Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 12 (15.6.1930)
- Article
- Die Herrschaft der Minderwertigen [Rezension]
- Date
- 1930-06-15
- Page
- Seite 188 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2727810-2727900-2727912-2738113--06257-2738176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
188 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 diesen Fragen weitgehend die Thesen Spenglers zu eigen. Die Juden, als der Partei der Aufklärung und des Individualismus angehörend, konnten zwar (nach Jung) der fest gefügten gesellschaftlichen Rüstung des konservativen englischen Volkes nichts anhaben, das Gebäude des deutschen gesellschaftlichen Aufbaus sei jedoch von dieser typischen Haltung des Juden von innen heraus ausgehöhlt worden. Und die bekannte Spenglersche Dialektik wird wiederholt: „Wenn für die europäisch-amerikanische Demokratie die Verfassungskämpfe und Revolutionen (die Schlagworte Gleichheit und Freiheit) eine Entwicklung zum zivilisierten Ideal bedeuten, so sind sie für den Juden der Abbau dessen, was anders ist als er." Im Zionismus entsagen nach Jung nicht unbeträchtliche Teile des Judentums dem schädlichen Individualismus und vollziehen, vom völkischen Erwachen der abendländischen Völker angesteckt, die Wendung zum eigenen jüdischen Volkstum. „Aber selbst, wenn sich der Jude als Angehöriger seines Wirtsvolkes betrachtet und an dessen Geschick teilnimmt, wie eS 1914 in vielen Ländern der Fall war, so erlebt er es in Wirklichkeit doch nicht als sein Geschick, sondern er nimmt dafür Partei, er beurteilt es als interessierter Zuschauer, und gerade der letzte Sinn dessen, worum gekämpft wird, muß ihm stets verschlossen bleiben;" auch diesen Satz spricht Jung Oswald Spengler nach. Er weist allerdings ausdrücklich die gehässige Kampfesweise vom Einzelnen zum Einzelnen als „individualistisch" und „liberal" ab, da es sich doch um „schicksalhafte Gegensätze von Volksgeist zu Volkögeift" handele. So wenig man mit den Halbwahrheiten der Iungschen Iudentheorie, die umgedreht genau so „wahr" bleibt, anfangen kann, sie bleibt doch typisch dafür, wie sich heute weite Kreise des Bürgertums ihre antijüdischen Affekte zurechtlegen. Ob der Jude einem eigenen geschlossenen Volkstum öuftrebt, ober er sich ganz als Deutscher, Engländer, Franzose usw. fühlt und wie ein Deutscher, Engländer usw. handelt, „tut nichts, der Jude wird verbrannt". Jeder Jude, der etwas auf sich hält, wird also nur darin bestärkt werden, fest und unbeirrt den angetretenen und für richtig erkannten Weg weiterzugehen und eS wie der fromme Schwabe im heiligen Land in Uhlandö Ballade zu machen. Das Buch von Jung aber bleibt als Dokument des Zeitgeists wichtig und lehrreich. Sein tönender Titel „Die Herrschaft der Minderwertigen" gehört zweifelsfrei den trüben, phrasenhaften Zeiterscheinungen an, denen seine umständliche Kritik gilt. Ludwig Feuchtwanger. Uder die jüdische §amilie Von Mansre Nicht nur in der Literatur können wir wcchrnehmen, daß sich jüdische Menschen wieder mit den Problemen der jüdischen Familie beschäftigen. Das ist nicht so selbstverständlich, wie man es gerne annehmen möchte. Blicken wir zwei, drei Jahrzehnte zurück: war damals in der Allgemeinheit des Judentums der Wunsch vorhanden, zu wissen, woher man kam, wohin die Spuren zurückführten, die nur zu oft kaum mehr erkennbar waren? Im Gegenteil, es lag in der Zeit, in diesen Dingen mehr vorwärts als rückwärts zu blicken, und wenn wir ehrlich sind, so müssen wir zugeben, daß es nicht wenige unter uns gab, die aus Gründen der Opportunität oder aus einer, vielleicht nicht immer eingestandenen Scham mehr Interesse daran hatten, die Spuren ihrer Abstammung auszulöschen, als ihnen nachzugehen. Heute ist dies anders. Überall spüren wir den Drang im Judentum, an das Vergangene wieder anzuknüpfen. Heute hat man wieder den Wunsch, nachzuprüfen, wo der Urgroßvater lebte, und dessen Vater, und dessen Großvater, wo der Ahne gewohnt hat, ob am Rhein oder in Polen, was sein Beruf gewesen, ob er Rabbiner oder Arzt, Kaufmann oder Bauer, Handwerker oder Jurist war. Man will das Band der jüdischen Familie um alle Generationen geschlungen sehen, man will sich eine Kontrollmöglichkeit über die Familiengeschichte bewahren; denn wer um seine Väter weiß, der wird nicht einsam sein, selbst wenn er allein ist; der wird mit der Gegenwart besser zurecht kommen, weil die Vergangenheit ihn lehrte, wie Zeit zu meistern ist; der wird sich des „Erbes im Blut" bewußt sein und dieses sein Wissen meitergeben an die kommenden Geschlechter. Denn „Jüdische Familie" ist etwas durchaus Eigenartiges, ja, man darf sagen: Einzigartiges. Die Familie ist bei uns Juden der Born unseres Lebens. Wenn man uns fragt: Warum gibt es trotz einer Sturmann zweitausendjährigen Diaspora noch Juden auf der Welt? — so sollten wir antworten: Weil es noch die jüdische Familie gibt. Wenn also die Liebe für jüdische Vergangenheit in unfern Tagen aufs neue erwacht ist, wenn sich eigens eine Gesellschaft zum Zwecke jüdischer Familienforschung konstituiert hat, dann ist es kein Zufall, wenn sich auch jüdische Dichter und Deuter dieses Stoffes annehmen. Es sei mir erlaubt, innerhalb dieser Betrachtung auf drei Bücher kurz hinzuweisen, welche dem Problem der jüdischen Familie gewidmet sind. Sie erschienen im Jahre 1929, nahezu gleichzeitig, was zum Nachdenken Anlaß genug gibt. Ludwig Marcuse, der Frankfurter Theaterkritiker, zeichnet in seiner Biographie Ludwig Börnes^ das Bild eines jüdischen Menschen. Hier soll nicht von der Biographie als solcher die Rede sein, sondern nur von jenen Anfangskapiteln, in denen das Frankfurter Ghetto von 1800 geschildert wird. Dort lebt die' Familie Baruch, und dort wird ihr später so berühmter Sohn Löw geboren. In unbeschreiblicher Enge wächst der Knabe aus, in Gassen, die von Schmutz starren, in einem Hause, dessen Verwahrlosung dem Wohlstand der Familie geradezu spottet. Aber noch gibt es keine Judenemanzipation, der Knabe Löw erlebt die schmachvollsten Demütigungen, denen seine Glaubensbrüder ausgesetzt sind: Juden haben keine Gewerbefreiheit, sie sind deklassiert und dürfen die öffentlichen Anlagen nicht betreten, damit die Frankfurter Bürger keinen Anstoß an den „Fremden" zu nehmen brauchen. Aber diese grauenhafte Enge wird erwärmt von dem Zauber der jüdischen Familie. Von hierher erhält das Ghettoleben überhaupt erst einen Sinn. Dieses Milieu wird von Mareuse sehr anschaulich geschildert. Das Buch gibt uns eine lebendige Vor- 1 Paul List Verlag, Leipzig. f) HAUS DER QUALI1ÄJSSTOF FE i \ N. STARK & Cil j MÜNCHEN NÜRNBERG jj^K AR LS PLATZ 5 LUITPOLDSTRASSE 11 Jj