Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-07-01 · 13 (1.7.1930) · p. Seite 184

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
13 (1.7.1930)
Article
Zum Tode Adolf von Harnacks
Date
1930-07-01
Page
Seite 184 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2727810-2727900-2727913-2738217--06322-2738265
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 13 Bayerische Israelitische Gemeinbezeitung 207 jungen jüdischen Studenten, dem die Fragen der eigenen religiösen Praxis auf den Nägeln brannten, die mächtigste Wirkung. Seit dieser Zeit habe ich mich von religionsgeschichtlichen Spezialstudien nie ganz losgelöst, trotz allen Brotstudiums und der täglichen Berufsarbeit. Harnack als erster Anreger und Lehrer in diesen Dingen war deshalb fo wichtig, weil man unter seiner Führung ein absolut zuverlässiges, in den Methoden philologisch-kritisches, in den Ergebnissen streng rationales, unromantisches Fundament bekam. Harnack war Textkritiker und Philologe ersten Ranges. Seine mehrbändige christliche Dogmengeschichte, die man an Hand der Texte lesen muß, seine großartige Geschichte der Entstehung und Verbreitung des Christentums in den ersten beiden christlichen Jahrhunderten, besonders sein letztes mustergültiges Werk über den Ketzer Marcion, der das Alte Testament und seinen Gott aus dem christlichen Lehrgebäude mit fanatischer Glut hinauswerfen wollte, sind unübertroffene Meisterleistungen strengster, voraussetzungsloser Wissenschaft. In allen diesen Werken setzt sich der protestantische liberale Theologe mit peinlicher Akribie mit den Lehren des Judentums auseinandere; er fand für die Tatsache der Übernahme der jüdischen Grundlehren in das Christentum unter Abwerfung des Systems der jüdischen Pflichtenlehre die Bezeichnung „Entschränkung" des Judentums. Darin lag ein eindeutiges Werturteil und ein Bekenntnis. Der christliche Theologe konnte nicht über seinen Schatten springen. Die Absolutheit des Christentums evangelischen Bekenntnisses blieb auch für Harnack unantastbar. Aber er half selbst die Waffen unbestechlicher Textkritik und historischer Schulung schmieden, mit deren Hilfe man mit seiner eigenen negativen Beurteilung des Judentums nicht allzu schwer fertig werden konnte. „Er häufte Zweifel zentnerschwer und fiel dann wütend drüber her." Wie die liberale protestantische Theologie des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts mit einem salto mortale aus dem Trümmerhaufen, den sie angerichtet hatte, wieder zur Absolutheit des Christentums kam, habe ich in meiner Einführung zu dem Jesus-Buch von Detlef Nkelfon ausführlich geschildert. Ist das einmal ausgesprochen, was Harnack in seinen Vorlesungen über das Christentum und in seiner Dogmengeschichte auf Grund einwandfreier Forschung gesagt hat, so helfen die neuesten Werke der protestantischen dialektischen Theologie trotz ihrer Schärfe gegen das vermeintliche Zerstörungswerk der liberalen Forscher wie Harnack nichts mehr, um das massive alte Glaubensgebäude wieder aufzurichten. Harnack hat jetzt bei seinem Tode keine gute Presse. Das kann in einer Zeit, die mit allen Mitteln den Geist als Widersacher der Seele, das Bewußtsein als Verhängnis schlecht macht, nicht anders sein. Die Zeitmode will nicht mehr wissen, „wie es eigentlich gewesen ist", sondern erbaut sich aus vielerlei Gründen lieber an der „höheren" Wahrheit der Mythe und an weitverbreiteten historischen Belletristik. Wenn die unveräußerlichen Denkgesetze und die Methoden unnachsichtlicher Kritik wieder zur Ehre kommen, werden die Forschungen Harnacks für lange Zeit hinaus wieder Richtung und Wege weisen. Ausstellung jüdischer Kultgeräte und -einricktungen tür Synagoge und Saus Von TheoHarburger (München) Die Ausstellung befindet sich im Saale der „Gesellschaft Concordia von 1838", Prannerstraße 4, und ist bei freiem Eintritt bis etwa 8. Juli werktäglich von 10—1 und 4—8 Uhr, Samstags und Sonntags von 11—6 Uhr zu besichtigen. Der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden hat die Pflege des auf unsere Tage überkommenen jüdischen Kulturguts, in Sonderheit die Erhaltung der Kunstdenkmäler in den Kreis seiner Aufgaben einbezogen. Die von ihm unternommene Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler trägt zu ihrem Teil bei an der Erforschung der jüdischen Vergangenheit und will durch die pflegerische Erhaltung der mancherorts in Vergessenheit geratenen Zeugen der Vergangenheit das Verbundenheitsgefühl mit der jüdischen Welt unserer Ahnen stärken. Das bewegte Schicksal der jüdischen Bevölkerung in den Landesteilen, die das heutige Bayern umfaßt, hat es mit sich gebracht, daß aus den ältesten Zeilen nur wenige Reste auf unsere Tage gerettet werden konnten. Erst im 17. und 18. Jahrhundert konnten die Juden wieder in stärkerem Maße das Gefühl der Seßhaftigkeit gewinnen, durch das auch das Streben nach künstlerischer Bereicherung ihres Lebens und ihres Kultus neuen Auftrieb erhielt. Die Tagung des Verbandes im zehnten Jahre seines Bestehens bietet willkommenen Anlaß, durch eine kleine Übersicht auf das, was im Besitze einzelner Gemeinden und bei Privatpersonen an Bemerkenswertem leicht erreichbar war, die größere, insbesondere die jüdische Öffentlichkeit auf vieles hinzuweisen, was unserer Vorfahren religiöse Übung in Synagoge und Haus verschönte. Entsprechend der herrschenden Wirtschaftsnot konnten die Veranstalter — Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden und Israelitische Kultusgemeinde München - die Ausstellung nur im bescheidensten Umfang gestalten. Dennoch ist dank des Entgegenkommens vieler privater Besitzer und Abb. 1. Thoraschrein aus der ehemaligen Synagoge von Colmberg

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.