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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-07-01 · 13 (1.7.1930) · p. Seite 183

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
13 (1.7.1930)
Article
Die Säkularisierung des Judentums [Rezension]
Date
1930-07-01
Page
Seite 183 (sequence 2)
Language
German
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206 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 nach in allen Äußerungen seines historischen Lebens, sowohl in der staatlichen als auch in der Diaspora-Periode als typische Nation, die unter allen Umständen ihre autonome Existenz behauptet hat, und zwar nicht nur auf dem Gebiete der geistigen und religiösen, sondern auch in allen Sphären des sozialen Lebens." Da Dubnow in der Erfassung dieser soziologischen Prozesse die vornehmste Aufgabe des jüdischen Geschichtsschreibers steht, widmet er der Darstellung der äußeren Lebensvorgänge des jüdischen Volkes den bei weitem größten Raum seines Werkes, immer bestrebt, die verschiedenen Formen autonomer Organisation, die sich der Lebenswille der Juden im Wandel der Zeiten geschaffen hat, und die wechselnden Versuche des Volkes, sein Leben als besondere soziale Einheit aufzubauen, soziologisch scharf herauszuarbeiten. So entsteht ein Gemälde, das weiter gespannt ist als die bekannten Bilder der jüdischen Geschichte und auch als das von Graetz, und das in der Darstellung des biologischen Ablaufs des Lebens der Juden kaum übertroffen werden kann. Trotz des großen Rahmens und der feinen Skizzierung der Einzelheiten vermißt man aber in ihm gerade die Tönung und Farbe, die durch Aufträgen der spezifisch jüdischen Geistigkeit dem Gemälde noch hätte gegeben werden sollen. Dubnow hat nämlich nach Art ausgesprochener politischer Historiker der Allgemeingeschichte den Körper des jüdischen Volkes, der sich immer wieder soziologisch durchgesetzt und nach eigenen Gesetzen behauptet hat, so stark herausgearbeitet und so scharf gefeilt, daß die Darstellung der spezifischen Geistigkeit, dessen Träger eben dieser Körper ist, darüber zu kurz kommt, und daß die religiösen Formen und Hüllen, mit denen sich die verschiedenen sozialen Gebilde immer wieder zu umgeben pflegten, zu sehr nur als äußeres Kleid aufgefaßt und stets — und zwar nicht ohne Gewalt — politisch-soziologisch umgedeutet werden. Gerade in dieser religiös-geistigen Gewandung liegt aber das Eigenartige und Einzigartige der Geschichte der Juden, und nicht zuletzt auch das, wodurch sie auf die Völker der Erde gewirkt haben. Mit Recht lehnt Dubnow zwar die extreme, orthodox-teleologische Auslegung der Geschichte ab, mit Recht weist er die These von der Mission des Judentums, d. h. den Grundsatz der Gottesvolkschaft Israels als normierendes Prinzig der jüdischen Geschichte zurück, zu Unrecht aber geht er — religiöse Inhalte und theologische Deutung irrtümlich gleichsetzend — in seiner Negierung so weit, daß er sich scheut, sogar die tatsächlichen Äußerungen der spezifisch religiösen Geistigkeit des jüdischen Volkes als solche feftzustellen und anzuerkennen. Ja er wagt sogar den letzten Schritt und vertritt schlechthin die These von der völligen Säkularisierung des Judentums. Durch diese prinzipielle Auseinandersetzung soll die Bedeutung des Riesenwerkes von Dubnow nicht gemindert werden. Im Gegenteil; ich glaube, daß der Beschauer einem solchen Monumentalbau gegenüber sich nicht mit der Besichtigung der Fassade und dem flüchtigen Durchschreiten des Inneren begnügen darf, sondern die Pflicht hat, vor allem den Grundriß zu studieren, der die Raumverteilung im ganzen Gebäude bestimmt. Dubnow ist als Baumeister der jüdischen Geschichte seit Jahrzehnten bekannt. Ausgehend von der Geschichte der osteuropäischen Juden, hat er durch geschichtsphilosophische Arbeiten und verschiedene allgemeine Darstellungen, die von Mal zu Mal weiter ausholten, die Grundlage zu dem Werke gelegt, das er dann in den Kriegsjahren 1914 bis 1921 in zehn Bänden gestaltet hat. Unterdessen haben die Verhältnisse auch ihn, den nunmehr fast Siebzigjährigen, wie so viele andere, aus Rußland, wo er die Kraftzeit seines Lebens verbracht hüt, nach Berlin geführt. Daß er gerade in Deutschland sein Werk vollenden und dem Druck zuführen sollte, betrachtet er selbst als ein Symbol für die tiefe Verbundenheit und dankbar anerkannte Abhängigkeit von den grundlegenden Arbeiten, die jüdische und protestantische Gelehrte deutscher Zunge zur Geschichte der Juden geleistet haben. Dubnows Kraft liegt in der Synthese, in der Fähigkeit, aus dem kaum übersehbaren, in sich heterogenen, zu oft nur aus Einzelheiten bestehenden Stoffe das geeignete Material herauszusuchen und es sodann mit ausgesprochenem Gefühl für Systematik durch kunstvolle Aneinanderfügung und Gliederung imposant zu gestalten. Mit konstruktivem Mut wird die Periodisierung der Jahrtausende nach einem einheitlichen Prinzip vorgenommen, das sich ihm einerseits durch die politische oder soziale Umgebung, in der die Juden leben, ergibt, und auf der anderen Seite durch die Hegemonie, die jeweils ein Teil des Volkes auf die anderen versprengten Teile ausübt. In dieser Gliederung behandeln die ersten drei Bände die orientalische Periode, während von der europäischen Geschichte der Juden Mittelalter und Neuzeit in den je zwei folgenden Bänden, und die neueste Zeit bis zum Weltkriege in den letzten drei Bänden zur Darstellung gelangen. Als beste Empfehlung der Erzählungskunst Dubnows sei daraus hingewiesen, daß sogar orthodoxe Kritiker, die feine Geschichtskonzeption vollkommen ablehnen, seine Gestaltungskraft rühmend hervorheben. Die Quellen werden mit besonnener Kritik, Menschen und Dinge mit gerechtem Urteil, und der Stoff mit der Fähigkeit, Wesentliches und Unwesentliches voneinander zu scheiden, behandelt. Frei von übertriebenem Selbstbewußtsein oder niedriger Apologetik versteht es Dubnow, seine Darstellung stets lebendig und spannend zu gestalten und das Interesse des Lesers immer von neuem zu wecken. In diesem Zusammenhang sei im übrigen auch des Übersetzers A. Steinberg gedacht, der die zehn Bände aus dem russischen Manuskript ins Deutsche übertragen hat, und dessen feines Gefühl für Sprache und Ausdruck dem Werke sehr zugute gekommen ist. Dubnows Geschichte ist vielleicht die letzte jüdische Geschichte größeren Stils, die von einem Manne als einheitliches Werk geschrieben worden ist, und wir sind sicher, daß sie schnell neben der von Graetz stehen und zu wirken beginnen wird. Zum lode flöolf von ßarnacfcs Von Ludwig Feuchtwanger Im Sommersemester 1906 besuchte ich die Frühvorlesungen Harnacks an der Berliner Universität: „Einführung in die Evangelien". In präzisen, scharf formulierten Sätzen legte der große Gelehrte am Schluß jeder Vortragsstunde das Ergebnis nieder; am Leitfaden des so entstandenen Vorlesungsheftes las ich das Neue Testament noch viele Jahre. Der eulenartige Kopf mit den zurückgebürsteten grauen Haaren, die Brille auf der scharfen Hakennase, die baltische Sprechweise mit dem gaumigen, etwas verschleierten Tonfall: Das Ganze und das Einzelne jeder Bewegung in diesen prachtvollen Vorlesungen steht unvergeßlich vor mir. Das unbefangene, tiefere Eindringen in die christliche Lehre und in ihre Ensstehung aus dem jüdischen Mutterboden hatte aufden

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