Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 13 (1.7.1930)
- Article
- Ernst Simon in München
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 180 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 13 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 203 geübt. Herkunft und der geistige Mutterboden des Gedankenwerkes dieses Mannes ist der deutsch-jüdische Liberalismus, natürlich nicht in seiner negativen Entartung; die Lebensformen Rosenzweigs wurden allmählich und dann bis zu seinem Ende, die des strenggläubigen, gesetzestreuen Judentums. Die Zumutung eines sacrificio del intelletto wies er dabei auf das entschiedenste von sich; die Lehre der Verbalinspiralion machte er so wenig mit wie den orthodoxen Abscheu vor jeder Bibelkritik. Das Thema des zweiten Vortrags (der trotz der Ungunst äußerer Umstände wie der erste überfüllt war) zeigte den ausgezeichneten Redner in seinem Element als modernen Lehrer. Ob er von dem Schulaufsatz als „Schundliteratur" sprach oder die heutigen Schultypen erläuterte, die alte und die neue Schule gegenüberftellte, immer die gleiche fesselnde Eindringlichkeit und souveräne Beherrschung des verzweigten praktischen und literarischen Stoffes! Die Schiderung der alten Talmudschulung, des Cheder und der Ieschiwah, die Analyse des Gebetes im östlichen Judentum (Einsamkeit in der turbulentesten Gemeinsamkeit) waren unvergeßliche Höhepunkte, denen auch keine Spur des Literarischen anhaftete. Durch Simons Ausführungen lernte man verstehen, was die in sich geschlossene Weltanschauungsschule im Gegensatz zu unserer allgemeinen „simultanen" Bildungsschule bedeutet und daß sie den moderneren Schultyp darstellt. Zu diesem Vortrag hätte man alle Gegner der jüdischen Schule herbeigewünscht. Ebenso schwerwiegend war die Auseinandersetzung mit den jüdisch-traditionellen Anschauungen, namentlich mit der Forderung S. R. Hirschs „Tora im derecherez“ (Verbindung der Kultur- und Weltoffenheit mit strengster GesetzeStreue). In feinabgewogener, verantwortungsbewußter Gedankenführung trat Simon einem Illusionismus entgegen, nach welchem in jener Mischung das alte Erbgut der Gesetzestreue, auch bei erschöpfender Befolgung der jüdischen Pflichtenlehre, intakt bleiben könne, das heißt mit sich selbst, seinem inneren Sinn nach, identisch zu bleiben imstande sei. — Es wurde oben der Vergleich mit Franz Rosenzweig gewagt. An einen zweiten bedeutenden deutschen Juden der Gegenwart ohne Parteischablone, an Marlin Buber, muß man angesichts der geistigen Gestalt Ernst Simons denken. Jedes Werk von Buber, und auch seine liebenswerte Gesamtexistenz, ist ein in sich geschlossenes, vielleicht mehr künstlerisches, im höchsten Grad anziehendes Gebilde aus einem Guß, der rationalen Kritik, dem Besserwissen, absolut unzugänglich. Man muß es hinnehmen wie es ist oder ablehnen. Mit Simon, seinem reichen, immer bewegten Geist, mit seiner kühnen und gleichzeitig immer besonnenen, ja diplomatischen Haltung müssen wir uns kämpfend und kritisch auseinandersetzen; mit ihm müssen wir disputieren. Das kann nur, wer mit den gleichen, gar nicht leichten Waffen seiner ausgezeichneten deutschen und jüdischen Bildung ausgerüstet ist. Simon ist aufgeschlossen und jeder Kritik zugänglich; er hat noch eine bedeutende Entwicklung vor sich. Auf ihn richten sich die besten Hoffnungen des deutschen geeinten Judentums. Daß die Kultusgemeinde München diese Vorträge ermöglicht hat, danken ihr alle Hörer von Herzen. Bei der 11. Jahresversammlung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, am 25. Juni, hielt Ernst Simon soeben die Gedenkrede „Franz Rosenzweig und das jüdische Bildungsproblem". F. Indisches Erwachen in §rankreich Edmond Fleg „Es kam über mich die Macht des Herrn; und der Herr führte mich hinaus und stellte mich in ein Tal, das war voller Gebeine... Er sprach zu mir: Menschensohn, können diese verdorrten Gebeine wohl je wieder aufleben? Da antwortete ich: Herr, Du allein weißt es.." Eine Szene von Shakespearescher Wucht fand Herder einst in diesem Kapitel aus dem Propheten Exechiel. Was aber auch Herder damals nicht wußte oder nicht bedachte, ist dies: daß sich in dieser Vision des Propheten geradezu ein typischer und wie ein Kehrreim immer wiederkehrender Vorgang jüdischer Geschichte sein groß gesehenes Spiegelbild gefunden hat. Immer wieder erhebt sich die Frage: Können diese verdorrten Gebeine jemals wieder aufleben? Und immer wieder heißt die Antwort: So spricht Gott der Herr zu den verdorrten Gebeinen: Ich bringe in Euch Lebensgeist..., daß Ihr lebet und erkennet, daß ich Gott der Herr bin." Ähnliche Frage, ähnliche Antwort, — so scheint es uns — vollzog sich fast vor unseren Augen im Laufe der letzten Jahrzehnte an den Juden Frankreichs. Es ist noch nicht allzu lange her, da gab es eigentlich keinen einzigen Juden mehr in den alten Gemeinden Frankreichs, die einst Kämpfe des Geistes, Kämpfe des Herrn ausgesuchten hatten. Seit etwa hundert Jahren schon war der französische Jude tot — es lebte an seiner Statt nur noch ein blasses Abbild: der jüdische Franzose. Schon vorher, in den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts hatte ja Jsaac Pinto aus Bordeaux, der Amsterdamer Finanzmann, dem Herrn von Voltaire zu beweisen gesucht, daß ein Jude aus Bordeaux und ein Jude aus Metz zwei ganz verschiedene Wesen wären — noch heute bewahrt das jüdische Volkswort von „Pinte aus Amsterdam" höhnend seine engstirnige Dünkelhaftigkeit auf. Pinto mag einer der ersten gewesen sein, die sich „absonderten von ihrem Volke", weil sie vor allem stolz waren auf ihre Zugehörigkeit zum Reiche der Franzosen. Aber ihm gleich taten es gern oder ungern — vermutlich mehr ungern als gern — jeüe'Räbbinen aus allen Teilen des großen Frankreichs, die Napond sein Moses leon 1806 zu seiner berühmten Versammlung der Notabeln einberief, deren Zweck man heute klarer sieht als ihn etwa ein Heine kannte. Völliges Aufgehen der Juden unter ihren französischen Mitbürgern sollten jene Reformmaßnahmen erzielen, denen sich selbst der Rabbi Sinzheim nicht zu widersetzen wagte. Seitdem schien Napoleons Absicht mit den französischen Juden fast völlig erreicht zu sein. Zwar in der Provinz fand man noch hier und da eine Ieschiwah; bei den Juden der Provence erhielt sich noch ein Schatten des Stolzes auf ihre große Vergangenheit —aber die Großstadtgemeinden, ganz besonders Paris selbst waren ganz und gar zur „Staatskirche" geworden. Französisches Judentum — das war nicht viel mehr als die formelle Einrahmung einiger Lebensaugenblicke. Von den hunderttausend Juden in Paris gehörten kaum mehr als viertausend zur jüdischen Gemeinde. Einzig der französische Antisemitismus, der etwa einen Dreyfus, weil er Jude war, zur Teufelsinsel verbannte, schien wie ein böser Geist der Gräber umwittert, noch von einstiger französischer Judenheit zu zeugen. * * * Es war der Ausgang des Weltkrieges, der hier die entscheidende Wandlung brachte. Das Elsaß wurde französisch und brachte seine Juden, deren ungeschwächte Altgläubigkeit wie ein frisches Reis den dürren Stamm verjüngte; dazu aber kamen eine große Anzahl von spaniolischen Juden, die in Paris einwanderten und vor allem: etwa 25 000 Ostjuden. Die neuen jüdischen Einwanderer nahmen — und sie gaben. Sie nahmen: denn an ihnen erwachte das jüdische Gemeinschaftsgefühl, das sich ihrer Not erbarmte. Sie gaben: denn an ihrer Verwurzeltheit in jüdischer Tradition erwachte neues jüdisches Leben. Ein überraschend lebhaftes Echo in französischer Geisteswelt anwortete diesen jüdischen Einwanderern. In den Niederungen wie in den Höhen. Es muß vor einigen Jahren fast Mode geworden sein, jüdische Stoffe