Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 13 (1.7.1930)
- Article
- Jüdisches Erwachen in Frankreich
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 181 (sequence 2)
- Language
- German
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204 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 zu wählen. Sonst hätte ein gewandter Vielschreiber wie Pierre Benoit wohl nicht seinen geschickten Durchschnittsroman „Puits de Jacob“, „Der Brunnen Jakobs", geschrieben. Jehouda schilderte die neuen Ankömmlinge in seiner „Famille Perlmutter". Bloch zeichnete mit großer Kraft eine elsässische Judensamilie, wie sie sich im Wandel der Geschlechter entwickelt, in seinem bedeutenden Romane „Simler & Co." Lunel schließlich bewahrte in seinen Romanen „Esther de Carpentras" und „Niccolo Peccavi" krause und stolze Berichte aus der Vergangenheit der Juden in der Provence. Im Mittelpunkt aber dieser neuen jüdischen Renaissance steht der elsässische Jude E d - m o n d F le g. Edmond Fleg ist in Deutschland vorwiegend durch sein Kinderbuch für Große „Der kleine Prophet", „L’Enfant Prophete“, bekannt geworden. Vielleicht nicht einmal das stärkste seiner jüdischen Bücher; mir erscheint die Geschichte von Salomo Molcho, die er unter dem Titel „Le Juif du Pape“ in einem Drama darstellte, das noch nicht ins Deutsche übertragen wurde, bei weitem einheitlicher. Aber das Kinderbuch verdient dennoch seine weitgehende Verbreitung; denn es gibt die typische Geschichte eines französisch-jüdischen Kindes der letzten Jahrhunderte, ja es gibt mehr: etwas von der von uns eben flüchtig gedeuteten Geschichte des französischen Judentums überhaupt. Der kleine Junge, der da im modernen Paris als Kind jüdischunjüdischer Eltern aufwächst, in dessen Elternhause das Wort „Jude" verpönt ist — wir kennen ihn Me. Denn nicht nur in Frankreich stand seine Wiege; auch im Deutschland der Vorkriegszeit gM es Häuser, in denen die Judenkirschen im Garten vor den Ohren des christlichen Gärtners in „Lampionstrauch" umgetauft wurden. Der kleine französische Junge aber entdeckt sein Judentum — und kann es nie mehr vergessen. Es ist nicht das Judentum der Orthodoxie; mancher könnte vielleicht sagen, daß dies Judentum mit der Religion der Vernunft und Menschlichkeit, wie sie Christ und Jude etwa im deutschen Aufklärungszeitalter predigten, allzuviel Ähnlichkeit zeigt, um lebendig zu fein und Leben zu wecken. Fleg selbst ist seitdem weiter, ist tiefer hinein, ist jüdischer vorwärts geschritten. Schon die abgerissenen Gedanken „Warum ich Jude bin" zeigten tiefes Besinnen. Vor allem Mer entdeckte er auf diesem Wege „den Quell, aus dem er entsprang, und den Stein, aus dem er gehauen worden war". Er entdeckte jüdische Vergangenheit und jüdisches Schrifttum — das Erbe seiner Väter. Einer seiner französisch-jüdischen oder zum mindesten halb-jüdischen Zeitgenossen, der frühere Katholik und heutige Wunsch-Jude Anne Palliere, dessen Buch „Das unbekannte Heiligtum", auch bei uns viel gelesen wurde, prägte damals das Wort von der Synagoge, wie sie mittelalterliche Bildhauer darstellten: mit der Binde über den Augen... Aber, so rief er seinen jüdischen Brüdern zu: Ihr seid es jetzt selbst, die Ihr die Binde vor die Augen nähmet — Eure Vergangenheit, Eure Zukunft, Eure glorreiche Aufgabe nicht erkanntet. Dieser neuen Aufgabe, durch Erkenntnis des Vergangenen Kraft zu schöpfen für Gegenwart und Zukunft, hat Fleg nun seine reichen Kräfte geweiht. Ihr galten die wertvollen jüdischen Anthologien, durch die er Schätze jüdischen Schrifttums seinen jüdischen Brüdern zugänglich zu machen versuchte. Ihr gilt auch sein kürzlich erschienenes und schon ins Deutsche übertragenes Buch „Moses". Kein Roman; auch kein streng wissenschaftliches Buch, wogegen sich die Einführung offen verwahrt. Aber — vielleicht mehr. Denn Fleg versucht hier —■ und es ist kein SchMe, daß ihn einige der modernen Plutarche in Deutschland und besonders in Frankreich vielleicht formal dazu anregten — eine Gestalt aus unserem biblischen Heldenzeitalter mit all dem Leben zu umkleiden, das ihr von altersher eine bildungsfrohe Volksphantasie verliehen hatte. Sein „Moses" beginnt mit einer respektvollen Absage an die Gelehrten. Nicht die kritische Exegese, die ihr Bereich ist, will er bei seiner Darstellung zu Rate ziehen; um so eindringlicher aber die dichterische, religiöse, lehrhafte, manchmal satirische Exegese unserer Rabbinen, die uns den größten der Propheten von Jahrhundert zu Jahrhundert in helleres Licht rückte. Und so entstand ein Lebensbild eines Volkshelden, wie ihn sein Volk im Laufe der Geschlechter sich vorstellte, deutete und empfand". Auch dies ist ja, wie Fleg mit Recht hervorhebt, eine Art der Geschichtsschreibung, die ihr eigen Recht in sich trägt: Geschichtsschreibung nicht eines einzelnen — sondern einer Gemeinschaft der Väter, die dem späten Enkel der Erzähler und Erklärer des Talmud das Recht oder vielleicht gar die Pflicht vererbt sie fortzusetzen. Denn mit nicht minderem Recht beruft sich der neue Erzähler darauf, daß die Freiheit, mit der er selbst dem Talmud gegenüber verfuhr, keinesfalls größer ist als die unbekümmerte Freiheit des Talmuds gegenüber dem Texte der Bibel. So entstand ein heroisches Lebensbild unseres großen Lehrers Moscheh: von seiner Auffindung im Korbe bis zu seinem Tode durch den Kuß Gottes. Nicht Edmond Fleg allein hat dies Buch geschrieben, nicht der suchende, seiner selbst und des Weges ungewisse Mensch und Jude unserer Tage. Sondern dies Buch schrieben Tausende von Juden, Tausende von Gottsuchern, Tausende von Geschlechtern. Das ist sein bester Ruhm. Unserem Stammvater Isaak wird es zum Ruhme angerechnet, daß er die Brunnen seines Vaters Abraham, die verschütteten, wieder aufgrub und dem Leben zugänglich machte. Gleiches Verdienst hat sich Edmond Fleg durch feinen Moses erworben. Denn auch hier quillt lebendiges Wasser. Bertha Badt-Strauß. bedanken zur jüdischen Sportbewegung Anläßlich des Zusammentreffens der Bar-Kochba-Vereine Nürnberg und München schreibt uns Herr Leo Fleischer (Bar-Kochba München): Wer als Erwachsener von der heutigen Jugend spricht, neigt unwillkürlich dazu, sie mit der Jugend seiner Zeit zu vergleichen. Er sieht sich selbst in seinen jungen Jahren vor sich und urteilt von ihnen über die Dinge, die ihn nach so viel Jahren ansprechen. Aber sollten da nicht Fehler unterlaufen? Unter was für ganz anderen geistigen Einflüssen ftt die jetzige Jugend aufgewachsen. Man vergegenwärtige sich den „Zeitgeist" von 1914 bis 1923, und noch etwas: Bis vor einigen Jahren war der jüdische Schulunterricht genau wie der allgemeine von einem harmonischen Weltbild bestimmt und von einer geschlossenen, geistigen Zielsetzung der Lehrerschaft getragen. Gegensätze, wie sie heute aus dem Meinungsstreit über jüdische Gegenwarts- und Zukunftsftagen, aus der Unsicherheit in dem sich überstürzenden Wechsel neuer Erziehungsgrundsätze kommen, beeinträchtigten früher die Schulerziehung nicht. Alle diese grundlegenden Veränderungen gegenüber den Verhältnissen der Vorkriegszeit haben allein durch ihre Tatsachen einen bedeutenden Einfluß auf die Jugend. Der junge Mensch muß heute um seiner persönlichen Entwicklung willen einer Gemeinschaft zugeführt werden, die ihn einordnet und um ihn sorgt. Er bedarf heute mehr denn je einer besonderen Fürsorge, einer Gemeinschaft gleichgerichteter, gleichgesinnter und meist gleichalteriger Menschen. Diese Gemeinschaft bilden hauptsächlich die im Makkabi-Weltverband zusammengeschlossenen jüdischen Turn- und Sportvereine, welche keine politische Sekte darstellen, wie sehr viele anzunehmen geneigt sind, sondern eine Gemeinschaft, die jedem offen steht, der sein Judentum bejaht. Auch von der menschlichen Seite aus gesehen, bietet sich in dieser Gemeinschaft jene Stätte, welche die gesunden, jugendlichen Kräfte hegt und durch ein lebendiges, frohes Jugendleben verhütet, daß die tieferen Werte verkümmern, vielmehr dafür sorgt, daß sie sich weiter entwickeln. Das vielseitige Spiel- und Sportleben verhütet das gefährliche Abrutschen in die Sphäre der blasierten jungen Damen und Herren unserer zivilisierten Vergnügungsplätze der Großstädte. Der Aufschwung, den in letzter Zeit die Sportbewegung in allen Ländern der Welt genommen hat, beweist, daß man überall den Sport als einzigen Weg zur Volksgemeinschaft erkannt hat. Der Sportplatz, der keine soziale Schichtung kennt, auf dem der Tüchtigste nur das eine vor den anderen voraus hat, daß er am meisten geben kann, soll unser Gemeinschaftsgefühl, das Eintreten für einander wecken und ausbilden. Jüdischer Sport ist nicht nur eine Angelegenheit des Makkabiverbandes, sondern eine Sache des gesamten Judentums. Nicht dem Zeitgeist zuliebe, nicht um es unserer Umwelt gleich zu tun, nicht aus Langeweile und nicht aus Rekordsucht treiben wir Sport, sondern zu unserer geistigen und jüdischen Erziehung. Wir sehen im Sport ein Mittel, körperlich stärker, seelisch tüchtiger und besser zu werden. Aber nicht einseitigen „Nur"-Sport verherrlichen wir; ihm fehlen alle geistigen Interessen. Aber auch einseitige Gelehrsamkeit erscheint uns nicht das Richtige, denn was nützt aller Intellekt dem einzelnen und dem Volke, wenn die körperliche Grundlage ungesund ist.