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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-08-01 · 15 (1.8.1930) · p. Seite 232

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
15 (1.8.1930)
Article
Der Brand des Tempels am 9. Ab
Date
1930-08-01
Page
Seite 232 (sequence 2)
Language
German
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232 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 An dem Tage, wo die Feinde in die Stadt drangen und den Tempel zerstörten, pflügte ein Jude seinen Acker außer-, halb Jerusalems. Plötzlich sah er, wie die Kuh, mit der er pflügte, sich zur Erde niederwarf und nicht mehr pflügen wollte, sondern immerfort brüllte. Als der Mann dies sah, erstaunte er sehr. Er schlug die Kuh, um sie zur Arbeit zu zwingen, aber sie wollte nicht und ließ sich immer wieder zur Erde fallen. Während er noch auf sie einschlug, hörte er plötzlich eine Stimme rufen: „Was hast du mit der Kuh? Laß sie, klagt sie doch darüber, daß heute das Gotteshaus zerstört und der Tempel verbrannt worden ist." Als der Mann dies hörte, zerriß er sich die Kleider, raufte sich die Haare, bestreute sich das Haupt mit Asche, weinte und schrie: „Weh mir, weh mir!" Aber nach zwei oder drei Stunden stellte sich die Kuh wieder auf die Beine und ging vergnügt ihres Weges. Da wunderte sich der Mann sehr. Und wieder hörte er eine Stimme, die sprach: „Spanne ein . und pflüge weiter; denn in dieser Stunde ist der Messias geboren." Als der Mann dies vernahm, wusch er freudig fein Antlitz und machte sich auf; er ging nach Hause, holte sich lange seidene Wickelbänder für die Wiegenkinder und begab sich nach Jerusalem. Als er in die Stadt kam, legte er sie um die Arme und rief auf dem Markte aus: „Wer kauft ein Wickelband für seinen Knaben oder sein Mädchen?" Das hörte die Nachbarin der Messiasmutter und sprach zu ihm: „Geh nach dem und dem Hause; denn dort ist eben ein Knabe geboren." Da machte er sich aus, trat in das Haus und sprach zu dem Weibe: „Kaufe ein Band für deinen Sohn!" Aber sie antwortete: „Ich kaufe ihm nichts; denn er ist an dem Tage geboren, wo der Tempel zerstört wurde; verflucht sei der Tag, an dem er geboren ward!" Da trat der Mann an den Knaben heran, küßte ihm das Haupt, schenkte ihm ein Band, bat die Mutter für ihn und ging dann heim. Seitdem kam er alljährlich nach Jerusalem, um das Kind zu besuchen, das Menahem, der Sohn Ammiels, hieß. Aber als er einst wieder nach Jerusalem zurückkehrte und ins Haus trat, Hub die Mutter des Knaben an und sprach: „Ich habe keinen Menschen mehr; mein Trost ist fort." In dieser Geschichte spiegeln sich jüdische Phantasie und gläubige Messias-Hoffnung. Nach altem Glauben muß der Messias erscheinen, wenn die'Not am größten ist. Der größte Kummer, die Zerstörung des Tempels, und die größte Freude werden auf denselben Tag zusammengedrängt. Nach dem eben wieder erzählten Midrasch bleibt der Messias trotz des klugen Bauern unerkannt; die Juden erfahren nichts von ihm und hoffen und warten weiter. Die christliche Legende (Die Magier aus dem Morgenland, Matthäus 2, 1 ff. — Die Hirten auf dem Feld, Lukaö 2, 8 ff. — Simeon, Lukas 2, 25 ff. — Hanna, Lukas 2, 36 ff.) dagegen jubelt, daß schon das Kind als Messias von einigen Bevorzugten anerkannt wurde. Die Legende von dem aussätzigen Messias, der unerkannt unter den Seuchenkranken vor den Toren Roms sitzt, ist uns vorallem aus dem babylonischen Talmud bekannt (Sanhedrin XI 98a). Auf den 9. Ab und seine Klagen folgt der sogenannte Sabbat-Nachmu, der Sabbat des Trostes, genannt nach dem auf die Tora-Vorlesung folgenden Propheten-Abschnitt: Iesaias 40, 1 ff.: Xaeliamu, naeliainu, ’ami „Tröstet, tröstet mein Volk _Vollendet ist seine Demütigung Es hat doppelt gebüßt seine Schuld!" Fast zwei Jahrtausende hat sich die jüdische Gemeinschaft an dieser erhabensten Prophetenhymne aufgerichtet, darin Trost gefunden und Hoffnung daraus geschöpft. Line Sedenksckritt tür §ranz Nosenzweig Franz Rosenzweig. Eine Gedenkschrift im Auftrag des Vorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde Frankfurt am Main herausgegeben von Dr. Eugen Mayer, Frankfurt am Main, 1930. Dieses schmale Bändchen gehört zu den wertvollsten jüdischen Veröffentlichungen der letzten Jahre und übertrifft an Stoffülle und Eindrücken umfangreiche Bücher. Den Beginn bildet der hebräische Wortlaut und die deutsche Übersetzung der von Rabbiner Leo Baeck im Jahr 1923 ausgestellten Urkunde „Die Krone der Thora", eine Art Ordinationsurkunde, mit der Rosenzweig die Würde des Rabbanuth verliehen wurde. Es folgen in der deutschen Übersetzung von Buber die Verse 23 — 26 des 73. Psalms, daran schließt sich die Gedenkrede von Baeck. Nie sind über Sendung, Versagen und Krisis des jüdischen Liberalismus so aufschließende Sätze gesagt worden. Weitere Ansprachen folgen. Das Mittelstück „Worte aus dem Kreis" (M. Buber, V. v. Weizsäcker, R. Koch, E. Strauß, E. Simon, K. Wolfskehl, R. Hallo, M. Goldner, R. Stahl, N. Glatzer, F. Wolf, E. Löwenthal, H. Trüb, L. Schneider, O. Driesen, H. Rothschild, N. Dahlberg, E. Mayer) zeigen die zentrale Stellung des Toten im deutschen Judentum. Der Lebensgang, eine Bibliographie, der Abschnitt aus Iesaias 42 I—IX, sowie das Programm zu der denkwürdigen Totenfeier der Frankfurter Gemeinde vom 2. Februar 1930 schließen die Publikation ab. Wir haben die inhaltsreiche Sammlung dem Vorstand der Frankfurter Israelitischen Gemeinde und dem Herausgeber Dr. Eugen Mayer zu verdanken. Die Anschaffung der ausgezeichneten und würdig ausgestatteten Schrift (zu beziehen durch den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde, Frankfurt a. M., Fahrgasse 146, Preis RM. 3. — ) kann auf das angelegentlichste empfohlen werden. Wir drucken im Folgenden die Psalmensätze 73, Vers 23 —26 ab, die Buber am Grabe des Freundes sprach. Der hebräische Text kann aus jeder Tehillim-Auögabe unschwer beigezogen werden; aus drucktechnischen Gründen muß sein synoptischer Abdruck hier unterbleiben. Dagegen fügen wir, um die besondere Bedeutung der Buberschen Übersetzung herauszustellen, den altehrwürdigen lateinischen Text der Vulgata bei. Man bekommt auf diese Weise einen Begriff von den ausnehmenden Übersetzungsschwierigkeiten bei dem Zustand des überlieferten Psalmentextes. Dem Buberschen „Psalter" in der Bibelausgabe, die jetzt bis einschließlich Iesaias gediehen ist, sieht man nach dieser Probe mit besonderer Spannung entgegen. .,IIIIIlIIIIIIIIIlIIIIlIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIlIIIIIIIIIIIIIIIIIIIlIIIIIIIlIIIIIIIIIIIIIIIlIIIlIIllIIIIIIlIIIIIIlI>IlIlllII>II>>llIIlIlllIIIIlIIll>IIIlIIIlIlIMIININll>>IIllI>>>llllI>llII>>IIlIIIIIII>IIIlIIIllI»llll»»»»»»»»»»»»»»»»»»»»»»»»»I»»»l»»»II»lII»I»I»lIIIIIII»I»»M»»»II>. Ä5 KUNST-GEWERBE'HAUS KÄ nummmiimmmmmmmummmmmimmimmiiiiinmimiinmmimiimniiniiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii1’

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