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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-08-01 · 15 (1.8.1930) · p. Seite 231

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
15 (1.8.1930)
Article
Inhalt
Date
1930-08-01
Page
Seite 231 (sequence 1)
Language
German
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Xi/ Rachcichtenblatt öer Israelitischen Kultusgemeinöen in München, Augsburg/ Hamberg unü ües Äerbanöes Hagerlscher Israelitischer Gemeinüen Erscheint am r. unö if. seöen Monats. — verlas: v. Heller, München, Pllnganserstraße 64, Kernruf 75664 unü 75665, Postscheck München 5567. Ächristleitung: Dr. Luüwig Keuchtwanger, München, Grillparzerstraste 58 Hezugsprels für nicht eingewiesene Vezleherr Reichsmark 4.S0 für üos Jahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Relchspfeuul, Kamillenanzeigen, Stellengesuche unü ähnliche Angebote 15 Reichspfevvl, VI. Jahrgang München, t. August i?yo Hr. 15 Inhalt: Der Brand des Tempels am 9. Ab — Eine Gedenkschrift für Franz Rosenzweig — Die wirtschaftliche Lage der Juden in Deutschland — Bilanz der Aufbauarbeit in Palästina — Alte jüdische Kunst — Aus der Geschichte der Juden in Deutschland vor 400 Jahren — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus der Gemeinde Regensburg — Aus den bayerischen Gemeinden — Aus dem Reiche —> Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekanntmachung über die Erweiterung des Gebietes der Israelitischen Kultusgemeinde Treuchtlingen — Personalia ver vrand des lempels am 9. flb ■pi’DK Dl1?»1? '°?8»n JVS Zion halo tisch’ali lischlom assirajich Zion! nicht fragst Du nach Deinen gedemütigten Söhnen! Iehuda Halevis berühmtes Klagelied, das alljährlich am 9. Ab, dem Tag des Brandes des ersten und zweiten Tempels, in allen Synagogen der Welt gesagt wird! Man muß weniger den Wortlaut und den philologisch getreuen Sinn des Liedes kennen als die langgezogene klagende Melodie im Ohr klingen lasten, und jahrelang die Kinnoth (Klagelieder) mitgesagt haben, im Kreis der auf der Erde sitzenden Beter der Synagoge des alten Ritus, die Schuhe aus, der Toraschrein ohne Vorhang! Nur dann kann man ermessen, daß in der Übung eines solchen Tages noch der Rest ganz eigentümlichen selbständigen jüdischen Erbgutes lebendig geblieben ist, das wie kein modernes Programm das eigentliche verlorene Ganzheits- und Gliedschaftsbewußtsein untrüglich bezeugt. So etwas läßt sich nicht künstlich wieder schaffen, wenn es einmal verloren ist und nicht wieder gewinnen. Gewiß die Zeit, der vor sich selber graut, ist voll von romantischem Verlangen nach Rückkehr, nach Wiedereinsetzung des Alten und Würdigen. Umsonst, es gibt kein Zurück! Die Flucht aus der Zeit, alles fromme „Verdrängen" der schmerzlich gewonnenen Erkenntnis schafft nur Lüge und Krankheit. Wer noch mitten in den alten Lebensformen ist und sich nach keinem Ersatz für das Verlorene umsehen muß, kann kaum Rechenschaft abgeben von dem, was eigentlich seelisch vor sich geht bei einem solchen ritualen Tun wie etwa am Tisch'a beab. Aber wer es früher erlebt hat und davon abgetrennt ist, ist wohl noch legitimiert die Erinnerung weiterzugeben. Die Klagelieder des Jeremias, die mit dem Wehruf Echa beginnen, geben den Ton des 9. Ab an. Heute ist wieder die „Klagemauer", die Weftwand des zweiten Tempels, im schlimmsten Sinn „aktuell". Die seit unvordenklicher Zeit dort schluchzenden und sich unablässig hin und herwiegenden jüdischen Beter hätten das uralte Gewohnheitsrecht an der Klagemauer nicht in Frage gestellt; erst der politische Zionismus hat es getan, ohne die Legitimation der alten Frömmigkeit, und ist jetzt in die Zwangslage versetzt, alte türkische Privilegien vor dem englischen Richter geltend zu machen. Das ist hier beileibe nicht polemisch gemeint. In der alten Synagoge wird am 9. Ab aus der Tora die düstere Ermahnung und Warnung aus dem 5. Buch Moses (Kap. 4, Vers 25—41) vorgelesen. Als Haftara schließt sich Ieremia Kap. 8 Vers 13 bis Kapitel 9 Vers 24 an: „... Keine Trauben am Weinftock und keine Feigen am Feigenbaum, und das Laub ist verwelkt." — „Mein Volk ist zu einer Bande von Treulosen geworden; o daß doch mein Haupt ein Wasserstrom wäre und mein Auge ein Tränenquell, ich wollte weinen Tag und Nacht über die Erschlagenen meines Volkes." Der berühmteste Psalm 137 mit seinem Schwur unerschütterlicher Liebe zu Jerusalem ist der Tagespsalm des 9. Ab. „An den Strömen Babels faßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. — Wenn ich dein vergesse Jerusalem, so soll meine Rechte verdorren." Der 9. Ab ist nach der Überlieferung der Geburtstag des Messias. Wir kennen aus den alten Midraschim vier Fassungen, in denen vom unerkannten Messias, geboren am Tage der Tempelzerftörung, erzählt wird. Die bekannteste Version in jüdisch-palästinensischem Aramäisch ist in Midrasch Echa enthalten (jetzt am bequemsten zugänglich im aramäischen Urtext bei Dalman, Aramäische Dialektproben 2. Auflage, Leipzig 1927; Seite 14 f.). Am charakteristischsten lautet die Legende vielleicht in folgender Fassung (Midrasch Echa Suta, Rez. B, ed. Buber, Berlin 1894, Seite 133 I, 2):

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