alle die besonderen Krisenursachen im Textilgewerbe — Ausfall der oft- und südasiatischen Absatzgebiete der Baumwollindustrie und der Baumwollwarenindustrie, struktureller Rückgang des Konfektionsabsatzes infolge der verlangsamten Bevölkerungsvermehruvg,. primäre Konjunkturempfindlichkeit des Textilabsatzes überhaupt — zugleich auch Krisenursachen für die Kerntruppe des jüdischen Mittelstandes darstellen. Als weitere ungünstig situierte Branchen mit starker jüdischer Beteiligung gelten ferner aus nicht immer gleichartigen Gründen die Schuh- und Lederindustrie einschließlich des Häutehandels, der Produktenhandel, vor allem in Wein und Getreide und schließlich in letzter Zeit der Kunst- und Antiquariatshandel und das private Bankgewerbe. Mit dieser Aufzählung ist nur der Kreis derjenigen Geschäftszweige roh Umrissen, in denen die Häufung der Insolvenzen am ausfallendsten ist. Aber das Auswirkungsgebiet des wirtschaftlichen Druckes ist damit noch lange nicht erschöpfend beschrieben. Zunächst ist der jüdische Rentnerstand in Deutschland, dem man noch vor zwanzig Jahren beinahe 40 000 Menschen zugezählt hat, schon seit dem Ende der Inflation völlig aufgerieben, ohne daß bei der gegenwärtigen Unmöglichkeit der Kapitalneubildung die Chance seines Wiederentstehens gegeben wäre. Diese Kreise aber waren es, die vor dem Kriege die jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen erhalten haben! Heute sind sie es, die diese Institutionen als „Sozialrentner" in Anspruch nehmen. Außerdem ist zu bedenken, daß einerseits die früher häufigen Neugründungen von Firmen seitens ehemaliger Angestellter wegen der hierfür erforderten großen Kapitalien heutzutage kaum noch möglich sind und daß anderseits für immer mehr alte Betriebe eine Zwangslage entsteht, aus der anscheinend nur noch durch Fusionen und Konzernierungen zu großkapitalistischen Zusammenschlüssen ein Ausweg gesunden werden kann. Hierbei hat nun das jüdische Unternehmertum eine auffallend geringe Expansionskraft bewiesen. Nur im Einzelhandel haben jüdische Kaufleute in der Entwicklung der Waren- und Kaufhäuser eine führende Rolle gespielt, eine viel geringere schon in der Zusammenschlußbewegung der Großbanken. Im Großhandel sind Zusammenschlüsse überhaupt kaum vorgekommen und in dem weiten Gebiet der Industrie ist nur da und dort der jüdische Einfluß von einiger Bedeutung gewesen und auch dies nur im Bereich der Fertigindustrien, während die gewaltigsten Konzentrationsfelder neuzeitlicher großindustrieller Machtentfaltung auf dem Gebiet der Schwerindustrien der Kohle, des Eisens und der Chemie als völlig „judenrein" bezeichnet werden können. Die Gründe für diese Entwicklung sind zum Teil historischer Art und im Rahmen dieses Aufsatzes nicht zu erörtern. Zum anderen Teil sind sie auf wirksame antisemitische Motive zurückzuführen und erschweren in dieser Form in steigendem Maß die Möglichkeit des Fortkommens für jüdische kaufmännische und akademische Angestellte in der Industrie, während Fälle offener oder heimlicher Boykottierung selbständiger jüdischer Geschäftsleute bisher Ausnahmefälle geblieben sind. In allerletzter Zeit freilich mehren sich unter dem Einfluß der nationalsozialistischen Agitation auch diese Fälle in erschreckender Weise und bedrohen das Judentum der deutschen Kleinstädte mit der völligen Zerstörung seiner Existenz. Einen nicht geringen Anteil am Zurückbleiben des großstädtischen jüdischen Unternehmertums gegenüber der allgemeinen Entwicklung trägt aber zweifellos dessen verbreiteter konservativer Individualismus in der Geschäftsführung, der einer Einordnung in umfassendere Gruppierungen länger, als es gut sein mag, widerstrebt, wobei die ausge-