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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-07-01 · 13 (1.7.1930) · p. Seite 179

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
13 (1.7.1930)
Article
Ungelöste Fragen des bayerischen Judentums vor 80 Jahren
Date
1930-07-01
Page
Seite 179 (sequence 2)
Language
German
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202 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 von Gemeindeangehörigen unter den Voraussetzungen, welche die Errichtung einer eigenen israelitischen Kultusgemeinde bedingen, gestattet sein, von der bereits bestehenden Gemeinde sich zu trennen und innerhalb desselben Sprengels eine gesonderte Kultusgemeinde zu bilden?" Die Antworten sind sehr intereffant; die Meinungen auch der bayerischen Gesetzestreuen gingen weit auseinander. Frage 14: „Welches sind die allgemeinen Kriterien der Rechtgläubigkeit im Judentum, ohne welche der Bestand desselben nicht angenommen werden kann?" Die „liberalen" Antworten von Aub und Löwi, die „orthodoxen" Antworten von Adler, Bamberger, Feuchtwang und Rosenbaum sind streng abgewogen und tragen ausnahmslos das Zeitgepräge von 1850 an sich. Es folgen schwerwiegende Fragen der „Trennung" und des „eigenen Rabbiners". Dem Zusammenschluß zu „Gemeindeverbänden" und „Distriktsgemeinden" gelten die nächsten Fragen. Mendel Rosenbaum erklärte dazu: „Wenn der Rabbiner ein wahrhaft religiöser und befähigter Mann ist, so dürfte es bester sein, wenn der Rabbiner zugleich alle seine Gemeinden der Staatsregierung gegenüber zu vertreten hat. Im entgegengesetzten Fall aber, würde hieraus viel Unheil für die rechtgläubigen Gemeinden entspringen." Nach der Qualifikation der Religionslehrer und Rabbiner wurde in Nummer 18 und 19 gefragt. Frage 20: „Welche Autorität hat ein Rabbiner überhaupt und für welche religiösen Handlungen und Beziehungen ist er unentbehrlich?" Die Mehrzahl der Befragten stimmten darin überein, daß es einen eigentlichen Rabbinerstand im Judentum nicht gebe und daß jeder gehörig qualifizierte Israelit dessen Funktion übernehmen dürfe. Seligmann trat dieser Behauptung entgegen. Es folgen Fragen der Approbation und Autorisation der Rabbiner, des „Oberrabbinats" und einer „Synode". Die vorwiegenden Antworten lauteten: „Die jüdische Religion kennt eigentlich keine persönlichen Autoritäten." Gegen eine jüdische Oberkirchenbehörde verhielten sich die meisten Befragten ablehnend. Endlich wurde nach der „Form der Aufnahme in die jüdische Religionsgesellschaft", nach den Erfordernissen eines vollgültigen Abschlusses der Ehe durch Mitwirkung der Kirchenvorfteher, nach den Voraussetzungen jüdischer Ehescheidungen, nach den Formalien des Eides, damit er im Gewissen nach jüdischer Lehre bindend angesehen wird und schließlich nach der Anwendung des mosaischen Rechts durch den staatlichen Richter gefragt. Die Antworten gingen fast überall weit auseinander. Die Fragen — und noch mehr die Antworten — geben tiefen Aufschluß über die innere Lage des westeuropäischen Judentums vor 80 Jahren und sind für die damaligen Verhältnisse, weit über Bayern hinaus, bezeichnend. Mehr als ein Hinweis auf die Geschichte des Auseinanderfallens und des äußeren Zusammenschlusses der bayerischen Juden — anläßlich der Verbandstagung am 29. und 30. Juni — sollte dieser Auszug aus dem wichtigen Winterschen /,Jeschurun"- Beitrag nicht sein. Ludwig Feuchtwanger. Ernst Simon Zu den Juni-Vorträgen über „Franz Rosenzweig Es ist am Platz in diesem Fall die Tonart einer zurückhaltend referierenden und ermunternden Berichterstattung ausnahmsweise zu verlassen und an Leistung, Können, Persönlichkeit den einzig gültigen Maßftab in geistigen Dingen anzulegen, nämlich den höchsten Maßftab westeuropäischer Bildung und Gedankenführung. Anders dürfen, wenn man zu einem klaren und unverfälschten SinnverftändniS kommen will, auch nicht rein westeuropäische, anders gemischte Kulturzusammenhänge und LebenSgefühle nicht gemessen werden. Im allgemeinen brauchen Leistungen aus dem jüdischen KreiS: Vorträge, Bücher, künstlerische und wissenschaftliche Veranstaltungen aller Art, leider auch politische und publizistische „Kunstwerke", ziemliche Nachsicht in der öffentlichen Beurteilung. Wie es in der staatlichen Wirtschaftspolitik Schutz- und Erziehungszölle für gefährdete Produktionszweige, aufkeimende Industrien gibt, so können jüdische Eigenleistungen, die noch nicht aus dem Stadium der Versuche und Hoffnungen herauszutreten vermögen, nicht in allen Fällen einem offenen Wettbewerb ausgesetzt und unbekümmert kritisiert werden. Die Gründe dieses milderen Maßstabes hängen mit dem kranken jüdischen Corpus, seiner gefährdeten Gesamtexiftenz zusammen, die sich keines normalen Lebensaufbaus erfreut wie andere soziale Gebilde und deshalb nicht verträgt hart-sachlich angefaßt zu werden. Das Beglückende an dem Wirken, dem Lehren und an den Vorträgen von Ernst Simon ist, daß sie dieser notwendigen Rücksicht nicht bedürfen und daß das übliche Lobesvokabular aus in München und „Tradtionelles Judentum und Erziehung" jüdischen Nachrufen, Referaten, Besprechungen hier ganz beiseite gelegt werden kann. In Ernst Simon zeigt sich — ich wage es zu sagen in noch reinerer Ausprägung als in Franz Rosenzweig — der seltene Typus eines deutschen Juden, der die Zugehörigkeit zu einer der üblichen jüdischen Richtungen des 19. Jahrhunderts weit hinter sich gelassen hat. Seine Kritik an diesen überlebten Parteifigurationen ist ebenso maßvoll wie meisterhaft. Wie er die gemeinsame, weder religiöse noch spezifisch jüdische Wurzel des liberalen, neuorthodoxen und zionistischen Judentums in dem Vortrag über Rosenzweig bloßgelegt und die Auseinandersetzung Heines, Herzls und Rosenzweigs mit dem Christentum analysiert hat, war nicht nur eine rethorische und geistige Leistung von Rang, sondern mußte den mitdenkenden Hörer auch zu neuen Einsichten führen und konnte damit entscheidend für seine Praxis werden. Indem Simon das heikle KonversionSproblem des 19. Jahrhunderts von der Seite der ganz wenigen aus eigener Überzeugung zum Christentum konvertierten Juden erörterte und vor allem auch die entscheidende Wendung in dem Leben Franz Rosenzweigs in der Entzündung seines jüdischen Geistes an christlichen Gedanken zeigte, gab er Neues und mehr als nur Interessantes; besonders gilt dies von der eindringlichen Analyse von Rosenzweigs Hauptwerk „Der Stern der Erlösung", namentlich wie darin die idealistische Philosophie überwunden wird. An der deutschen Neuorthodoxie und am herrschenden Zionismus hat auch Rosenzweig die ernsteste und schärfste Kritik

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