Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 14 (15.7.1930)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1930-07-15
- Page
- Seite 217 (sequence 1)
- Language
- German
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Bayerische Israelitische Gemeinöezeitung Kachrichtenblatt öer Israelitischen Rultusgememüen in München/ Augsburg/ Hamberg unü öes Verbandes Hagerischee Israelitischer Gemeinden erscheint am x. und X5. jeden Monats. — Verlag: S. heller, München, plinganserstraste ck4, Zernruf 7366$ und 73663, Postscheck München 3987. Schristleitung: Sr. Ludwig Zeuchtwanger, München, Grillparzerstraste 38 Sezugsprels für nicht elngewiesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für öas Jahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene Millimeter-Zelle 40 Reichspfeaalg Zamlllenanzeigen, Stellengesuche uoö ähnliche Angebote 13 Reichspfenni, VL Jahrgang München, ff. Juli ff50 Ar. f4 Inhalt: Judentum und deutscher Geist — Die Münchener Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden — Die religiösen Wurzeln der Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege in der jüdischen Gemeinde — Aus der Gemeinde München — Aus dem Verbände — Aus den bayerischen Gemeinden — Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern — Vereine — Bücherschau — Aus dem Reiche — Personalia Judentum und deutscher Seist Von Dr. Leo Löwenthal (Frankfurt a. M.) 1. Salomon Maimon In den folgenden Aufsätzen soll versucht werden, eine Reihe jüdischer Persönlichkeiten der letzten 150 Jahre vorzustellen, deren Wirksamkeit jeweils in einem entscheidenden Sinne mit den geistigen Ereignissen der deutschen Geschicke zusammenhängt. Ein solches Unternehmen möchte zunächst anrüchig erscheinen, weil es den Verdacht erwecken könnte, es solle damit in apologetischer Weise das Auch-mit-dabei-gewesen-sein von Juden geltend gemacht werden. Es ist durchaus verständlich, wenn seinerzeit Hermann Cohen vor der Gefahr des Historismus für die jüdischen Wissenschaften gewarnt hat, wenn freilich auch sein ausschließlich systematisches Interesse das Judentum zu einer Religion philosophisch verabsolutierte, so daß eine Apologie, die gleichsam dem von ihm verteidigten Gegenstand die erste Stelle unter den Wahrheiten einräumen wollte, die Türe nicht versperrt war. Der Gesichtspunkt, von dem aus hier ein Stück jüdische Persönlichkeitsgeschichte getrieben werden soll, ist ein gesellschaftswissenschaftlicher: im Leben führender Juden dieser Epoche spiegelt sich deutlich die Geschichte der aufsteigenden bürgerlichen Gesellschaft, zugleich auch der Aufstieg der von ihr mitgesetzten Widersprüche. Die bürgerliche Revolution, der Klassenkampf des Proletariats, die Verweltlichung und desillusionierende Kraft der modernen Wissenschaft findet aufnahmebereite Träger in ausgezeichneter Weise sicherlich dort, wo die Lebenssituation gemeinhin häufig exponiert, unbefriedigt, zum Sprung bereit ist. Bei der Behandlung jüdischer Persönlichkeiten als Mitbeweger und Mitbewegte der bürgerlichen Gesellschaft muß mit einiger Großzügigkeit vorgegangen werden. Es ist von keiner grunhsätzlichen Bedeutung, ob ein solcher Jude seiner Religionsgemeinschaft oder Gemeindeorganisation angehört hat oder nicht; es ist auch nicht entscheidend, ob die Inhalte, mit denen sich diese Menschen produktiv abgegeben haben, stofflich jüdische waren oder nicht. Zudem liegt esjaso,daß sich gerade mit den großen jüdischen Namen unserer Epoche, Maimon und Heine, Börne und Moses Heß, Marx und Lassalle, Einstein und Freud, Landauer und Trotzki, spezifisch jüdische Inhalte überhaupt nicht verbinden, so daß es zu einem wichtigen Problem der jüdischen Geschichte wird, daß an die Stelle der Entwicklung innerjüdischer Probleme die von Persönlichkeiten tritt. Vor allem in der ersten Hälfte des von uns ausgewählten Zeitraumes tritt das Problem der Emanzipation, d. h. der Einordnung in die sich selber erst festigende bürgerliche Gesellschaft in den Vordergrund. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal für den Verlauf einer persönlichen EmanzipationSgeschichte wird es dabei jedesmal sein, ob unser Jude östlicher oder westlicher Herkunft ist. Denn der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Deutschland einwandernde Jude gerät gleichsam aus einer ganz anderen Geschichtsperiode plötzlich in eine neue — so wird es Maimon, so in gewissem Sinne auch Lassalle begegnen, während die Rheinländer Heine oder Marx bereits das Licht in dieser neuen Welt erblickten. Um der charakterlich unendlich viel schwierigeren Aufgabe für den Oftjuden willen nimmt bei ihm die Geschichte seines persönlichen Lebens einen weit größeren Raum ein innerhalb einer jüdischen Geschichte als bei dem Westjuden, bei dem das Schicksal seiner sachlichen Problemstellung interessanter wird. So ist etwa das Leben von Heine und Marx von ihrem Werk, das Werk Maimons und Lassalles von ihrem Leben her aufschließbar. Für diese Situation ist es schon bezeichnend, daß das lebendigste Buch von Maimon seine „Lebensgeschichte" (jetzt herausgegeben von Jakob Fromer, München bei Georg Müller) ist. Sie wurde ursprünglich herausgegeben von Karl Philipp Moritz,. dem bekannten Aufklarungsschriftfteüer, dessen Bildungsroman „Anton Reiser" das rationalistische Gegenstück