Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 13 (1.7.1930)
- Article
- Gedanken zur jüdischen Sportbewegung
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 13 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 205 Geistig und körperlich müssen ganze Menschen herangebildet werden, ein gesundes und gewandtes Volk. In einem-sportlichen Wettkampf wird der Wille, den wir zur Erreichung unserer Ziele, sei es in der Schule, im Beruf, im sonstigen Leben benötigen, erzogen. Auf allen Gebieten bringt der Wettkampf die höchsten Kräfte zur Entfaltung. Bei jedem Wettkampf, wenn wir mit dem Mögen David antreten, verspüren wir vor allem: Wir sind Söhne eines neu sich erhebenden Volkes. Überall haben sich aus kleinen Anfängen heraus stattliche jüdische Sportvereine entwickelt. Insbesondere dort, wo sie von der Gemeinde nicht nur finanzielle, sondern moralische Unterstützung erhalten wie in Wien, Berlin, Nürnberg, ziehen die Vereine immer mehr die Aufmerksamkeit auf sich. Leider ist dies nicht überall der Fall. Es gibt genug jüdische junge Leute, die zu jedem großen Wettspiel gehen, jede einzelne „Kanone" kennen, alle Fußballtabellen im Kopf haben, aber selbst nichts zu ihrer eigenen Gesundheit tun. Andere wiederum sind in den „großen" Klubs und bringen dort materielle Opfer. Hier wäre ein sehr dankbares Gebiet der Gemeinde und der jüdischen Lehrer, dahin zu wirken, daß der jüdische Sportverein vorhanden ist und man es nicht nötig hat, sich in anderen Sportvereinen dulden zu lassen. Zeder kann in unserer Gemeinde das pflegen, was schon immer Grundlage und Ausdruck einer naturverbundenen Gemeinschaft war: Spiel und Sport. vie Säkularisierung des Judentums Dubnows „Weltgeschichte des Jüdischen Volkes". Von Professor Dr. Gotthelf Weil Dubnows zehnbändige „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" (Jüdischer Verlag, Berlin 1925—1930) liegt seit Ende 1929 fertig vor. Eine sehr begrüßenswerte Ergänzung in zwei Bänden „Geschichte des Chassidismus" soll noch nächstes Jahr folgen. Der bedeutende Arabist und Kenner der semitischen Kulturen an der Universität Berlin, Professor Gotthelf Weil, der Vorstand der Orientabteilung der Berliner Staatsbibliothek, hat uns auf unseren Wunsch nachstehende Würdigung des Werkes zur Verfügung gestellt. Durch die Forschungen der letzten vierzig Jahre ist die jüdische Geschichte gegenüber der Geschichte von Graetz um die Epochen des sogenannten „Alten Orients", die bei Dubnow nicht weniger als drei Bände ausmachen, erweitert worden. Etwa ein volles Jahrtausend, von der verhältnismäßig ja recht späten Entstehung des Volkes Israel an bis Esta, ist infolge unserer neuesten genauen Kenntnisse der „Umwelt" des jüdischen Volkes in das hellste Licht der Geschichte gerückt. Dubnow ist kein selbständiger Forscher wie Graetz. Daß man dessen umfassende und originelle Gelehrsamkeit bei Dubnow nicht suchen darf, wird auch von den Anhängern der nationaljüdischen Richtung Dubnows nicht bestritten. Graetz wird von Dubnow ebensowenig überholt wie Ranke von irgendeinem modernen westeuropäischen Historiker. Ja, die ganz große unvergängliche Leistung des dreizehnbändigen „Graetz" (nicht der spateren „Volksausgabe") erhält durch den neuWischen Geschichtschreiber erst ihre Folie. Es spricht für die außerordentliche wissenschaftliche Redlichkeit Ernst Simons, der auf die nationalistisch stark getrübten Urteile Dubnows, namentlich über Vorgänge und Zusammenhänge der neueren Zeit, nachdrücklich aufmerksam gemacht hat. Es geht doch nicht, daß Dubnow z, B. Graf Arco den Kurt Eisner „meuchlings ermorden" läßt, aber Leonid Kannegieser, der den Tscheka-Vorsitzenden Uritzki erschoß, und Dora Kaplan, die ein Attentat auf Lenin verübte, als Freiheitshelden bezeichnet. In den gleichen Zusammenhang gehört es, wenn Schalom Schwarzbart „der enthusiastische Sohn des Volkes Israel" genannt wird, während der rumänische Minister Bratianu „ein Vertreter des Hamangefchlechtes" ist. Da kehren wir doch trotz seines „Gartenlaubestils" zu Graetz zurück. Denn er war, zwar als „Liberaler" gescholten, noch im hohen Maß mit dem Geist des „Religionsvolks" verwandt. Obwohl feftfteht, daß die Mehrung der wissenschaftlichen Erkenntnis der letzten Jahrzehnte im wesentlichen durch die methodische Spezialforschung und die hingebungsvolle Kleinarbeit zustande gekommen ist, darf anderseits doch nicht übersehen werden, daß alles Spezialistentum letztlich keinen Sinn hätte, wenn nicht stets Versuche nebenherliefen, ein Gesamtbild von den einzelnen Wissenschaften als Kontrolle für den Wert der Einzelergebnisse und vor allem als Zielsetzung der Forschung zu entwerfen. Nicht jedem ist es allerdings gegeben, die für ein solches Monumentalgemälde notwendigen Skizzen und Studien anzuftellen, die riesige Stoffmosse zu überschauen und zu wohlgegliederter, künstlerischer Gestaltung zu bringen; um so bedeutungsvoller aber wirkt es, wenn es einmal mit kühnen Strichen versucht wird. So aufgefaßt, beansprucht Dubnows soeben abgeschlossene zehnbändige „Weltgeschichte des Jüdischen Volkes" nicht nur die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt, sondern auch das Interesse aller Gebildeten, zumal es sich in der Geschichtsschreibung nicht nur um die nackte Darstellung der Vergangenheit handelt, in ihr vielmehr auch die Gegenwart beim Aufbau des Bildes gestaltend mitwirkt. Die Tatsache, daß seit dem Abschluß der „Geschichte der Juden" von Heinrich Graetz sechs Jahrzehnte vergangen sind, bis sich wieder ein Historiker an diese Aufgabe gewagt hat, zeigt die Schwierigkeit und Größe des Unternehmens, dessen universale Bedeutung Dubnow durch den anspruchsvollen Titel „Weltgeschichte" zum Ausdruck bringt. Denn gleich dem Judentum selbst, das räumlich alle Länder der Erde durchwandert und zeitlich vier Jahrtausende Menschheitsgeschichte durchlebt hat, sind auch die von seinem Geschichtsschreiber zu verarbeitenden Quellen in fast allen lebenden und toten Sprachen der Erde verfaßt und in den meisten Literaturen und Archiven der Kulturwelt verborgen, so daß der riesige Stoff und die an ihn anschließende wissenschaftliche Forschung kaum noch von einem einzelnen Menschen übersehen werden kann. Graetz, der das gewaltige und ungefüge Material zum erstenmal konstruktiv erfaßt hat, sah in den Juden vor allem Künder und Märtyrer ihres Glaubens, die ihre Wanderung durch die Länder und die Jahrhunderte leidend und sinnend, duldend und forschend zurückgelegt haben. Diese Auffassung, bei der die Geschichte häufig zur Literaturgeschichte zu werden droht, lehnt Dubnow als theologisch und spiritualistisch ab; vor allem auch deshalb, weil bei ihr der äußere Lebenswille und die Aktivität des Volkes, das nur als Objekt-der Geschichte der anderen betrachtet wird, nicht zur Darstellung gebracht wird. Demgegenüber bezeichnet er seine eigene Konzeption der jüdischen Geschichte als die soziologische, die, da diese Bezeichnung an sich vieldeutig ist, mit seinen eigenen, an anderer Stelle niedergelegten Worten erklärt sei. Seiner Auffassung „liegt der Gedanke zugrunde, daß man bei aller Eigenart der Schicksale des jüdischen Volkes in seiner Geschichte die allgemeinen Prozesse der nationalen Evolution verfolgen kann, und daß auf sie die allgemeinen Normen der Geschichte anzuwenden sind. Das Judentum erscheint dar-